Telefonzelle

Englische Telefonzelle wird zum Bücherschrank

  • VonHarald Schuchardt
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Die englische Telefonzelle am Europaplatz in Friedberg wird schon lange nicht mehr zum Telefonieren benutzt. Nun erfüllt sie einen ganz anderen Zweck.

Die englische Partnerstadt Bishop’s Stortford hat der Stadt im Juni 1990 zum 25-jährigen Partnerschaftsjubiläum eine typisch englische Telefonzelle geschenkt. Bis heute steht sie am westlichen Rand des Europaplatzes hin zur Kaiserstraße. Die Partnerschaft wurde vor sechs Jahren von den Engländern einseitig aufgekündigt, die Telekom hat schon länger den Telefonbetrieb eingestellt und den Münzfernsprecher ausgebaut. Seitdem fristete die leere Zelle ein eher karges Dasein. Sie zu entfernen, stand für die Stadtoberen jedoch nicht zur Debatte. Nun hat sie eine neue Funktion erhalten: Sie wurde zum ersten offenen Bücherschrank der Stadt.

Schon vor drei Jahren hatte die FDP-Fraktion einen entsprechenden Antrag in der Stadtverordnetenversammlung gestellt. Der wurde zwar von allen Seiten begrüßt, doch es dauerte länger als erwartet, bis der »offene Bücherschrank« am Dienstagmittag offiziell eingeweiht wurde. »Ein großer Bahnhof für ein kleines Ereignis«, sagte Bürgermeister Michael Keller angesichts der gut 20 Teilnehmer aus den Reihen des Magistrats, des Stadtparlaments, der Verwaltung und des Baubetriebshofs.

Mini-Bücherei immer geöffnet

Die für jeden jederzeit zugängliche Mini-Bücherei sei zwar »eine kleine Sache, aber für die Kaiserstraße wichtig und groß«, sagte Keller, der auf die Geschichte des FDP-Antrags einging. Der geplante Ankauf einer ausrangierten Telefonzelle erwies sich zunächst als schwierig und schließlich als zu teuer. Da kam die leere englische Telefonzelle genau richtig. Diese wurde von der Straße weg um 90 Grad gedreht, so dass die Nutzer nicht direkt auf den Bürgersteig gehen müssen. Das knallrote Regal wurde von zwei Schreinern aus dem Baubetriebshof hergestellt. Die Erstausstattung mit Büchern wurde von der Stadtbücherei vorgenommen. »Es handelt sich um Bücher, die wir ausrangiert oder geschenkt bekommen haben und die einfach nicht in unser Programm passen«, erklärte Bettina Semmerau, die Leiterin des Bibliothekszentrums Klosterbau, die ebenso zur Eröffnung gekommen war wie Kulturamtsleiterin Christine Böhmerl, die für das Projekt federführend war.

Bitte nehmen Sie nicht das letzte Buch, ohne dafür ein anderes reinzustellen

Eine der Regeln aus der »Gebrauchsanweisung«

Böhmerl befestigte nach Kellers Rede eine Gebrauchsanweisung an der Tür des rund um die Uhr geöffneten Bücherschranks. Darin werden die Nutzer aufgefordert, sich ein Buch auszusuchen, mit nach Hause zu nehmen oder gleich mit dem Lesen anzufangen. Das Buch kann behalten oder zurück gebracht werden. Jeder kann das Regal mit Büchern auffüllen, die er oder sie für interessant hält und nicht mehr benötigt. Noch zwei Regeln sind wichtig: »Bitte nehmen Sie nicht das letzte Buch, ohne dafür ein anderes reinzustellen« und »Falls das Regal voll ist, bitte nur noch Bücher entnehmen.« Erläutert wird auf der »Gebrauchsanweisung« auch die Betreuung des Projekts. Parteien übernhemen Patenschaft Die FDP-Fraktion im Stadtparlament hat bis Ende 2019 die Patenschaft übernommen, dann folgt für zwei Jahre die Linke-Fraktion. »Das mache ich gerne, ich bin so froh, dass das Projekt jetzt umgesetzt ist«, freute sich der stellvertretende FDP-Vorsitzende Sigi Köppl, der nun als Ansprechpartner und Pate fungiert. »Ich wünsche der Telefonzelle, deren Farbe mir gut gefällt, alles Gute«, sagte Keller.

Einige Teilnehmer der kleinen Zeremonie hatten Bücher mitgebracht, die anschließend in die noch freien unteren Regalböden gestellt wurden. Nur ein englischsprachiges Buch fehlt bisher noch in der einstigen englischen Telefonzelle.

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