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Auf dem Podium im Friedberger Kreishaus haben (v. l.) Petra Schnelzer, Armin Häuser, Rolf Gnadl, Bernhard Schönau, Reiner Engel und Michael Elsaß Platz genommen.

Erinnerung an Zeitenwende

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Friedberg(har). Am heutigen Samstag jährt sich zum 30. Mal der Fall der Berliner Mauer, was auch in der Wetterau mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert wird. Am Donnerstagabend fand im Plenarsaal des Kreishauses in Friedberg eine Gesprächsrunde mit Zeitzeugen aus Ost und West statt.

Mit dabei waren der frühere Wetterauer Landrat Rolf Gnadl und der aktuelle Kreistagsvorsitzende Armin Häuser sowie aus dem Unstrut-Hainich-Kreis, dem Partnerkreis des Wetteraukreises, Bernhard Schönau, 24 Jahre Bürgermeister der Bad Nauheimer Partnerstadt Bad Langensalza und Reiner Engel, nach der Wende erster Pressesprecher der Kreisverwaltung Bad Langensalza. Der Besuch jedoch war enttäuschend. Landrat Jan Weckler begrüßte knapp 30 Zuhörer, darunter als offiziellen Vertreter des Partnerkreises den ersten ehrenamtlichen Kreisbeigeordneten Klaus Zunke-Anhalt.

Biermann-Tonträger geschmuggelt

"Der Mauerfall am 9. November ist ein positives historisches Ereignis in der deutschen Geschichte", sagte Weckler. Zugleich sei dieses Datum durch die Reichspogromnacht aber auch ein wichtiger Gedenktag. Als "gelebte Wiedervereinigung" bezeichnete Zunke-Anhalt seine persönliche Lebensgeschichte. Der gebürtige Hesse, der 1989 bei der Bundeswehr in Hessisch Lichtenau war, lernte in Mühlhausen eine Thüringerin kennen, heiratete sie, zog in deren Heimatort Eigenrieden, wo er später Bürgermeister wurde. Es war dies nur eine von vielen persönlichen Geschichten, die die Gedenkveranstaltung so interessant machten. "Man spürte damals, dass etwas in der Luft lag, aber mit dem Mauerfall hatte niemand gerechnet", sagte Reiner Engel. Schönau ergänzte: "Es wurden zu jener Zeit in den Gaststätten schon Gespräche geführt, für die man Jahre zuvor abgeholt worden wäre." Rolf Gnadl, 1989 Bürgermeister von Glauburg, erzählte von seinen Reisen zu den Verwandten in der damaligen DDR.

"Wir haben damals Tonträger von Wolf Biermann aus der DDR geschmuggelt", bekannte Gnadl, der nach der Wende mehrmals in vierwöchigen Blöcken ehrenamtlich Verwaltungshilfe in Bad Langensalza leistete, während Armin Häuser von 1991 bis 1996 als Referent im Finanzministerium in Mecklenburg-Vorpommern tätig war. Gnadl: "Von familiären Ereignissen abgesehen, war dies die schönste Zeit in meinem Leben." Häuser hatte nie mit der deutschen Einheit gerechnet: "Für mich war die Zweistaatlichkeit selbstverständlich".

Für die Zuhörer hochinteressant waren die Einblicke von Schönau und Engel in das alltägliche Leben der DDR-Bewohner. "Wir haben alle versucht, das Beste daraus zu machen", sagte Engel, der 1989 einen fahrfähigen Wartburg zusammengebaut hatte und diesen noch bis 1992 fuhr. Schönau wartete 14 Jahre auf seinen Lada. Nach der Lieferung begann er sofort, "auf Vorrat" Ersatzteile zu besorgen. Der langjährige Bürgermeister von Bad Langensalza berichtete aber auch von der nicht immer leichten "Aufarbeitung der Vergangenheit der Mitarbeiter in der Verwaltung: Das war für mich so was von ernüchternd."

Likör und Toilettenpapier

Zum Gelingen der kurzweiligen Veranstaltung trugen auch die bestens vorbereiteten Moderatoren Michael Elsaß und Petra Schnelzer von der Öffentlichkeitsarbeit des Wetteraukreises bei. Einspielungen, wie von Günter Schabowskis berühmter Pressekonferenz am 9. November 1989, lockerten den Abend ebenso auf wie eine Kostprobe des DDR-Kultgetränks "Peppi", einem grünen Pfefferminzlikör. Braunes, hauchdünnes DDR-WC-Papier machte die Runde. "Das wollte der Wetteraukreis 1990 ordern. Der Personalrat erhob glücklicherweise Einspruch", erinnerte Elsaß. Für die musikalische Umrahmung sorgte das Strecker-Quartett der Musikschule Bad Nauheim, das den "unglaublich spannenden Abend" (Weckler) mit der Nationalhymne beendete.

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