Schwindelgefahr: Der Blick aus der Wohnung von Kevin Wörner in Shanghai. Während der Corona-Krise sind auf den Straßen der Millionenmetropole fast keine Fahrzeuge unterwegs.
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Schwindelgefahr: Der Blick aus der Wohnung von Kevin Wörner in Shanghai. Während der Corona-Krise sind auf den Straßen der Millionenmetropole fast keine Fahrzeuge unterwegs.

Corona-Prävention in China

So erlebt ein Wetterauer die Corona-Krise in China

  • vonPatrick Eickhoff
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Aus Bruchenbrücken in die weite Welt: Vor einem Jahr ist Kevin Wörner nach China gezogen, lebt und arbeitet in Shanghai. Über die dortige Corona-Bekämpfung weiß er einiges zu berichten.

"Das öffentliche Leben beginnt so langsam wieder«, sagt Kevin Wörner. Vor einem Jahr ist der 26-Jährige aus Bruchenbrücken nach China gezogen, um dort zu arbeiten. Er wohnt in Shanghai. »Es sind mehr Autos unterwegs, die Restaurants öffnen wieder - die Leute gehen wieder raus«, sagt er mit Blick aus seiner Wohnung, die im 25. Stock eines Hochhauses liegt. Die zwölfspurige Straße vor dem Haus zeigt, »dass hier alles eine Dimension größer ist«, wie er sagt. Rund 25 Millionen Einwohner hat die Stadt, die wegen der Corona-Pandemie zwischenzeitlich dem Stillstand nahe war. »Am Anfang wurde das auch in China unterschätzt, das Leben ging einfach weiter. Es sind Flieger aus Wuhan durchs Land und in die Welt geflogen«, sagt Wörner. Erst im zweiten Schritt sei das ganze Land dichtgemacht worden.

Corona-Krise China: Atemschutzmaske gehört zum Alltag

Den totalen Lockdown im Januar und Februar hat der 26-Jährige allerdings nicht in Shanghai erlebt, sondern in Bruchenbrücken. »Ich war auf Heimatbesuch, und dann wurde mein Rückflug gestrichen. China hat für einige Zeit die Einreise verboten«, schildert er. »Das waren natürlich schwierige Wochen. Keiner wusste, wie es genau weitergeht.« Am 1. März ist er zurück nach Shanghai geflogen. »Mittlerweile müssen Ausländer für zwei Wochen in Quarantäne, ich war davon nicht direkt betroffen«, sagt er.

Im April 2019 hatte sich Kevin Wörner entschlossen, nach China zu gehen. »Der Karriere wegen«, sagt er. Nach dem Abitur an der Augustinerschule in Friedberg studierte er BWL, ging dann in die Unternehmensberatung und baute sich ein Netzwerk auf. »Meinen Chef in China kenne ich durch die Zeit bei Roland Berger.« Mittlerweile arbeitet Wörner in Shanghai mit rund 40 Leuten zusammen. »Wir investieren in Start-ups und helfen ihnen, nach China zu expandieren.« Der 26-Jährige ist im Management des Unternehmens tätig.

Obwohl es in seiner Wahlheimat Shanghai wieder bergauf geht, trifft das Coronavirus auch ihn und seine Kollegen. »Wir sind sehr stark betroffen«, sagt er. »Wir erwarten nicht, dass viele Start-ups in diesen Zeiten nach China expandieren«, sagt er. Deshalb habe man die Strategie etwas umgestellt, die langfristigen Projekte lägen auf Eis.

Er und seine Kollegen beobachten die Lage in Europa genau. »Ich bin im regelmäßigen Austausch mit meinen Eltern, was sich vor Ort abspielt«, sagt er. Vergleichbar sei die Situation nur bedingt. »Die Chinesen wissen, dass ihr sehr autoritäres System in solch einem Fall zwar extrem ist, aber sehr hilfreich. Hier wurden die Grenzen dichtgemacht, es gab extreme Auflagen, das ganze System wurde heruntergefahren, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.«

Die Folgen spürt der 26-Jährige heute noch. »Man bekommt an jedem Eingang, egal ob auf der Arbeit oder im Supermarkt, Fieber gemessen.« Das sei am Anfang sehr ungewohnt gewesen. Das Tragen von Schutzmasken sei in China dagegen nicht ungewöhnlich. »Das steht nicht zwangsläufig für die Angst, sich zu infizieren, sondern für den Respekt, niemanden anzuspucken und so eventuell Überträger von Bakterien zu sein.«

Die Hamsterkäufe, die in Deutschland vorkommen, seien in China fast ausgeblieben. »Ich habe mich mit meinen Kollegen darüber unterhalten. Es gab zwar immer mal wieder eine gewisse Knappheit an einzelnen Produkten im Hygienebereich, aber einen so großen Ansturm wie in Deutschland hat man hier nicht erlebt.«

Corona-Krise China: Glücklich, wieder rausgehen zu dürfen

Ein Hilfs- und Rettungspaket für kleine und mittelständische Betriebe gibt es in China nicht. »Alleine Shanghai hat 25 Millionen Einwohner. Das Land ist riesig, das ist in dem Ausmaß einfach nicht möglich.« Dennoch habe es andere Regelungen gegeben. »Es wurden kostenlose Büroräume zur Verfügung gestellt, es gab flexible Deadlines, was beispielsweise Steuererklärungen angeht.« Das volle Ausmaß der Krise sei bei vielen Unternehmen aber noch nicht zu erkennen.

Nach Deutschland zurückkehren möchte der 26-Jährige auf jeden Fall. »Allerdings verschieben sich jetzt auch meine Pläne nach hinten. Das wirft ja alles zurück«, sagt er. Außerdem gebe es Wichtigeres in diesen Zeiten. »Auch meine Kollegen richten momentan den Blick Richtung Europa und drücken die Daumen, dass es bald wieder bergauf geht.« Wichtig sei es, sich an die Regeln zu halten. China habe die Krise dadurch in den Griff bekommen.

Etwas Sorgen macht sich der 26-Jährige um seinen Vater. »Er ist als Hausarzt mit vielen Leuten in Kontakt, auch wenn er natürlich Schutzmaßnahmen trifft.« Einmal die Woche sieht Kevin Wörner seine Familie per Videotelefonie. »Und wir schreiben jeden Tag. Hoffentlich kehrt so schnell es geht der Alltag wieder ein, denn in China spürt man regelrecht, wie glücklich alle sind, wieder gemeinsam rausgehen zu können.«

Wetterauer in China: YouTube und Instagram

Kevin Wörner hat sich neben seiner beruflichen Tätigkeit auch in den sozialen Netzwerken einen Namen gemacht. Bei Instagram (thekevinjon), LinkedIn sowie YouTube (»Management Consulting Insights« und »KevinJon«) hat er insgesamt rund 30 000 Abonnenten. »Es gibt verschiedene Ansätze«, sagt der 26-Jährige. »Ich spreche viel über die Themen Management und Consulting sowie über Start-ups, weil mich diese Dinge ja tagtäglich beschäftigen. Allerdings berichte ich auch von meinem Leben in China und meinem Alltag«, sagt er.

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