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Ein bedeutender Vorläufer Johann S. Bachs

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Von: Gerhard Kollmer

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Sänger und Musiker sorgen für eine gelungene Aufführung des anspruchsvollen Werks. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Wer war Johann Theile? Auch den meisten an klassischer Musik Interessierten dürfte der 1646 in Naumburg/Saale geborene und ebendort 1724 verstorbene Tonsetzer noch nicht begegnet sein. Dabei nimmt er - als Schüler von Heinrich Schütz und Lehrer Dietrich Buxtehudes - eine bedeutende Mittlerposition zwischen früh- und hochbarockem Musikschaffen ein.

1673 wird der studierte Jurist Theile von Lübeck, wo er u. a. als gefeierter Gambist tätig ist, nach Hamburg berufen. Dort schreibt er mehrere Opern für das 1678 neueröffnete Opernhaus am Gänsemarkt. Es gehört zu den ersten seiner Art, die im Wesentlichen vom reichen Bürgertum getragen werden. 1684 folgt dann die renommierte Kapellmeisterstelle am Hof des kunstsinnigen Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, die er bis 1690 bekleidet. Hier ist Theile für die Kirchenmusik, als Kompositionslehrer und Verfasser von musikalischen Lehrschriften tätig.

Nach erfolgreicher sechsjähriger Tätigkeit zieht er sich zunehmend ins Privatleben zurück. Sein reiches kompositorisches Werk gerät bald in Vergessenheit.

Eine Bühne für vergessene Werke

Ulrich Seeger, Friedbergs Stadtkantor und Leiter des hiesigen Vokalensembles sowie des Barockensembles »Cantate domino«, wird seit vielen Jahren für seine hochrangigen Aufführungen zu Unrecht vergessener Werke aus dem Bereich der geistlichen und weltlichen Barockmusik geschätzt.

Diesem Ruf wurde er am vergangenen Freitagabend wieder einmal gerecht. In der gut besuchten Evangelischen Stadtkirche erklang Johann Theiles etwa 90-minütige Matthäus-Passion, die er 1673 - im Alter von erst 27 Jahren - in Lübeck veröffentlicht.

Das etwa 30-köpfige Vokalensemble Friedberg und das siebenköpfige Barockensemble unter Leitung von Andrea Seeger sorgten gemeinsam mit dem Tenor Philipp Pohlhardt als Evangelist, dem Bassisten Markus Lemke als Jesus sowie Stefan Grunwald (Bass) als Kaiphas und Pilatus, Martin Saltzwedel (Altus) als Judas und Ulrich Seeger als Petrus für eine rundum gelungene Aufführung des anspruchsvollen Werks.

Die Sopranistin Jutta Hahn trug mit ihrer wunderbar-innigen Interpretation von vier - als retardierende, zur Besinnung einladende Elemente dienenden - Arien (z. B. »Du duldig Lamm, o Gottes Sohn«) wesentlich zum Erfolg des Passionskonzerts bei.

Ungewöhnlich, so Gesamtleiter Ulrich Seeger, an Theiles etwa 60 Jahre vor Bachs Matthäuspassion geschaffenem Werk ist die Begleitung der Evangelistenworte durch Gamben, nicht durch Streicher wie bei Bach.

Mit beeindruckender Stimmkraft meisterte Tenor Philipp Pohlhardt präzise artikulierend seine Rolle als Evangelist. Der kontrastreiche Wechselgesang mit Markus Lemke als Jesus wirkte in keinem Augenblick monoton - nicht zuletzt durch die kraftvollen »Eingriffe« des bestens disponierten Chors, der mit »Habe Dank, o Gottes Sohn, für dein Leiden, Spott und Hohn« für den so imposanten wie ergreifenden Schlussgesang der Passion sorgte.

Eingerahmt durch drei Chorwerke

Aber auch die Nebenrollen waren gut besetzt. Besonders ragte hier Stefan Grunwald mit seinem kraftvollen Bass als Hoherpriester Kaiphas und »Landpfleger« Pilatus heraus.

Dass Theiles Werk auch aus seiner ungewöhnlichen Instrumentierung mit u. a. Viola da Gamba (Rahel Klein und Renate Mundi), Violone (Felix Görg) und Theorbe (Gerlind Puchinger) besonderen Reiz bezieht, war kaum überhörbar.

Eingerahmt wurde die mit viel Beifall bedachte Passionsaufführung durch drei Chorwerke aus Heinrich Schütz‹ »Cantiones sacrae« und der »Geistlichen Chormusik«.

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