Sind E-Ladesäulen der Stein der Weisen bei "betanken" von Elektrofahrzeugen? Verkehrsexperte Johannes Hübner sagt nein. Er hält ein Netz von E-Tankstellen mit austauschbaren Akkus für sinnvoller. 
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Sind E-Ladesäulen der Stein der Weisen bei "betanken" von Elektrofahrzeugen? Verkehrsexperte Johannes Hübner sagt nein. Er hält ein Netz von E-Tankstellen mit austauschbaren Akkus für sinnvoller. 

Elektro-Mobilität

Gegen E-Ladesäulen "an jeder Ecke" - Verkehrsexperte über Alternative zu stundenlangem "tanken"

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Die hessische Hauptstadt der E-Tankstellen heißt Friedberg. 76 öffentliche Ladepunkte gibt es, hinzukommen solche von Firmen und Verwaltungen. Experte Johannes Hübner äußert dennoch Kritik.

Stellen Sie sich vor, Ihrem Auto geht das Benzin aus. Sie fahren zur nächsten Zapfsäule und müssen zwei Stunden warten, bis der Tank wieder voll ist. Eine irre Vorstellung. Aber so ähnlich funktioniert das derzeit bei Elektrofahrzeugen - wobei die Ladezeit je nach Modell zwischen 20 Minuten und 14 Stunden betragen kann. Den Friedberger Verkehrsexperten Johannes Hübner vom Institut Mobile Zukunft (IMZU) stört noch mehr am Ladesystem der E-Auto-Branche. Statt der "planlosen Errichtung" von immer mehr E-Ladestationen fordert das IMZU den Aufbau einer E-Tankstellen-Infrastruktur.

"Laden ist das neue Tanken", verkündete Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) jüngst. Stimmt, sagt Hübner. Die Zukunft gehört den Elektroautos. Aber muss das Laden deshalb überall möglich sein, an jeder Ecke? "Bislang kann vom Autofahrer auch verlangt werden, dass er an einer Tankstelle tankt, statt zu Hause aufzufüllen." Sinnvoller seien Batterien zum Austauschen. "Better Place" nennt sich das System, das die deutsche Wirtschaft vor Jahren aber ablehnte.

"Better Place" funktioniert ganz einfach: Die rund 14 000 Tankstellen in Deutschland müssten lediglich mit Ladestationen ausgerüstet werden. Dort werden jeweils rund 100 Akkus ("Stacks") bereitgehalten, die ohne teure Schnell-Ladung aufgefüllt und gegen leere Batterien ausgetauscht werden. Der "Tankvorgang" dauert nur Minuten. Hübner: "Bei einer durchschnittlichen Tagesfahrleistung von 38 Kilometern müsste jedes E-Fahrzeug nur wöchentlich einmal tanken. Die 1,4 Millionen Akkus würden für mindestens drei Millionen E-Autos reichen."

Ein "Flickenteppich" an E-Ladestationen

Die Vorteile liegen laut Hübner auf der Hand, die Nachteile des jetzigen Systems auch: "Ein Flickenteppich von einer Million Ladesäulen in Deutschland ist energetisch und umwelttechnisch extrem schädlich, weil das gesamte Stromnetz in seinen Kapazitäten mit Kupfer-Kombinationskabeln verdoppelt werden muss." Herstellung, Verlegung und Wartung fräßen jeden Umwelt- nutzen auf, verkehrten das Vorhaben gar zur Umweltbelastung. Laut IMZU, ein privater Zusammenschluss von Verkehrsexperten, ist ein zergliedertes Ladesäulen-Netz nicht wirtschaftlich zu betreiben.

"Einheitliche Tausch-Akkus bieten dem Nutzer obendrein die Sicherheit, keinen veralteten Pfand-Akku zu nutzen", sagt Hübner. Weitere Vorteile: Ein E-Tankstellen-Netz helfe, Millionen Quadratmeter an Parkflächen für nachladende Autos zu vermeiden. Alte Akkus würden über die Pfand-Rücknahme sachgerecht entsorgt. Die Brandgefahr durch defekte Ladegeräte werde verringert. Und, für Feuerwehren wichtig: Bei einem Brand lassen sich die kaum löschbaren Akkus dank Schnellkupplung aus dem Fahrzeug entfernen.

"Das ›Better Place‹-System funktioniert", sagt Hübner und verweist auf einen Promotion-Film zur künftigen DTM-Rennserie: Die Rennwagen kommen zum Boxenstopp an einen Batterie-Stack, der blitzschnell den Akku-Pack austauscht und den Wagen zurück ins Rennen schickt.

Mitsubishi erforscht E-Auto-Zukunft

Das IZMU fordert einen "E-Mobilitäts-Normierungsgipfel". Hübner, vielen aus dem Radio als "FFH-Autodoktor" bekannt, will die Diskussion um E-Tankstellen neu entfachen. "In der Branche ist viel Bewegung", weiß er. Das bestätigt Jörg Machalitzky, Pressesprecher von Mitsubishi Motors. Vor der Deutschland-Zentrale in der Pfingstweide befindet sich Hessens größte Elektrotankstelle. Der japanische Autohersteller setzt auf das Prinzip "Plug-in-Hybrid", die Vereinigung von herkömmlichem Verbrennungs- mit modernem Elektromotor. "Für die Kunden ist das derzeit das praktikabelste System", sagt Machalitzky. Auch sein E-Auto steht an einer Ladesäule. "Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal an einer Tankstelle war."

Aktuell beteiligt sich Mitsu-bishi an einem Forschungsprojekt der Hochschule Stuttgart zur "Einbindung bidirektional ladender Plug-in- und Elektroautos in das Energienetz": Wer sein Auto mit Solarstrom auflädt, kann überflüssigen Strom vom Auto in sein Haus einspeisen. Es ist in der Tat noch viel Bewegung in der E-Auto-Branche.

Größte Dichte an Stromtankstellen

Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft gab es Ende 2019 insgesamt 24 000 öffentliche E-Ladesäulen in Deutschland, 8000 mehr als im Jahr zuvor. In Hessen sind 1724 Ladepunkte aufgebaut (2018: 1413). Auch wenn einer von mehreren entsprechenden Internetseiten in Friedberg nur eine E-Tankstelle kennt: In keiner anderen hessischen Stadt dürfte die Dichte an E-Tanksäulen so groß sein wie in der Wetterauer Kreisstadt. Als Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) im Januar 2018 seinen Dienst im Rathaus antrat, war eine seiner ersten Amtshandlungen die Eröffnung einer E-Tankstelle im Rathauspark. Mittlerweile gibt es in Friedberg 76 öffentliche Ladepunkte. Die meisten sind für die Nutzer kostenlos, so auch die 64 Ladepunkte vor der Deutschland-Zentrale von Mitsubishi Motors im Industriegebiet Süd. Wie Antkowiak sagt, gibt es außerdem acht Ladepunkte für städtische Dienstwagen, die etwa vom Bauhof oder dem Bauamt genutzt werden: "In diesem Jahr werden die Stadtwerke zwei Ladepunkte an der Stadthalle errichten. Weitere Ladepunkte werden folgen."

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