Ein Buch und sich selbst: Mehr braucht Jo van Nelsen nicht, um die Charaktere aus Wolf Schmidts "Die Kündigung" und "Die Spezialistin": zu prallem Leben zu erwecken. 	FOTO: GK
+
Ein Buch und sich selbst: Mehr braucht Jo van Nelsen nicht, um die Charaktere aus Wolf Schmidts »Die Kündigung« und »Die Spezialistin«: zu prallem Leben zu erwecken. FOTO: GK

Aus einer längst untergegangenen Welt

  • vonGerhard Kollmer
    schließen

Friedberg (gk). Jo van Nelsen ist ein Phänomen. Auch nach mehreren, sehr gut besuchten, Auftritten im Theater Altes Hallenbad (die WZ berichtete) gibt dieser Künstler, der weit mehr als nur herkömmlicher »Alleinunterhalter« ist, Rätsel auf - so auch wieder am Sonntagabend im fast voll besetzten großen Saal des Alten Hallenbads.

»Die Kündigung« und »Die Spezialistin«: Die beiden frühen Werke Wolf Schmidts hatte Jo van Nelsen diesmal im Gepäck, um sie im Lauf der nächsten 100 Minuten - wer hätte anderes erwartet? - zu prallem Leben zu erwecken.

Es ist sieben Uhr abends. Sohn Willi sitzt zeitunglesend auf dem Sofa, während Mamma - den Blick auf die Uhr gerichtet - nervös im Zimmer auf und ab läuft.

Weil Babba, damals (so seine stolze Selbstbezeichnung) »Prokurist einer angesehenen Firma«, noch nie verspätet zum gemeinsamen Abendessen erschienen ist. »Visionen des Grauens« nehmen von ihr Besitz. Plötzlicher Tod, Kündigung, Fremdgehen: Was könnte der Grund seiner Verspätung sein? Die Erklärung »Fremdgehen« scheint ihr schließlich die plausibelste zu sein: »Wer ist dieses Weib?« Ihre Worte nehmen »Alarmsirenenton« an. Dass Willi bei all dem in stoischer Ruhe auf dem Sofa sitzt, bringt sie zusätzlich in Rage. Ihr Gefühlsaufruhr endet in heftigem Schluchzen. So weit die erste Szene auf der imaginären Bühne.

Begeisterung und Wehmut

Ist das lustig, komisch? Bei genauerem Hinhören hält der herzhaft lachende Zuschauer - dem Geheimnis von Jo van Nelsens Kunst auf die Spur kommend - inne und wird gewahr, dass Wolf Schmidts Geschichten weit mehr als nur Unterhaltungsliteratur sind. Nein: Es sind empathische, humorvolle Milieuschilderungen auf hohem Niveau, in denen niemand - auch Mamma nicht - je der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Und dass dem so ist, demonstriert der verschmitzt lächelnde Ausnahmekünstler da vorn auf der Bühne Minute für Minute in der Art seiner stimmlich-mimisch-gestischen Darbietung.

Wolf Schmidt liefert eine literarische Steilvorlage, und sein kongenialer Regisseur Jo van Nelsen verwandelt sie in ein wunderbares Stück, in dem er selbst alle Rollen spielt. Ohne dass jemals die Grenze zum Albernen, Lächerlichen überschritten würde. Das ist große Kunst. Babba kommt schließlich - Gott sei Dank - lebend nach Hause und läßt scheinbar zerknirscht Mammas ironische Fragen nach einem eventuellen »Seitensprung« über sich ergehen. Schließlich verkündet er stolz-triumphierend, dass er vom Inhaber der Druckerei zum Geschäftsführer ernannt wurde. »Babbasche, is des wirklich wahr!?« Ja, es ist.

»Die Spezialistin«: Hier haben wir es mit einem weiteren Kabinettstück zu tun, in dem moderner Rationalisierungswahn nach allen Regeln der Kunst ad absurdum geführt wird. Fräulein Flockenbusch, neu im Betrieb, will den Laden auf Vordermann bringen und verlangt von jedem Mitarbeiter eine genaue Auflistung seiner Tätigkeiten am Arbeitstag. Statt erhoffter Zeitersparnis und größerer Effizienz erreicht sie das genaue Gegenteil und wird während ihrer urlaubsbedingten Abwesenheit von Babba Schachmatt gesetzt.

Auch diese meisterliche Vorlage verwandelt Jo van Nelsen in ein theatralisches Kleinod. Wer die Augen schließt, sieht sie alle leibhaftig vor sich - diese wunderbaren kleinen und großen Menschen mit ihren Freuden und Sorgen.

In die Begeisterung der Zuschauer mischt sich Wehmut, denn die »Hesselbach«-Welt« ist unwiderruflich untergegangen. Nur große Kunst kann sie lebendig erhalten - uns zur Freude und ein wenig auch zur Belehrung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare