Untrügliches Gespür für die besten Passagen: Jo van Nelsen und sein pianistischer Begleiter Bernd Schmid bringen Erich Kubys Roman "Rosemarie - des deutschen Wunders liebstes Kind" auf die Bühne. FOTO: GK
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Untrügliches Gespür für die besten Passagen: Jo van Nelsen und sein pianistischer Begleiter Bernd Schmid bringen Erich Kubys Roman "Rosemarie - des deutschen Wunders liebstes Kind" auf die Bühne. FOTO: GK

Eine mitreißende Revue

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg(gk). Sie war die berühmteste Edelprostituierte der Bundesrepublik: Rosemarie Nitribitt, 1930 geborene Tochter einer Alkoholikerin und als Kind von ihrem Stiefvater vergewaltigt, bricht mehrmals aus Heimen für "schwer erziehbare Mädchen" aus und beginnt ab ihrem 17. Lebensjahr zielstrebig an einer Karriere als Edelprostituierte in der aufstrebenden Metropole Frankfurt am Main zu arbeiten.

Schon bald gehören Wirtschaftskapitäne und Banker zu ihrem Kundenkreis, vertrauen ihr intime Geheimnisse an und entlohnen sie üppig für ihre Liebesdienste. "Das Mädchen Rosemarie" (so der Titel eines Films von 1958) hält mit ihrem plötzlichen Reichtum nicht hinterm Berg, zeigt sich mit ihrem schicken Mercedes 190 SL demonstrativ auf den Straßen und Plätzen "Bankfurts".

Mord nicht aufgeklärt

Über die Gründe ihrer bis heute nicht aufgeklärten Ermordung im Herbst 1957 lässt sich nur mutmaßen. Wurde sie "aus dem Weg geräumt", weil sie zu viel über Bosse und Banker wusste? Überschätzte sie ihre Rolle spätestens in dem Augenblick, als sie erpresserisch mit der Preisgabe kompromittierender Details drohte?

Erich Kuby, 2005 95-jährig verstorbener Autor und Verfasser kritischer Artikel in Magazinen wie "Stern" und "Spiegel", wirkte am Drehbuch des oben genannten Films mit und veröffentlichte 1958 seinen Tatsachenroman "Rosemarie - des deutschen Wunders liebstes Kind", der schnell zum Bestseller avancierte, um einige Jahre später in Vergessenheit zu geraten.

Gegenstand öffentlichen Interesses wurden in den 60er Jahren andere Themen - wie zum Beispiel die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit oder die Studentenbewegung der 68er Jahre. Dem kleinen Frankfurter Schöffling-Verlag ist eine Neuauflage von "Rosemarie" zu Beginn des Jahres zu danken. Momentan steht das Werk im Mittelpunkt der Reihe "Frankfurt liest ein Buch".

Jo van Nelsen - aus zahlreichen umjubelten szenischen "Hesselbach"-Lesungen in Friedberg bestens bekannt - ist am vergangenen Wochenende (noch rechtzeitig vor dem neuen Lockdown) gleich zweimal nach Friedberg geeilt, um in Begleitung seines Pianisten Bernd Schmid Erich Kubys spannendes über einen herkömmlichen Roman weit hinausgehendes Buch in einer faszinierenden Revue vorzustellen. Singend, tanzend, szenisch lesend bewegt er sein Publikum nach knapp 90 Minuten zu lang anhaltendem Applaus, der mit zwei Zugaben belohnt wird.

Was Kuby intendiert hatte: den Mordfall Rosemarie Nitribitt zu einer Art Menetekel der westdeutschen Wirtschaftswunderzeit der 50er und frühen 60er Jahre werden zu lassen, hat Jo van Nelsen - mit viel Spaß an der Freud - szenisch Gestalt werden lassen. "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien", "Jetzt kommt das Wirtschaftswunder", "Capri-Fischer", "Der Novak": Mit diesen und etlichen weiteren songs lässt van Nelsen die Atmosphäre dieser Jahre - zumindest bei jenen, die sie noch selbst miterlebt haben, geradezu körperlich greifbar werden.

Mit untrüglichem Gespür für die besten Passagen in Kubys Werk (das sich passagenweise wie eine soziologische Studie liest), wird die verlogene Rede von einem völligen "Neubeginn" nach 1945 demaskiert. Das - fiktive - Gespräch eines Amerikaners mit dem deutschen Fabrikanten, der seinen braven, fleißigen Arbeitern ein Denkmal setzen will, ist einer von etlichen Höhepunkten des Abends.

Es war wieder ein großer Abend kurz vor Toresschluss, mit dem uns Jo van Nelsen und sein pianistischer Begleiter Bernd Schmid beschenkt haben.

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