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Renate Mundi zählt zu den renommiertesten Gambistinnen ihrer Generation.

Ein bezauberndes Instrument

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Der 1767 in hohem Alter verstorbene »compositeur« Georg Philipp Telemann eignete sich sein Können weitgehend im Selbststudium an. 1721 übernimmt er das hoch angesehene Amt des »Director Musices« der Hansestadt Hamburg. Seinen Weg zum europaweiten Ruhm krönt er mit seinem achtmonatigen Paris-Aufenthalt in den Jahren 1737/38.

Zwei Jahre zuvor veröffentlicht der 1681 in Magdeburg Geborene »Zwölf Phantasien für Viola da Gamba solo« (TWV 40; 26-37) im Hamburger Selbstverlag. Da die Phantasien zu einer Zeit geschrieben werden, als die Viola da Gamba ihren Zenith als beliebtes Instrument vor allem der höfischen Kreise bereits überschritten hat, gerät die Originalausgabe dieses musikalischen Kleinodes bald in Vergessenheit und gilt bis 2015 als verschollen. In diesem Jahr wird - ein wahrhaft sensationeller Fund - ein vollständiger Druck der zwölf »Phantasien« im Landesarchiv zu Osnabrück gefunden.

Solch spannende und noch weitere Informationen erhielten die in den Chor der Stadtkirche Gekommenen von der in Friedberg aufgewachsenen Gambistin Renate Mundi bei ihrer Darbietung von sechs der - zwischen barockem und galantem Stil angesiedelten - zwölf Telemann-»Phantasien«.

Die Interpretin hat vor einem Jahr ihre Debüt-CD mit den »Phantasien« herausgebracht. Sie zählt mittlerweile zu den renommiertesten Gambistinnen ihrer Generation.

Bereits von der eingangs gehörten 8. Phantasie in A-Dur mit dem Mittelsatz (Grave) ging ein ganz eigener, von Werk zu Werk wachsender Zauber aus, der sowohl dem unaufgeregten, souveränen Spiel Renate Mundis wie ihrem Instrument zu danken ist. Die Viola da Gamba mit ihren fünf bis sieben Darmsaiten ist keine Vorläuferin des modernen, im 18. Jahrhundert aufkommenden Violoncellos mit vier Stahlsaiten. Ihr Klangkörper ist leicht und wird mit den Knien gehalten. Den Bogen hält der Spieler im »Untergriff« - übt also nur wenig Druck auf die Saiten aus. Diese Besonderheiten verleihen dem Instrument einen weichen, feinen Klang - vorausgesetzt, den Spielern und Spielerinnen eignet die Fähigkeit zum empathischen, einfühlsamen Spiel.

Besonderer Klang

Ist dies - wie bei Mundi - der Fall, wird das Hören zum Erlebnis der ganz besonderen Art.

Jede der sechs »Phantasien« in verschiedenen Tonarten und Stimmungen von feierlich-getragen bis heiter-bewegt übt eine kaum in Worte zu fassende Faszination aus. Ihr Vortrag versetzt den Chorraum in sanfte Schwingungen, entführt Hörer und Hörerin in eine Klangwelt, die den banalen Alltag für kostbare anderthalb Stunden vergessen lässt.

»Aufgelockert« wurde die Präsentation zum einen durch drei heitere »Ayres« des um 1570 geborenen und 1645 in einem Londoner Armenhaus verstorbenen schottischen Gambisten Tobias Hume aus dem Jahr 1605. Zum anderen erklangen ein Prélude und eine Chaconne aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert eines gewissen Monsieur de Sainte-Colombe, über dessen wahre Identität bis heute Unklarheit herrscht. Mundi durfte das 5. Friedberger Sommerkonzert erst nach lang anhaltendem Applaus und einer Zugabe verlassen.

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