Spezialisten für Alte Musik: Maria Jonas und Thomas Friedlaender beim Konzert in der Stadtkirche. FOTO: GK
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Spezialisten für Alte Musik: Maria Jonas und Thomas Friedlaender beim Konzert in der Stadtkirche. FOTO: GK

Erinnerung an einen Schicksalstag

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg(gk). 2. August 1492: Der Exodus der spanischen Juden ("Sephardim") beginnt. In den folgenden Monaten werden mehr als 160 000 von den "allerchristlichsten" Königen Ferdinand und Isabella von Aragon-Kastilien gezwungen, ihr Territorium unter Zurücklassung ihres Hab und Guts zu verlassen oder sich taufen zu lassen. Die meisten Vertriebenen finden Zuflucht in den Herrschaftsgebieten des Osmanischen Reichs. In Istanbul, Saloniki, Smyrna, aber auch italienischen Städten wie Venedig, Ferrara, Livorno oder dem holländischen Amsterdam entstehen blühende sephardische Gemeinden, die ihre alten Bräuche und Lieder jahrhundertelang pflegen werden.

Auf den Tag genau 528 Jahre nach diesem Schicksalsdatum in der Geschichte des europäischen Judentums - am Sonntagabend - verzaubern die Sängerin und Spezialistin für Alte Musik, Maria Jonas aus Köln, und ihr Begleiter Thomas Friedlaender (Dresden) am Schlagwerk die Gäste in der Stadtkirche mit jüdisch-arabisch-christlichen Liedern aus dem maurischen Spanien des Hohen Mittelalters.

Im Jahr 711 überqueren muslimische Berberstämme die Straße von Gibraltar und erobern in wenigen Jahren fast die gesamte Iberische Halbinsel. Von den zum Teil seit Jahrhunderten hier lebenden Juden werden sie als Befreier begrüßt. Denn viele arabische Herrscher - vor allem im Emirat Granada und Kalifat von Cordoba - tolerieren deren Religion und Brauchtum. Folge dieser Duldung: Das spanische Judentum erlebt eine - immer wieder von Phasen der Repression und Verfolgung unterbrochene - lange Blütezeit als Mittler zwischen muslimischer und christlicher Kultur.

Kirchenschiff zum Schwingen gebracht

Aber auch ein christlicher Herrscher wie König Alfonso X. von Kastilien-Leon, genannt "El Sabio" (der Weise), holt Juden als hohe Beamte, Ärzte oder Musiker an seinen Hof in Barcelona. Bei Aufführungen der von ihm (er regierte von 1251 bis 1284) in Auftrag gegebenen "Cantigas de Santa Maria", einer umfangreichen Sammlung von gereimten Marienlegenden in altportugiesischer Sprache ("Galego"), wirken nachweislich sephardische und "maurische" Musiker mit.

Die Darbietung von vier Titeln aus dieser über 400 Lieder umfassenden Sammlung markierte den Höhepunkt des gut einstündigen Konzerts in der Stadtkirche. "Ay Santa Maria", "Virgen madre gloriosa", "Santa Maria strela do dia": Maria Jonas, die sich am "Bordun" - der Drehleier - begleitet, verfügt über eine filigrane und gleichzeitig raumgreifende Stimme. Was beim ersten Hören monoton klingen mag, verwandelt sich unversehens in ein exotisches, vielfarbiges Klangbild. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne Thomas Friedlaenders fantasievolles Agieren und Improvisieren an Schlagwerk, Glockenspiel und Kuhhorn (Zink). Mit Letzterem brachte er das große Kirchenschiff zum Schwingen.

Auch das dargebotene Loblied auf den Apostel und Märtyrer Jakobus "Dum pater familias" aus dem in der Kathedrale von Santiago de Compostela aufbewahrten "Codex Calixtinus" aus der Mitte des 12. Jahrhunderts fasziniert durch seinen fast tanzartigen Rhythmus. Der berühmte Codex existiert in mehreren Handschriften und Übersetzungen und ist gleichzeitig einer der ersten "Pilgerführer" für den Jakobsweg. Überaus ergreifend in ihrer Innigkeit und tiefen Sehnsucht sind die beiden sephardischen Gesänge "Nanni, Nanni" - ein Wiegenlied - und "Yeruschalaim".

Mit drei levantinischen Liedern muslimisch-jüdisch-christlicher Herkunft endete ein kurzes Konzert, das einen intensiven Eindruck dessen vermitteln konnte, was den Geist von Al Andaluz als "Land der drei Ringe" ausmacht: die Idee der Toleranz und wechselseitigen kulturellen Befruchtung. Diesem Geist, dieser Utopie huldigt Gotthold Ephraim Lessing in seinem großartigen Schauspiel "Nathan der Weise" von 1781.

Nach einem lang anhaltende, verdienten Applaus verabschiedeten sich die beiden Künstler mit einer Zugabe.

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