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Einkaufsstadt Friedberg: BID könnte für einen Ruck sorgen

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Von: Jürgen Wagner

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Beim FDP-Stammtisch: Referent Markus Pfeffer (2. v. r.) mit Dr. Markus A. Schmidt, Beate Hammerla und Ralf Maurer. © Jürgen Wagner

Hauseigentümer schließen sich zusammen und sorgen so dafür, dass ihr Stadtviertel gepflegt aussieht und viele Kunden anlockt: Das ist das Prinzip von »BID«, das Thema beim FDP-Stammtisch.

Nie gab es mehr zu tun«, lautete ein Slogan der FDP zur letzten Bundestagswahl. Vom »Neustart« war die Rede. Man kann das auch auf die Kommunen übertragen. Durch viele Städte muss ein »Ruck« gehen. Das gilt auch für Friedberg und die Kaiserstraße. Wie kann man die wieder beleben? »Schwierig«, sagte Markus Pfeffer, Geschäftsführer der BIDs in Gießen beim Wirtschaftsstammtisch der FDP am Mittwoch im »Beef ’n Beer«.

Pfeffer berichtete den rund 20 Anwesenden, laut FDP-Vorstandsmitglied Dr. Markus A. Schmidt ein »Rekordbesuch«, wie Gießen in den letzten Jahren herausgeputzt wurde und sich der Einzelhandel ganz neu aufgestellt hat. Der 55-jährige Marketing- und Kommunikationsmanager ist einer der »Missionare« der BID-Projekte in Deutschland, berät Kommunen, hält Vorträge. Und kümmert sich als Geschäftsführer um den BID Seltersweg.

Glaubt man Pfeffer, dann geht es den Geschäften dort gut. Besser jedenfalls als andernorts. Die Kennziffernb des Einzelhandels sind seit 2007 angestiegen, das gilt auch für die Kundenfrequenz. Worauf das zurückzuführen ist? Laut Pfeffer auf viele Neuerungen in der Fußgängerzone: Neues Licht, neue Gestaltungselemente, Sauberkeit.

Vermarktung des Marken-Boulevards

Zusätzlich zur städtischen Reinigung (wie andernorts auch morgens, am Nachmittag sieht’s dann oft schon wieder schlimm aus) sammeln zwei Rentner auf Honorarbasis Müll ein. Der Seltersweg wird als »Boulevard der Marken« vermarktet. Mit neuen Logos, neuer Werbestrategie und mit zwei interaktiven Infotafeln, quasi riesige Smartphones, die alte Infotafeln ersetzen und mit denen man im Internet Produkte suchen oder mit der Ehegattin telefonieren kann, wenn die in irgendeinem Geschäft verschwunden ist. Blumenkübel wurden aufgestellt. Am Elefantenklo wurde ein (derzeit nicht funktionierender) Wasserfall installiert. Die Geschäftslogos an den Fassaden sind keine quietschbunten Plastikkästen mehr, sondern als Einzelbuchstaben ausgeführt. Das hat Chick.

Pfeffer führte weitere Beispiele an, wie sich die Geschäftswelt von Gießen mit Anschaffungen oder Aktionen neu aufgestellt habe. »Wir müssen Erlebnisse schaffen«, lautete sein Credo für funktionierenden Einzelhandel.

Wie das koordiniert und bezahlt wurde? Durchs BID. Wie Pfeffer erläuterte, ist dies ein Zusammenschluss in einem definierten innerstädtischer Bereich, in dem sich die lokale Wirtschaft (Grundeigentümer und Einzelhändler) aus eigener Initiative für Jahre zu einer freiwilligen Abgabe bereit erklären. Das Geld wird mit der Grundsteuer von der Stadt eingezogen und geht ans BID, das damit Verbesserung des Umfelds finanziert. Die Idee wurde in 1970 in Toronto/Kanada geboren, als sich die Geschäftsleute durch ein geplantes Einkaufszentrum in ihrer Existenz bedroht sahen. Die Ladenbesitzer sammelten Mittel für die Aufwertung der Innenstadt, im Gegenzug sicherte die Stadt zu, dem Einkaufszentrum die Baugenehmigung zu verweigern. So ähnlich war es laut Pfeffer auch in Gießen. Entsprechende Baupläne seien ein »Horrorszenario« für die Ladenbesitzer gewesen. Sie sammelten geld, gründeten in ießen insgesamt vier BID in verschiedenen Quartieren und gingen an die Arbeit.

Wetzlar als Negativbeispiel

Das BID ist gesetzlich geregelt, die Stadtverordnetenversammlung muss ihr Okay geben, vor allem aber muss es Hauseigentümer geben, die an einem solchen Zusammenschluss interessiert sind. Die Geld in die Hand nehmen, um ihre Immobilien, aber auch das Umfeld durch bauliche Maßnahmen aufzuwerten. Professionell geleitet, mit fester Laufzeit und Personal. Ob das in Friedberg geht? »Einbisschen schwierig«, schätzt Pfeffer mit Blick auf die Häuserstruktur das ein. »Aber nicht hoffnungslos.«

Als Negativbeispiel einer Innenstadt, wo die Entwicklung des örtlichen Handels verschlafen wurde, nannte Pfeffer Wetzlar. Das dortige Forum sorgt für eine Leerstandsquote in der Innenstadt von zeitweise bis zu 75 Prozent. Dagegen ist die Einkaufsstadt Friedberg eine Art Gießen im Kleinen. Oder könnte es werden.

Was FDP-Vertreter dazu sagen

Gründet sich auch in der Wetterauer Kreisstadt ein »Business-Improvement-District«? Die FDP, die das Thema nach Friedberg getragen hat, würde das begrüßen. Über zweieinhalb Stunden Lang referierte der Gießener BID-Geschäftsführer Markus Pfeffer, er sprach lebendig und mitreißend, war kaum zu stoppen. Zu später Stunde äußerten sich FDP-Vertreter. Dr. Markus A. Schmidt sagte, Friedberg habe das Potenzial zum lebendigen Zentrum der Wetterau, dafür bedürfe es aber der richtigen Initiativen von politischer als auch privater Seite: »Wir werden alle Bemühungen unterstützen, Friedberg zu stärken. Die Gründung eines BID wäre eine lohnende Initiative für unsere Stadt.« Was er auch betonte: Die Erreichbarkeit des Zentrums mit Individualverkehr sei weiterhin wichtig. Beate Hammerla erwähnte die Herausforderung des stationären Handels durch Onlinehandel. Ein »Ass im Ärmel« der heimischen Geschäfte sei das Einkaufserlebnis. Deshalb sei es wichtig, die Kaiserstraße wiederzubeleben. Helge Müller wies darauf hin, dass die Stadt Friedberg den Einzelhandel bereits »mehr als anderswo« unterstützt, etwa bei Urlaubsaktionen oder dem Weihnachtsmarkt. Müller: »Wir werden diese Kooperationen noch intensivieren.« Der FDP-Vorsitzende Ralf Maurer sagte, in Gießen habe es die Befürchtung gegeben, die BID-Beiträge (oft untere vierstellige Beträge pro Jahr, bei Großkaufhäusern auch deutlich mehr) könnten die Mieten steigen lassen. »Das war nicht der Fall.«

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