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Vielseitige Gitarristen: Thomas Fellow (l.) und Stephan Bormann spielen Jazz, Welt- und Konzertmusik.

Ein Feuerwerk zum Auftakt

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Er hätte sich nicht träumen lassen, dass aus bescheidenen Anfängen in der Musikschule Friedberg ein solches Erfolgsmodell werden würde, das jetzt auf eine 20-jährige stolze Tradition zurückblicken kann. Mit sichtlichem Stolz trat Martin Wentzel als Gründer und Leiter des Festivals am Samstagabend vor das Publikum im großen Saal des Alten Hallenbads, um die diesjährigen 10.

Internationalen Gitarrentage zu eröffnen.

Ermöglicht wurde das Event im Rahmen des »Kultursommers Mittelhessen« dank der Förderung durch Ovag, Musikschule und Stadt Friedberg. Auch in diesem Jahr sei es gelungen, weltweit renommierte Musiker für die drei Konzerte zu gewinnen.

Dass Wentzel damit den Mund nicht zu voll genommen hatte, bewies der folgende Auftritt des Leipziger Duos »Hands on Strings«. Thomas Fellow und Stephan Bormann zündeten mit elektroakustischen Gitarren und einer E-Gitarre ein anderthalbstündiges Feuerwerk, das die Zuhörer immer wieder zu stürmischem Applaus hinriss.

Unter dem Titel »Free Ride« standen bekannte und neue Eigenkompositionen auf dem Programm. Die beiden Ausnahmemusiker begeisterten von Beginn an durch ihr fantastisches Zusammenspiel. Beide schienen regelrecht mit ihren Gitarren »verwachsen«, präsentierten ihre kontrastreichen, unter Hochspannung stehenden Nummern mit überbordender Freude am eigenen Tun. Trotz perfekter Beherrschung ihrer Instrumente machte sich in keinem Augenblick triste Routine breit. Jeder Titel ist ein eigener Kosmos. Kaum etwas wiederholt sich. In allen Stilrichtungen vom Jazz über World- und Konzertmusik sind Bormann und Fellow zu Hause. Eingestreute Improvisationen erhöhen zusätzlich den Reiz dieser Musik.

Melodische Brüche sind gewollt

Die durch ständige Rhythmus- und Tempowechsel, Synkopen, rasend schnelle Läufe und andere spieltechnische Raffinessen geprägten Titel sind in keinem Augenblick einschmeichelnd. Nein, hier handelt es sich um selbstbewusste musikalische Avant-garde auf hohem Niveau, die auch vor scharfen, zuweilen schmerzhaften »Schnitten« beziehungsweise harten melodischen Brüchen nicht zurückschreckt. »Schön« im herkömmlichen Sinn ist diese Musik nicht. Stephan Bormann und Thomas Fellow muten den Hörern einiges zu. Wer sich dem jedoch stellt, wird mit einem wunderbaren Hörerlebnis belohnt.

Dass auch leise, zuweilen fast meditative Töne zu hören waren, zeigte der nach einem indischen Gewürz benannte Titel »Masala«, bei dem man in die exotischen Gerüche des Orients »eintaucht«.

Ein absolutes Highlight war die mitreißende Präsentation von Astor Piazzollas berühmtem, 1974 erstmals aufgenommenem »Libertango«, der seinen revolutionären Übergang zum »Tango Nuevo« dokumentiert. Fellow und Bormann interpretierten dieses legendäre Stück alles andere als brav und verliehen ihm damit eine ganz eigene Kontur.

In ihrem kuriosen Titel »Fidel is dancing on the sugarhat« werden kubanisch-brasilianische Motive kunstvoll miteinander verschmolzen. Was hier geboten wird, ist Rhythmus pur.

Im folgenden Stück »Move« fasziniert Bormann an der E-Gitarre. Überhaupt trägt ihr gelegentlicher Einsatz wie z. B. in »Offroad« zur Bereicherung des Konzerts bei. Die atemberaubende Komposition »Prometheus« von Bormann zum gleichnamigen Science-Fiction-Film, in dem der Zerfall einer Welt des schönen Scheins gezeigt wird, ist Schlusspunkt eines Gitarrenabends der Extra-Klasse.

Nach minutenlangem Applaus und zwei Zugaben verlassen zwei Meister ihrer Instrumente den Raum.

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