Auch sechs Jahre nach der Schließung sieht in den Räumen, der früher weltbekannten Firma altro-plast alles so aus, als würde gleich gearbeitet.
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Auch sechs Jahre nach der Schließung sieht in den Räumen, der früher weltbekannten Firma alro-plast alles so aus, als würde gleich gearbeitet.

Industriedenkmal

Friedberger Firma „alro-plast“ sechs Jahre nach Aus: Lebenswerk von der Zeit überholt

  • VonHanna von Prosch
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Rosemarie Alder schließt eine Tür nach der anderen auf. Die Friedberger Firma in der Königsberger Straße, der ihre Eltern zu Weltruf verhalfen, ist seit 2015 abgemeldet. Bekannt wurde alro-plast in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch den von Vater Emanuel Alder erfundenen Badefisch, das Thermometer im Kunststoffgehäuse. In den verwinkelten Räumen ist aber fast alles so wie früher - ein spannendes Industriedenkmal.

Friedberg – Es riecht nach Eisen und Arbeit. Am Haken hängen eine Gummischürze und ein blauer Kittel. Überall stapeln sich Kisten und Kartons mit unzähligen Arten von Thermometern. Berge von Folien und Verpackungen füllen die Regale. Schwere Stahlformen, die historische Siebdruckwerkstatt, Tiefzieh- oder Prägemaschinen - alles war einmal neuester Stand der Technik. Das farbige Kunststoffgranulat könnte sofort wieder in eine der sieben Spritzgussmaschinen gefüllt werden und los ginge die Produktion.

Rosemarie Alder weiß noch genau, wie die Maschinen funktionierten. Hier war der Spielplatz ihrer Kindheit. Hierfür schlägt ihr Herz, auch wenn die studierte Germanistin und Kunstpädagogin bis zum schweren Unfall ihrer Mutter 2005 nicht mehr in Friedberg lebte. »Wir hatten vor einem Jahr einen großen Wasserschaden, dessen Ursache schwer zu finden war. Da musste ich alle Schränke und Regale wegrücken. Aber dabei entdeckte ich viel Spannendes. Ich sehe das Lebenswerk meiner Eltern darin, und das rührt mich an«, erzählt sie.

Ihre Mutter Hildegard, im vergangenen Sommer mit 102 Jahren gestorben, war eine toughe Frau. Die gelernte Industriekauffrau hatte mit ihrem Bruder Karl schon 1945 im niedersächsischen Duderstadt eine Firma für medizintechnische Produkte gegründet, die sich Geschwister Rhode nannte. Sie produzierten Geschenkartikel, Injektionsspritzen und Badethermometer aus Holz sowie Medizinthermometer unter anderem zur Empfängnisverhütung. Doch das Gebäude brannte zweimal ab, was sie veranlasste, 1955 nach Friedberg überzusiedeln.

Friedberger Firma alro-plast: Kunststoff macht Badefisch weltberühmt

Sie kauften das Haus der ehemaligen Wäschefabrik Loewenfoss. Unten wurde produziert, oben wohnte die sechsköpfige Familie. Der Vater war mit einem ebenso genialen wie unerschöpflichen Erfindergeist gesegnet. Er konstruierte unter anderem eine Solaranlage zur Brauchwasseraufbereitung, erfand die mobile Dusche und das aufblasbare Schlummerkissen. So waren die Räume bald zu klein. Nach und nach wurden Betriebs- und Lagerräume angebaut und Flachbauten aufgestockt.

Vorausblickend setzte er das damals neu entwickelte Kunststoffmaterial ein, das den Badefisch berühmt machte. Von Friedberg aus trat das Schwimmthermometer in allen Farben seinen Siegeszug durch Europa bis nach Übersee an. In den 70er Jahren wurde alro-plast Branchenführer.

»Für die Fotos in den Prospekten stand ich manchmal selbst Modell und tauchte das Badethermometer in den Schaum ein«, berichtet Alder und stöbert in Bilderbergen. Die Vermarktung der Produkte habe ihr Spaß gemacht, sagt Alder. In den Achtzigern habe sie zur Interbad auch Messeauftritte organisiert. Messen seien überhaupt immer ein Riesenerfolg gewesen. Nicht selten holte das Friedberger Unternehmerehepaar dabei sechsstellige Aufträge ein, mit denen die rund 20 Mitarbeiter und die Auszubildenden gut beschäftigt werden konnten.

Tochter der Friedberger Firma alro-plast würdigt Lebenswerk der Eltern

17 Jahre stand Werkzeugmacher Marijan Maric dem Chef zur Seite, denn alle Formen wurden im Haus hergestellt. Und das waren nicht wenige bei rund 100 Artikeln. Die Thermometer von alro-plast, wie die Firma inzwischen hieß, gingen mit der Mode mit: mal im eleganten stoffbeschichteten Gehäuse, mal in eine Blumenvase integriert für das Armaturenbrett des VW-Käfers, mal multifunktional und später digital oder mit Werbeaufdruck für Weltunternehmen. Noch heute hängen die schwarzen Außenthermometer an vielen Häuserfronten und im Kleinformat in den Zimmern.

»Mein Vater starb 1985. Mit reduziertem Sortiment legte meine Mutter dann noch einmal richtig los. 30 Jahre, bis sie 95 war. Sie war eine Geschäftsfrau durch und durch«, erinnert sich die Tochter. Ein Senkrechtschwimmer für Pools und medizinische Bäder sowie Temperaturmesser für landwirtschaftliche Betriebe blieben bis zuletzt im Sortiment, dank guter Kundenbeziehungen der Chefin. »Die Herstellungsmethoden hatten sich aber mit der Zeit geändert. Es fiel meiner Mutter schwer, zu glauben, dass ihr Lebenswerk von der Geschichte überholt wurde, und dass die ehemaligen Werte mit dem technischen Fortschritt nicht mehr konkurrieren konnten«, resümiert die Tochter.

Inzwischen sei alles veraltet, aber noch nicht reif zum Wegwerfen. Als Künstlerin würdigt sie nun das Lebenswerk der Eltern und setzt es auf ihre Art fort. Dem Schrottwert der Restbestände gewinnt sie in »künstlerischer« Produktion Neues ab, Unikate, die sie »factory-art« nennt.

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