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Hans-Helmut Hoos

Ein virtuoses Spiel

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Der dritte Vortrag der Friedberger »Som- meruni« war, wie der vorhergehende, dem Thema »Zeit in der Literatur« gewidmet. Im Unterschied zu diesem stellte Hans-Helmut Hoos kürzlich eine der großen Prosaschöpfungen der modernen Literatur - Thomas Manns 1925 erschienenen Roman »Der Zauberberg« - ins Zentrum seiner Betrachtungen.

Sein Referat begann mit literaturwissenschaftlichen Begriffsklärungen. Fundamental für das Verständnis literarischer Prosawerke ist die Unterscheidung zwischen »Erzählzeit« und »erzählter Zeit«. Versteht man unter Ersterer diejenige Zeitspanne, die die Erzählung (bzw. Lektüre) eines Prosawerks benötigt, so ist mit letzterer der Zeitraum gemeint, von dem die Erzählung beziehungsweise der Roman berichtet. Der Autor oder die Autorin eines Prosawerks - von der wenige Seiten langen Kurzgeschichte bis hin zum dickleibigen Roman - kann zwischen mehreren Erzähltempi wählen: Er kann »zeitdeckend« verfahren. In diesem Fall sind Erzählzeit und erzählte Zeit identisch, das heißt, gleich lang.

Verfährt er dagegen »zeitraffend«, so ist die Erzählzeit kürzer als die erzählte Zeit. Geht er jedoch den Weg der »Zeitdehnung«, so ist die Erzählzeit länger als die erzählte Zeit. Ergänzend spricht die Literaturwissenschaft von »elliptischen« Erzählformen, in denen sprunghaft, oft mit Rückblenden erzählt wird.

Benötigt beispielsweise Ernest Hemingway eine Stunde, um eine seiner sich etwa über den gleich kurzen Zeitraum erstreckenden, Short Stories zu erzählen bzw. vorzulesen, so verfährt er zeitdeckend. Er wird sich in diesem Fall auf die Wiedergabe von Gedanken, Stimmungen, Wahrnehmungen seiner Figur(en) beschränken.

Als Extrembeispiel für zeitdehnendes Verfahren nannte Hoos eine literarische Ikone des 20. Jahrhunderts - den Roman »Ulysses« von James Joyce. Auf mehr als 1000 Seiten werden hier die sich über nur einen Tag erstreckenden Erlebnisse, Gespräche und Gedanken (»Bewusstseinsstrom«/ »Stream of Consciousness«) des kleinen Angestellten Leopold Bloom in Dublin erzählt. Zum Vorlesen würde man dagegen mindestens 30 Stunden benötigen.

In Homers »Odyssee« (dem »Vorbild« von Joyce) geschieht, so der Referent, genau das Gegenteil: Auf einigen Hundert Seiten erzählt Homer zeitraffend von den sich über 20 Jahre erstreckenden Abenteuern des Odysseus auf dem Weg zurück in die Heimat. Dies ist nur mit Zeitsprüngen oder durch Verzicht auf linear-chronologisches Erzählen möglich.

Alfred Döblins epochaler Großstadtroman »Berlin Alexanderplatz« nutzt keine der drei Möglichkeiten zeitlicher Gestaltung von Prosawerken. Unter Verwendung der Montagetechnik »zersplittert« er jede herkömmliche Art des Umgangs mit Zeit in der Literatur. Eine Vielzahl gleichzeitig ablaufender »Ereignisse« spiegelt das Leben in einer hektischen Metropole kongenial wider.

Der im Mittelpunkt von Hoos’ äußerst erhellendem, mit viel Beifall bedachten Vortrag stehende »Zauberberg«-Roman spielt virtuos auf der »Zeitklaviatur« und gehört damit, so der Referent, zu den avanciertesten Bei-spielen moderner Prosaliteratur.

Seine Hauptfigur Hans Castorp, der eigentlich nur wenige Tage seinen kranken Cousin im Lungensanatorium besuchen will, verliert - wie verzaubert - jedes Zeitgefühl und bleibt schließlich sieben lange Jahre. FOTO: GK

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