Die 40 Jahre alte Frau trägt zum Auftakt des Berufungsverfahrens am Landgericht einen Regenschirm, um nicht von den TV- und Pressejournalisten aufgenommen zu werden. 
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Die 40 Jahre alte Frau trägt zum Auftakt des Berufungsverfahrens am Landgericht einen Regenschirm, um nicht von den TV- und Pressejournalisten aufgenommen zu werden. 

Prozess

Wetterau: Ehemänner mit Heißkleber gequält - Sadistin sieht sich selbst als Opfer

  • David Heßler
    vonDavid Heßler
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Seit Montag wird vor dem Landgericht Gießen ein Fall neu verhandelt. Er zeigt tiefe menschliche Abgründe. 

Ich habe mich immer auf die falschen Männer eingelassen", sagt die 40-jährige Frau mit brüchiger Stimme. Oft kämpft sie während ihrer Aussage mit den Tränen; als sie von ihrer schweren Kindheit berichtet, von Schlägen und sexuellem Missbrauch in der Familie, von Ärzten, die ihr nicht helfen konnten. Niemals habe sie einem ihrer Ehemänner aus Bad Homburg, Büdingen, Rockenberg und Bad Nauheim ein Leid zugefügt, beteuert die Frau. Das Opfer sei immer sie gewesen.

Die Aktenlage erzählt eine andere Geschichte. Die einer Frau, die den Männern in ihren vier Ehen immer wieder schlimmste körperliche Qualen zugefügt hat, so die Staatsanwaltschaft. 2006 war sie vom Landgericht Frankfurt zu drei Jahren Haft verurteilt worden, weil sie Ehemann Nummer eins misshandelt hatte. Er wurde von ihr wegen Nichtigkeiten sanktioniert, musste Höllenqualen erleiden, als sie ihm mit einer Heißklebepistole mehrfach Sätze wie "Nie mehr lügen" in den Rücken brannte. Seine Haare im Genitalbereich brannte sie ihm mit einer Kerze ab, er durfte keinen Blickkontakt zu anderen Frauen haben, musste oft Hunger leiden und auf dem Boden schlafen. Und das, obwohl der Mann der Frau, die ihm mit einem Schlag das Nasenbein brach, körperlich weit überlegen war.

Frau quält Ehemänner: Für Nichtigkeiten hart bestraft

Dieser "Strafenkatalog" zog sich offenbar durch alle vier Ehen, die Staatsanwaltschaft spricht von einem Muster. Stets habe die heute 40-Jährige ihre älteren, unterwürfigen und sexuell bisweilen unerfahrenen Männer in psychische Abhängigkeit gebracht, damit diese ihre Misshandlungen erduldeten.

So auch Ehemann Nummer zwei aus Rockenberg, zu dem sie auch während der dritten und vierten Ehe immer wieder Kontakt hielt. Er brachte unfreiwillig die Ermittlungen ins Rollen, wegen der die Frau im Oktober 2019 erneut zu drei Jahren Haft verurteilt worden war. Er hatte bei der Polizei sein Gewissen erleichtert und die beamten auf Ehemann vier hingewiesen, einen 45 Jahre alten Bad Nauheimer, dessen Leiche er mit der Angeklagten im Wald verscharrt habe (siehe Textende). Bei der Vernehmung des Mannes bemerkten die Beamten frische Wunden und Narben. Seine Aussage, er habe sich an einer defekten Heizdecke verbrannt und sich heiße Suppe übergekippt, kam den Polizisten damals schon suspekt vor, wie der Friedberger Amtsrichter Dr. Bange vor dem Landgericht aussagte. Er wurde als Zeuge vernommen, weil der Rockenberger, der als Nebenkläger auftritt, von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machte.

Das hatte er auch im Hauptverfahren getan. Das Friedberger Amtsgericht sah es dennoch als erwiesen an, dass der Rockenberger, seit 2012 von der Angeklagten geschieden, von dieser bis Ende 2018 mehrfach misshandelt worden war. Ihm wurde demnach zum Beispiel mit einer heißen Suppenkelle die Haut an den Armen angesengt, weil er sich nicht die Hände gewaschen hatte. Und nachdem er eine Getränkekiste aus Sicht seiner Ehefrau falsch zusammengestellt hatte, verdrosch sie ihn mit einem Besenstiel.

Frau quält Ehemänner: Auch Richterin verliert Überblick

Das alles bestreitet die Frau - und hat deshalb Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichts eingelegt. Sie wisse auch nicht, wie es zu den Verletzungen gekommen sei. Vor dem Landgericht Gießen wird der Fall seit Montag daher neu aufgerollt. Die Richterin, die sich zur gedanklichen Sortierung eine Liste der Ehemänner mit den Hochzeits- und Scheidungsdaten anfertigen muss, stellt der 40-Jährigen Fragen zu jedem Ehemann, zu ihrer Kindheit und ihrem Gesundheitszustand. Bisher durfte kein psychologischer Gutachter die Frau in Augenschein nehmen. Sie gilt vorerst als voll schuldfähig.

Die 40-Jährige gibt an, erst seit einem Jahr wirklich über die Vorkommnisse sprechen zu können. Sex habe sie mit ihren Männern nie haben wollen, dann aber "wie eine Puppe" alles mit sich machen lassen. Sie habe vor allem Angst vor dem Rockenberger gehabt, er sei besessen von ihr gewesen, habe sie gar vergiften wollen, vermutet sie.

Sie habe keine Borderline-Störung, wie ihr früh attestiert wurde, sie sei vielmehr depressiv, benötige eine Traumatherapie, weil sie als Kind vom Bruder, vom Vater, vom Pflegevater und später von ihren Ehemännern missbraucht und misshandelt worden sei. Die Behörden hätten aber nie gehandelt. Sie leide noch immer unter den Folgen.

Frau quält Ehemänner: Leiche von Ehemann Nummer vier im Wald verscharrt

Gegen die Angeklagte war auch wegen eines Tötungsdeliktes ermittelt worden; das Verfahren hat die Staatsanwaltschaft mangels Beweisen aber eingestellt. Ehemann Nummer zwei hatte Ende 2018 Selbstanzeige bei der Polizei erstattet und angegeben, er habe mit seiner Ex-Frau die Leiche von Ehemann Nummer vier, ein 45 Jahre alter Bad Nauheimer, auf ihren WIllen hin im Wald bei Heusenstamm abgelegt, verpackt in eine Kiste aus dem Baumarkt. Das ist zunächst kein Straftatbestand. Ein Gewaltverbrechen ließ sich auch wegen der fortschreitenden Verwesung nicht feststellen. Der Mann hatte in den Wochen vor seinem Tod aber rapide an Gewicht verloren; sein Gesundheitszustand habe sich jäh verschlechtert, wie Zeugen berichteten. Er sei durch eine Schlägerei mit Flüchtlingen geschwächt gewesen, lautete die spätere Aussage seiner Witwe. Die Familie des Toten, die von der Ehe überhaupt nichts gewusst hatte, glaubt diese Version nicht und hat das Oberlandesgericht angerufen, den Fall noch einmal neu aufzurollen. Sie glaubt, dass die 40-Jährige den Mann verhungern ließ. Eine Entscheidung steht noch aus. Auch am Landgericht Gießen wurde der Fall thematisiert - auch wenn der Verteidiger der Frau kein "Verfahren durch die Hintertür" dulden wollte, wie er Staatsanwalt Thomas Hauburger ermahnte. Die Richterin wollte den Tod von Ehemann Nummer vier aber thematisiert wissen, weil er für die Glaubwürdigkeit der Angeklagten eine Rolle spiele.

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