Insgesamt acht Gedenkschleifen haben (v. l.) Malin Potengowski, Lisa Steinbrück und Lukas Hölzinger an Bäumen vor einstmals jüdischen Geschäften angebracht.
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Insgesamt acht Gedenkschleifen haben (v. l.) Malin Potengowski, Lisa Steinbrück und Lukas Hölzinger an Bäumen vor einstmals jüdischen Geschäften angebracht.

Eine andere Form des Gedenkens

  • vonHarald Schuchardt
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Friedberg(har). Acht blaue Schleifen hängen seit Montagnachmittag an sieben Bäumen auf der Kaiserstraße und an einem weiteren Baum in der Judengasse gegenüber der Mikwe, dem Judenbad. In den Häusern, vor dem die "Schleifen-Bäume" stehen, haben sich einst Geschäfte befunden, die von jüdischen Mitbürgern geführt worden sind. Angebracht wurden die Schleifen von Lisa Steinbrück, Malin Potengowski und Lukas Hölzinger, dem Leiter der städtischen Jugendfreizeiteinrichtung Junity. Zusammen mit Vero Ewzenko, Petra Abdelmalek, Simone Junker und Wolfgang Dittrich hat das Trio einen Ersatz für den Gedenkspaziergang am 9. November geschaffen.

Dabei wird der Verfolgung der jüdischen Mitbürger durch die Nationalsozialisten gedacht. Diese erreichte mit der Pogromnacht am 9. November 1938 einen ersten Tiefpunkt.

Der Gedenkspaziergang wird vom Junity und der Antifaschistischen Bildungsinitiative veranstaltet und vom Stadtjugendring Friedberg, dem Wetterau-Museum, "Demokratie leben!" Wetterau, dem Evangelischen Dekanat Wetterau, "Fridays for Future" Friedberg/ Bad Nauheim und der Linksjugend "solid Wetterau" unterstützt.

Podcasts auf der Junity-Internetseite

"In Corona-Zeiten war die Durchführung eines gemeinsamen Spaziergangs mit bis zu 100 Teilnehmern nicht möglich", erklärt Hölzinger. Und so schuf die Gruppe eine Möglichkeit, den Spaziergang alleine zu unternehmen. Zahlreiche Podcasts wurden besprochen und so ein digitales Angebot für einen realen Spaziergang entwickelt. Die Podcasts wurden auf die Internetseite des Junity gestellt. Die Einspielungen können beim Spaziergang abgerufen werden. Schwerpunkte des Gedenkspaziergangs mit den zuvor aufgenommenen Redebeiträgen und Gedichten sind in diesem Jahr die einstigen jüdischen Geschäfte auf der Kaiserstraße.

Ein gutes Dutzend jüdischer Händler gab es vor der Machtergreifung der Nazis alleine auf der Kaiserstraße. Material darüber gibt es recht wenig. "Es wird meist vergessen, dass es jüdisches Leben in der Stadt gegeben hat", sagt Lisa Steinbrück, während sie zusammen mit Potengowski und Hölzinger die erste von acht Schleifen vor dem Haus Kaiserstraße 34 anbringt. In dem Gebäude, in dem sich heute ein Nagelstudio und das "Paparazzo, früher die "Reichskrone", befindet, war einst das "Trikotagengeschäft Geschwister Süsskind" beheimatet.

Acht Schleifen würden angebracht, um "das Gedenken für jedermann sichtbar zu machen", sagt Hölzinger. Als Grundlage für die Recherchen hatte die Dokumentation "Zur Bedeutung jüdischer Unternehmen in Stadt und Kreis Friedberg und ihrer ›Arisierung‹ nach 1933" von Hans-Helmut Hoos gedient. Mangels Baum direkt davor wurde die Schleife für das Haus Kaiserstraße 115 auf der gegenüberliegenden Straßenseite angebracht. "Es ist das markanteste Gebäude, das für jüdisches Leben in Friedberg steht", erläutert Hölzinger. Im Jahre 1913 erwarb der jüdische Kaufmann Leopold Ehrlich das Gelände und ließ das erste "Friedberger Hochhaus" mit fünf Stockwerken errichten. Im Erdgeschoss richtete er sein großflächiges Schuhgeschäft Ehrlicher ein.

Auf der östlichen Kaiserstraßenseite wurden weitere fünf Schleifen angebracht, unter anderem vor dem Haus mit der Nummer 60, in dem sich ein weiteres Schuhgeschäft, das Schuhhaus Deutsch, befunden hatte. Heute ist in dem 1217 erbauten Haus "Zum roten Löwen" Lederwaren Steck beheimatet. Ulf Berger, Inhaber des Familienbetriebs und Vorsitzender der Werbegemeinschaft "Friedberg hat’s", begrüßt diese Form des Gedenkens: "Man soll die Geschichte nicht vergessen, schon gar nicht heutzutage." Die letzte Schleife wurde an einem Baum gegenüber der Mikwe, dem Judenbad, angebracht. Laut dem Geschäftsregister von 1933 befand sich dort die Lederhandlung Kuhn.

Nachdem die letzte Schleife angebracht war, schloss Hölzinger die Tür zur Gedenkstätte auf dem einstigen Judenplatz auf. Bis 19 Uhr blieb der Platz geöffnet, um so Bürgern die Möglichkeit des Gedenkens vor Ort zu geben. Vor den beiden Eingangstüren lagen bereits weiße Rosen, die von den "Omas gegen rechts" niedergelegt worden waren.

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