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Ein Mahnmal erinnert heute am Reaktor an die Katastrophe und ihre Opfer.

Nuklearkatastrophe

Tschernobyl: Ein Friedberger an einem gespenstischen Ort

  • vonCorinna Weigelt
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Vor genau 35 Jahren ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Der Friedberger Konrad Funke hat zweimal diesen Ort besucht - und Bilder gemacht von einer gespenstischen Region.

Tschernobyl steht für den größten Unfall in der Geschichte der Atomenergie: Am 26. April 1986, also heute vor genau 35 Jahren, kam es in Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks zu einer vollständigen Kernschmelze. Weltweit veränderte die Katastrophe das Denken der Menschen und deren Beziehung zur Kernenergie. Der Friedberger Konrad Funke hat zweimal den Ort der größten nuklearen Katastrophe besucht.

Seit 2013 geht er intensiv seinem Hobby, der Fotografie, nach. Sogenannte „lost places“ haben es ihm besonders angetan. „Mich haben verlassene Orte mit ihrer besonderen Atmosphäre schon als Kind fasziniert“, sagt der 31-jährige Erzieher. Vor sieben Jahren startete er seine erste Foto-Tour. „Durch einen Bericht über den Berliner Spreepark, einen ehemaligen Freizeitpark mit Achterbahn und Riesenrad, der seit 2001 geschlossen ist.“ Seitdem habe er immer wieder verlassene Orte aufgesucht, sagt Funke.

Dass er auch nach Tschernobyl reisen würde, hätte er da noch nicht gedacht. Das änderte sich, als er Fotos in Sozialen Medien entdeckte. „Ich habe Bilder eines Lost-Place-Fotografen gesehen und war sofort fasziniert“, erinnert sich der Friedberger. Nur wenige Tage später habe er einen Flug und eine Tour gebucht. „Ich musste es einfach mit eigenen Augen sehen.“

Friedberger besucht Tschernobyl: Alleine in einem verfallenen Dorf

Mitte März 2016 ging es von Berlin aus mit einer Reisegruppe per Kleinbus nach Kiew. Tags darauf reiste die Gruppe für drei Tage in die Sperrzone. „Übernachtet haben wir in der Stadt Tschernobyl, welche kurz vor der 10-Kilometer-Zone liegt und dem Kraftwerk den Namen gab.“ 2016 haben noch ungefähr 3000 Menschen in der Zone gearbeitet, die meisten am Reaktorblock 4 und am Sarkophag, der damals noch nicht fertiggestellt war, wie Funke erklärt. Schon der erste Eindruck vor Ort sei überwältigend gewesen. „Wir haben als erstes ein Einsiedlerpaar besucht und wurden dort sehr freundlich empfangen.“ Die Vorstellung, alleine in einem verfallenen Dorf zu leben, mehr oder weniger auf sich allein gestellt zu sein, sei nur schwer zu begreifen.

Kurz darauf ging es nach Prypjat, die „Geisterstadt“ mit ehemals knapp 50 000 Einwohnern, die zum Zeitpunkt der Katastrophe noch recht jung gewesen war. Heute sei dort alles bewachsen und verfallen, sagt Funke. „Beeindruckend und beängstigend zugleich“ beschreibt er die Überbleibsel vergangener Tage. Vor Ort habe er versucht, sich schnell auf die Fotografie zu konzentrieren. „So richtig realisiert habe ich viele Eindrücke auch erst abends, wenn wir über den Tag gesprochen haben, und beim Sichten der Bilder.“

Friedberger besucht Tschernobyl: Spielsachen und Kleidung lagen herum

Die Gruppe besuchte Kindergärten, Schulen, Fitnesscenter, Kinos, Schwimmbad und den Rummel mit Autoscooter und Riesenrad. Außerdem ging es zum Krankenhaus, in dem die verstrahlte Schutzkleidung der Ersthelfer von damals verstaut war. „Die Kindergärten waren am emotionalsten“, erinnert sich Funke. „Überall liegen Puppen, Spielsachen und manchmal noch Kleidung herum, es hat alles etwas Gespenstisches.“ Der plötzliche Aufbruch der Menschen, die ihr Hab und Gut zurück lassen mussten, sei noch heute spürbar. Ebenso in den Schulen, in denen teilweise noch die Schulsachen auf oder unter den Tischen liegen und Formeln an der Tafel stehen.

