Zeichnungen wie diese versuchen das Geschehene darzustellen.	FOTO: HULTON/CORBIS/DUKAS/GK/DPA
+
Zeichnungen wie diese versuchen das Geschehene darzustellen. FOTO: HULTON/CORBIS/DUKAS/GK/DPA

Eine ganze Welt im Fieber

  • vonGerhard Kollmer
    schließen

Wetteraukreis. Zwischen der »Spanischen Grippe« und der derzeitigen Corona-Pandemie können durchaus Parallelen gezogen werden oder Ähnlichkeiten erkannt werden. Nach dem Artikel kürzlich zur ersten Grippewelle folgt nun der Rückblick über die zweite Grippewelle im Herbst/Winter 1918

Im Hochsommer ebbt diese erste relativ harmlose Grippewelle so schnell ab, wie sie gekommen ist. Von den jährlichen saisonalen Influenza-Epidemien unterscheidet sie sich durch die große Zahl der Infizierten und ihre hohe Verbreitungsgeschwindigkeit. Die Zahl der Todesfälle liegt dagegen im Normbereich. Der Spuk scheint vorüber.

Morgens krank, abends tot

Doch schon wenige Wochen später überflutet eine zweite Welle der Pandemie in wenigen Wochen den Globus. Das Virus kehrt in mörderisch-mutierter Form zurück. Außer einigen entlegenen Inseln im Südatlantik wie St. Helena und der menschenleeren Antarktis wird kein Kontinent, kein Land von diesem Tsunami verschont bleiben. Nun beginnt das große Sterben. Diese zweite, bis Ende 1918 wütende »Herbstwelle« fordert einen Blutzoll, der alles bisher Dagewesene unendlich übersteigt.

Die Mortalität liegt um ein Vielfaches höher als bei herkömmlichen Grippe-Epidemien. Ihnen fällt im Schnitt nur jeder tausendste Infizierte zum Opfer. Bei der »Spanischen Grippe« ist es - je nach Region - jeder zwanzigste bis vierzigste Erkrankte. In einigen Ländern wie Indien und China sind die »Letalitätsraten« wesentlich höher. Auf dem europäischen Kriegsschauplatz reißt die Pandemie bis November 1918 mehr Soldaten in den Tod als die Kampfhandlungen selbst. »Morgens krank, abends tot; abends krank, morgens tot«: Die Todgeweihten sterben meist nach wenigen Tagen - in der Regel als Folge einer sogenannten »Sekundärinfektion« in Gestalt einer bakteriellen Lungenentzündung. Die Medizin spricht von »Superinfektion«.

Bis es so weit ist, durchläuft der Kranke ein Martyrium, das mit Schüttelfrost, hohem Fieber, starken Kopf- und Gliederschmerzen einsetzt. Er beginnt Blut zu husten; der Körper verfärbt sich violett, dunkelblau, schwarz. Diesen grauenvollen Anblick bewirkt die sogenannte »heliotrope Zyanose« - extreme Sauerstoffarmut. Schließlich erstickt der Kranke unter schlimmsten Qualen. Wer die Seuche überlebt, bleibt oft für Jahre von ihren Spätfolgen gezeichnet. Ärzte und Pflegepersonal stehen diesem Massensterben ratlos gegenüber. Ein heilendes Medikament oder ein vorbeugender Impfstoff sind nicht bekannt, und werden während der insgesamt einjährigen Grippe-Pandemie auch nicht gefunden oder entwickelt. Stattdessen versucht man es mit Aspirin, Chinin, Quecksilberkuren bis hin zum altbekannten Aderlass.

Keine Medizin, kein Impfstoff

Keines dieser Mittel kann die Pandemiewelle aufhalten oder Krankheitssymptome abmildern. Selbst Drogen wie Kokain und Heroin kommen zum Einsatz.

Ursache für die Hilflosigkeit der damaligen Medizin ist die Unkenntnis davon, dass es sich bei dem Krankheitserreger nicht um einen »Bazillus«, das heißt, ein Bakterium, sondern um ein - zwanzigmal kleineres - Virus handelt. Erst nach Erfindung des Elektronen-Mikroskops 1933 wird es möglich, dies zeigen zu können.

Dann wird es noch einmal über zehn Jahre dauern, bis die Isolierung der verschiedenen Virusarten gelingt und drei Grippe-Typen klassifiziert werden. Regierungen, Gesundheitsbehörden, Stadtverwaltungen werden von der tödlichen Seuche zunächst ebenso überrascht wie die Mediziner. Dies gilt auch für hochentwickelte Länder wie die USA. Ein besonders krasses Beispiel mag dies belegen: In Philadelphia, einer der am stärksten betroffenen Städte der Vereinigten Staaten, fallen im Oktober 1918 an einem einzigen Tag 711 Menschen der Krankheit zum Opfer.

Es gibt keine Särge mehr; die Toten bestattet man in eilig ausgehobenen Massengräbern. Gerhard Kollmer

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare