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Dr. Matthias Recke Referent

Ein Ereignis von großer Tragweite

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Ein Bote, so will es die Überlieferung, soll die Nachricht vom griechischen Sieg über die Perser unter ihrem König Dareios I. in der Schlacht bei Marathon 490 v. Chr. den Athenern als erster überbracht haben. Weil er die nach modernem Maß etwa 40 Kilometer lange Strecke laufend zurückgelegt habe, sei er nach Verkündung der frohen Botschaft tot zusammengebrochen.

Oft sind es Anekdoten wie diese, die Ereignisse wie die »Perserkriege« in der kollektiven Erinnerung, selbst über einen Zeitraum von 2500 Jahren hinweg, weiterleben lassen.

Ähnliches gilt für die zehn Jahre später stattfindende Seeschlacht von Salamis im Jahr 480, in der ein Bund von 31 griechischen Städten vor den Augen des Perserkönigs Xerxes I., der höchstselbst an der Schlacht teilnahm, mit 400 Trieren die wesentlich stärkere persische Flotte besiegte. Vorausgegangen war diesem weiteren Triumph der Hellenen ein Plünderungszug des circa 100 000 Mann starken persischen Heeres, bei dem etliche poleis - darunter Athen - verwüstet wurden.

Zwei Jahre nach Salamis wird der Attisch-Delische Seebund ins Leben gerufen und unter Führung Athens zur beherrschenden Macht in der Ägäis. Schon bald nach den legendären Schlachten setzt die Selbstglorifizierung Athens als Vorkämpferin der griechischen Freiheit ein, die vergessen macht, dass auch Städte wie Sparta großen Anteil am Sieg über das Achämenidenreich hatten.

Dr. Matthias Recke, Kustos der Antikensammlung am archäologischen Institut der Universität Frankfurt, referierte - erstmals analog - am Montagabend im großen Saal des Alten Hallenbads über die kulturellen Auswirkungen der Perserkriege auf das Selbstverständnis der Hellenen, das sich nicht zuletzt in ihren bildkünstlerischen Werken und der Architektur niederschlägt.

Unterschiede werden deutlich

Reckes bestens dokumentierte, fast anderthalbstündige Präsentation machte die Unterschiede zwischen dem persischen Großreich und den hellenischen Stadtstaaten sinnfällig: Hier die Reliefs in Persepolis, auf denen 24 Völkerschaften zu sehen sind, die den despotischen Großkönigen Dareios und Xerxes militärisch Folge zu leisten haben; dort zahlreiche griechische Vasenbilder, die die kriegerischen Ereignisse auf ganz verschiedene Weise »verarbeiten«. Auf ihnen steht der einzelne Krieger - als siegreicher Held oder tragischer Verlierer - im Vordergrund. Die Tyrannenmörder Hermodios und Aristogeiton - verewigt in einer großartigen Skulpturengruppe - stehen ihrerseits für den seine Freiheit verteidigenden Hellenen. Um 450 beginnt das gewaltige »Bauprojekt Akropolis« in Athen, das Dr. Recke anhand zahlreicher Lichtbilder dokumentierte. In Bauten und Kunstwerken wie den genannten werden sich die Hellenen ihrer Identität - in Abgrenzung von Feindmächten wie den Persern - bewusst.

»Keine klassische griechische Kunst ohne die Erfahrung der Perserkriege«: So lautete das Fazit des Kunsthistorikers und Archäologen Dr. Matthias Recke, dessen Vortrag mit viel Beifall bedacht wurde.

Ähnliches wie in Kunst und Architektur gilt für die griechische Dramatik. Aischylos - ältester der griechischen Tragiker - verfasst nur acht Jahre nach Salamis sein erstes bedeutendes Drama mit dem Titel: »Persai«/Die Perser. Ohne Rückgriff auf mythologische »Zutaten« wird hier die persönliche Tragödie von König Xerxes auf die Bühne gebracht, der nicht als blutrünstiges Monster dargestellt, sondern ein Opfer seiner Hybris, seiner Maßlosigkeit wird. Dieses erstaunlich »moderne«, 2500 Jahre alte Bühnenwerk des Aischylos legt damit den Grundstein zum europäischen Drama bis in unsere Zeit. FOTO: GK

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