Die Einkäufe für die Feiertage sind für viele stressig.	SYMBOLFOTO: DPA
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Die Einkäufe für die Feiertage sind für viele stressig. SYMBOLFOTO: DPA

Weihnachtsstress in Corona-Zeiten

Einkauf mit Angst, Bedrohungsgefühl und Aggression

  • VonSophie Mahr
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Kaufen auf den letzten Drücker. Bei vielen liegen kurz vor Weihnachten und coronabedingt die Nerven blank. Viola Röder erklärt, warum das so ist und wie man damit umgehen kann.

Auch wenn dieses Jahr Weihnachten nicht so groß gefeiert wird, soll das Essen im kleinen Kreis etwas Besonderes sein. »Die Kunden sind dieses Jahr gereizter, wenn beispielsweise das Geflügel aus dem Angebot für die Festtage nicht lieferbar ist.

Auch wenn wir vorher darauf hingewiesen haben, dass es coronabedingt zu Lieferproblemen kommen kann, haben die Kunden teilweise kein Verständnis. Sie verlassen einfach den Laden oder legen den Hörer auf, ohne sich zu verabschieden«, sagt ein Verkäufer aus einem Friedberger Lebensmittelmarkt.

Oft nur Unaufmerksamkeit

»Durch den Weihnachtsstress vergessen manche Kunden leider öfter ihre Maske. Wenn man sie darauf hinweist, setzen sie die schnell auf.« Man merke, dass das »normale Einkaufsverhalten« wieder überhand nehme, berichtet der Verkäufer.

»Viele Menschen denken einfach nicht daran. Dahinter steckt nicht zwangsläufig Ignoranz oder Widerstand, sondern oftmals einfach ›nur‹ Unaufmerksamkeit«, sagt Viola Röde r, Coach fü r Resilienz und Stressmanagement. »Die Toleranz der Bevölkerung gegenüber solcher Unachtsamkeit nimmt jedoch mit steigender Inzidenz ab.«

Teilweise aggressiv und genervt

Der Andrang in den Läden sei geringer als normalerweise vor Weihnachten, sagt der Verkäufer. Diese Ansicht teilt auch eine Friedbergerin nach ihrem Weihnachtseinkauf beim Discounter. »An der Kasse gab es keine lange Schlange, aber der Einkauf selbst war sehr stressig. Es war nicht einfach, den Abstand zu halten und dabei an die gewünschten Lebensmittel zu kommen.«

Wenn man die Leute darauf hinweist, dass sie einem zu nahe kommen, reagieren sie teilweise aggressiv oder genervt. Aber warum?

Erhöhtes Bedrohungsgefühl

»Die Angst, sich zu infizieren, sorgt für ein erhöhtes Bedrohungsgefühl und erzeugt Stress. Menschen reagieren daher sehr sensibel auf die Nichteinhaltung der Hygieneregeln. Die Angst zeigt sich dabei oft maskiert in Form von Aggression«, sagt Viola Röder.

»Viele Menschen erleben Unsicherheit. Eine langfristige Weiterbeschäftigung im Unternehmen ist fragwürdig, das Einkommen durch Kurzarbeit gekürzt oder die Existenz durch eine Schließung bedroht - all das sind gravierende Stressfaktoren, die unbewusst die Aggressionsbereitschaft vieler Mensche n steigern. Hinzu kommt soziale Isolation beziehungsweise erhöhte Anforderungen durch fehlende Kinderbetreuung und Homeschooling.«

Fehlverhalten ernst nehmen

Ob beim Einkaufen oder auch nur im eigenen Treppenhaus, wenn einem jemand zu nahe kommt, stellen sich viele die Frage, ob sie jetzt was sagen sollen oder nur einen Schritt zurückgehen, um von sich aus für Abstand zu sorgen. Doch was ist besser?

»Fehlverhalten sollte man ernst nehmen und die Menschen auch darauf hinweisen. Hier macht jedoch der Ton die Musik.« Aus ihren Seminaren nennt Röder als Beispiel den Ansatz der wertschätzenden Kommunikation.

Ruhig und sachlich bleiben

»Auf die Situation angewendet könnte es folgendermaßen klingen: Mir fällt auf, dass wir sehr dicht beieinander stehen. Ich habe dabei Angst, dass wir uns gegenseitig mit dem Coronavirus infizieren könnten. Es würde mir bessergehen, wenn wir die Abstandsregeln zu unserem eigenen Schutz einhalten. Bitte sind Sie so freundlich und achten Ihrerseits auch auf einen Abstand von 1,50 Meter. Vielen Dank!«

Falls das Gespräch dennoch eskaliere, solle man ruhig und sachlich bleiben. Manchmal helfe es auch, die Perspektive das anderen zu würdigen - das gehe auch, ohne dass man diese teilen oder gar gut heißen müsse.

»Ein Beispiel: Ich kann Sie verstehen, dass Sie als Asthmapatient nur schwer Luft bekommen, nichtsdestotrotz erhöht sich ohne das Tragen einer Maske die Gefahr einer Ansteckung.« Doch manchmal gehe es auch ohne Worte: Ein kleiner Fingerzeig auf die eigene Maske verbunden mit einem kleinen Zwinkern könne schon helfen.

Zunehmend Bestandteil des Lebens

Statt der üblichen Vorfreude wünschen sich manche, dass der Weihnachtstress einfach vorbei ist. Könnte das Miteinander nach den Feiertagen wieder freundlicher werden?

»Auf diese Frage gibt es keine pauschale Antwort. Bei einem Teil der Menschen wird die Angst weiter zunehmen. Dafür sorgen letztlich auch die neuesten Meldungen über die modifizierte Virusvariante. Bei einem anderen Teil wird sich so etwas wie Gewöhnung einstellen, und die Bedrohung wird zunehmend zu einem Bestandteil des Lebens. Zumindest jedoch wird nach den Weihnachtsfeiertagen der Stress abfallen, der sich durch die Spannungen innerhalb der Familien aufgebaut hat. Unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse so wie abweichende Vorstellungen über die Umsetzungen der gesetzlichen Maßnahmen innerhalb der Familie sorgen doch gerade in der Vorweihnachtszeit zunehmend zu Spannungen.«

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