Am dritten Tag ging es auf das Gelände der Duga-Radarstation. Das Areal liege ein wenig von Prypjat entfernt und sei eine kleine Stadt für sich mit Wohnblöcken, Schulen, Kindergärten und allem, was man zum Leben brauche, sagt Funke. Wie in Prypjat herrsche auch dort eine bedrückende Stille. „Man kann nur erahnen, wie lebendig alles hier einmal war.“ Bedenke man, weshalb alles verlassen sei, überkomme einen auch das beklemmende Gefühl, dass so etwas überall passieren könne.

Nur ein Jahr später reiste Funke erneut nach Tschernobyl. Seine Bilder präsentierte er in Ausstellungen in Gießen und Bad Nauheim. „Unverständnis habe ich nicht erlebt, eher Bedenken vor einem Besuch.“ Was Strahlenwerte und die Sicherheit angehe, habe er sich vor seinem ersten Reiseantritt intensiv informiert und mit den aktuellen örtlichen Begebenheiten auseinandergesetzt. Die Strahlung vor Ort ist laut Funke heute insgesamt recht unbedenklich, sofern man sich an die Regeln und Ansagen des Guides hält. Mittels Dosimeter halte dieser die Strahlung immer im Blick und warne vor Hotspots.

Friedberger besucht Tschernobyl: Angst vor Spinat, Sorge um Spielplatz-Sand

Vor seiner ersten Reise nach Tschernobyl habe auch seine Familie mit ihm erstmals das Thema näher diskutiert und sich an 1986 erinnert, sagt der Friedberger Konrad Funke. Er selbst, Jahrgang 1989, wuchs die ersten elf Jahre in Eisenach auf. Seine Eltern hatten zuvor in Naumburg/Saale gewohnt. „Meine Mutter erzählte, dass sie zu der Zeit als Köchin in einer kirchlichen Einrichtung für Jugendliche arbeitete, die sich schon früh mit Ökologie und Umweltschutz befasst haben.“ Eine Situation sei der Mutter besonders im Gedächtnis geblieben: „In der Woche nach dem Unglück gab es in ihrer Kantine Spinat, den allerdings niemand essen wollte.“ Der Spinat sei noch vor dem Unglück gekauft und eingefroren worden. „Die Angst vor der Strahlung war aber doch zu hoch.“

Wie in ganz Deutschland gab es nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl auch in der Wetterau beunruhigte Bürger. Am 22. Mai 1986 fand daher eine Informationsveranstaltung in der Kreisvolkshochschule Friedberg statt, wo die Bürger über die Konsequenzen des Reaktorunglücks aufgeklärt wurden. Der damalige Erste Stadtrat Gerhard Mosbach verwies darauf, dass Friedberg bereits am 5. Mai Proben von Gras des Burgfeldes sowie von Gras und Sand der Spielplätze Mathildenruhe, Heilig-Geist-Kirche und Seewiese entnommen habe, die von der Fachhochschule Gießen-Friedberg untersucht wurden. Hierbei zeigte sich eine Strahlungsbelastung von weniger als 0.05 Millirem. Die Stadt Friedberg sah somit keine Not, spezielle Maßnahmen zu ergreifen. Unter den Bürgern gab es dennoch besorgte und kritische Stimmen. So wurden beispielsweise die regelmäßige Wald- und Pilz-Exkursion der Augustinerschule eingestellt und die Bürgerinitiative für die Abschaltung aller Atomanlagen gegründet (Quelle Stadtarchiv Friedberg). „Als der erste Regen kam, waren die Leute sehr besorgt“, erinnert sich der Bad Nauheimer Ehrenstadtbrandinspektor Joachim Krämer. Auch in der Kurstadt seien Messungen, unter anderem auf Dächern, vorgenommen worden - mit sehr geringen Anzeigen. Die Wehr habe die Gerätschaften dazu wenige Wochen vor dem 26. April 1986 erhalten. „Für uns war das alles noch Neuland“, sagt der damalige hauptamtliche Feuerwehrmann. Vorsorglich habe die Stadt Bad Nauheim auch den Sand auf Spielplätzen austauschen lassen. Aufklärungen habe es auch gegeben, unter anderem bezüglich des Verzehrs von Gemüse.

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