Eleonore Bachmann ist die älteste Bürgerin von Dorheim, zählt aber noch längst nicht zum sprichwörtlichen "alten Eisen". Die Jubilarin ist fit und hat noch einiges vor.
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Eleonore Bachmann ist die älteste Bürgerin von Dorheim, zählt aber noch längst nicht zum sprichwörtlichen »alten Eisen«. Die Jubilarin ist fit und hat noch einiges vor.

Große Pläne

Älteste Bürgerin Dorheims: Eleonore Bachmann will mit 100 Jahren in die Bütt

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Dorheims älteste Bürgerin wird heute 100 Jahre alt. Eleonore Bachmann hätte gerne groß gefeiert, Corona lässt das nicht zu. Die Jubilarin hat noch Pläne: Im nächsten Fasching steigt sie in die Bütt.

Eleonore Bachmann ist erstaunlich fit. »Ach, hören Sie auf«, sagt sie schmunzelnd, während ihr Sohn Jürgen Komm (65) dem Reporter zustimmt. »Sie ist ein Wunderwerk. Ihre geistige Frische ist enorm.« Man dürfe nie stehen bleiben, müsse immer aktiv bleiben, sagt die Jubilarin. »Außerdem werde ich umsorgt.« Auch der ältere Sohn Gerhard wohnt in Dorheim, dann sind da die beiden Schwiegertöchter, Freundin Alina, die ihr im Haushalt hilft, eine Nachbarin, mit der sie Karten spielt und Diakonie-Schwester Daniela, die regelmäßig vorbeischaut.

Eleonore Bachmann wird’s nicht langweilig. Sie liest jeden Tag die WZ, löst Kreuzworträtsel, schaut Fernsehen, verfolgt das politische Tagesgeschehen, aber auch den Sport. Warum Jogi Löw Karim Bellarabi nicht mir zu WM nahm (»Der ist doch so schnell!«), kann sie auch Jahre später nicht verstehen. Was sie festgestellt hat: Im Alter erinnert man sich eher an Ereignisse, die länger zurückliegen. Die Kindheit im Sudetenland steht ihr noch deutlich vor Augen. Die 45-minütigen Fußmärsche zur Volksschule, die Gastwirtschaft der Eltern, in der immer Leben war. »Es gab viel Freud’ und viel Leid.«

Älteste Bürgerin Dorheims: Vertreibung aus dem Sudetenland

Bachmann stammt aus dem Sudetenland. 1945 flüchtete die Familie, musste in die Heimat zurückkehren, aus der sie kurz drauf vertrieben wurde. Ihr Mann war nach der Hochzeit zur Wehrmacht eingezogen worden. »Ein-, zweimal haben wir uns in seinem Urlaub gesehen.« Dann wurde er als vermisst gemeldet, vermutlich gefallen bei Stalingrad. Mit zwei kleinen Kindern flüchtete die damals 26-Jährige. Ihre Eltern - sie war die Älteste von sechs Geschwistern - verschlug es in die Nähe von Regensburg. In Dorheim lernte sie ihren zweiten Mann kennen, der aus Ostpreußen vertrieben war, aber früh starb. »Wir waren arm. Unsere erste Wohnung war ein einzelner Raum, den wir uns mit einer weiteren Frau teilten.« Doch dann ging es aufwärts, ein Haus wurde gebaut.

Sie habe ihr Lebtag lang gearbeitet, als Betreuerin in Seniorenheimen in Köppern und in Bad Nauheim. 1984 heiratete sie zum dritten Mal, den Dorheimer Kaufmann Karl Bachmann, der ein Textilgeschäft führte. »Die Jugend gleicht manches aus«, antwortet sie auf die Frage, wie man Krieg, Flucht und Vertreibung aushält. »Wir waren jung, wollten arbeiten und uns ein Leben aufbauen.« Eine Frage des Willens. Die heutige Zeit habe auch Nachteile. »Früher war’s ruhiger. Es gab kein Gehetze, das Miteinander in der Nachbarschaft war besser.«

Ist die WZ gelesen und sind die Kreuzworträtsel, die der Sohn von dessen Nachbarn (samt einer kleinen Tafel Schokolade) mitbringt, gelöst, dann »dirigiert sie ihre Söhne«, wie der jüngste Spross frotzelnd einwirft. »Die vergessen ja auch so viel. Da muss ich sie drauf aufmerksam machen«, sagt Bachmann. Manchmal schnappt sie sich ihren Rollator (»Ein praktisches Teil. Beim Kochen kann ich den Topf drauf abstellen und zum Esstisch fahren«) und einen Besen und kehrt selbst den Dreck weg. Dann schimpfen die Söhne. »Ach was! Ich muss mich halt immer beschäftigen. Müßiggang kenne ich nicht.«

Älteste Bürgerin Dorheims: Im hohen Alter noch sehr aktiv

Im Dorheimer Seniorenclub ist sie aktiv, hält kleinere Vorträge. Auch die Treffen des Friedberger Seniorenclubs und der Senioren der evangelischen Kirche besucht sie (»Obwohl ich katholisch bin«). Zuhaus rumsitzen? Nicht mit Eleonore Bachmann. »Ich will nicht zu Hause rumsitzen.«

Und deshalb plant sie für die nächste Karnevalssaison den Auftritt als Hundertjährige, die in die Bütt steigt. Den WZ-Reporter, dessen Glossen sie jeden Morgen studiert, hat sie als musikalischen Begleiter verpflichtet, der Sohn liefert den Text. »Sie wird Deutschlands älteste Karnevalistin«, sagt er stolz. »Naja«, entgegnet sie, »so ein, zwei Jahre bin ich wohl noch da. Wie der Herrgott halt will.« Darauf der Sohn: »Das dauert noch. Die Deutsche Rentenversicherung wird sich über dich noch schön ärgern!« Dies und weiterhin Gesundheit und viel Freude am Leben wünscht die WZ der Jubilarin.

Corona hin oder her: Ein klein wenig wird heute trotzdem gefeiert. Der Bürgermeister hat sich angekündigt, und die Sängergemeinschaft Dorheim, bei der Elenore Bachmann über 30 Jahre aktiv war, wird ein Ständchen singen. Hoch soll sie leben!

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