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Ovag will ihn nicht

EEG-Förderung läuft aus: Wohin mit dem Ökostrom?

  • David Heßler
    vonDavid Heßler
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Sie waren die Vorreiter der Energiewende. Doch ab 2021 bekommen die knapp 100 Besitzer von älteren Solaranlagen oder Windrädern in der Wetterau und im Vogelsberg ihren umweltfreundlich produzierten Strom nur schwer los.

Gegen Ende des 20. Jahrhundert wurden die ersten Dächer in der Wetterau mit Solarzellen bestückt. Im Vogelsberg drehten sich die Rotoren der ersten Windkraftanlagen. Die einen wollten die Welt ein bisschen grüner machen, andere ein paar Euro dazuverdienen. Rund 50 Cent pro Kilowattstunde Sonnenstrom gab es damals bei der Einspeisung ins öffentliche Netz. Nach 20 Jahren - am 1. Januar 2021 - fallen die ersten Fotovoltaik- und Windkraftanlagen aus der EEG-Einspeisevergütung. Wer seine Anlage nicht für viel Geld umrüsten lassen möchte, um den Strom selbst zu nutzen, guckt ins Leere. Die Ovag will ihn jedenfalls nicht.

Für Dr. Klaus Wagner, Vorsitzender des in Butzbach ansässigen Sonnenstromvereins Hessen (SVH), ist es ein Skandal, dass sich das Bundeswirtschaftsministerium "trotz vielfältiger Aufforderung" nicht um die Angelegenheit gekümmert habe. In ganz Deutschland seien rund 18 000 Anlagen betroffen, die vor dem Jahr 2000 installiert wurden. Die Bundesregierung wolle Fotovoltaik ausbremsen, so sein Eindruck. Die Besitzer älterer Anlagen könnten diese zwar mit erheblichem Geldaufwand so umrüsten, dass ein Teil des Sonnenstroms selbst genutzt werden kann, "aber selbst dafür will die Bundesregierung die sogenannte ermäßigte EEG-Umlage kassieren", sagt Wagner. Auch die Anschaffung eines Speichers komme infrage, doch rechne sich das oft nicht.

Verträge sind gekündigt

Wie die Anlagenbetreiber den überschüssigen Strom loswerden, ist unklar. Die Ovag hat knapp 100 Betreibern die Verträge zur Stromeinspeisung gekündigt und ihnen mitgeteilt, dass man den Reststrom nicht annehmen wird. Laut Dr. Hans-Peter Frank, bei der Ovag zuständig für Energiebeschaffung und -erzeugung, war der Netzbetreiber zur Aufnahme und Vergütung des Stroms nur während der EEG-Laufzeit verpflichtet. Nach Ablauf der Förderfrist sei die Ovag Netz GmbH als Netzbetreiber "nicht mehr befugt", den eingespeisten Strom abzunehmen. Die Abteilung Handel der Ovag könne das zwar noch tun, es sei bei den heutigen Marktpreisen aber sinnvoller, den größten Teil des Stroms selbst zu verbrauchen., um die Stromkosten niedrig zu halten. Der aktuell zu kalkulierende reine Markterlös für eine Fotovoltaikanlage mit einer Leistung von 2 Kilowatt und einem Jahresertrag von rund 1600 Kilowattstunden liege bei nur knapp 60 Euro, sagt Frank. Bei hundertprozentiger Eigennutzung lasse sich ein Gegenwert von rund 450 Euro erzielen. Die Ovag berate hier gerne und mache auch Angebote für die Abnahme. Laut dem 2. SVH-Vorsitzenden Diethard Stamm ist der Energieversorger derzeit jedoch nicht einmal bereit, den aktuellen Börsenpreis von 3 Cent pro Kilowattstunde zu zahlen.

Da der Aufwand für die Umrüstung kleiner Anlagen derselbe ist wie für größere, denkt die Politik über eine Unterstützung nach - bislang jedoch ohne Ergebnis. "Es ist in der Branche und politisch umstritten, ob es noch Aufgabe der Allgemeinheit sein soll, Anlagenbetreibern, die über das Fördermodell schließlich auch Geld verdient haben, nun auch noch den Umbau zur weiteren Restnutzung der Anlage zu finanzieren", gibt Frank zu bedenken.

Bei den Windrädern seien viele Anlagen bereits in der Direktvermarktung; ein Umbau daher oft nicht nötig. Sie müssten ohnehin nach 20 Jahren gutachterlich überprüft werden. "Aus unser Erfahrung führt das bei den Anlagen der frühen Generation, je nach Standort und Zustand der Anlage, zu verlängerten Betriebszeiten von typischerweise drei bis sechs Jahren." Oft müsse dafür nachgerüstet werden, ob sich der Weiterbetrieb der abgeschriebenen Anlagen mit Blick auf die jährlichen Betriebs- und Instandsetzungskosten noch lohne, sei immer eine Einzelentscheidung. Frank: "Auch die Ovag selber hat Anlagen, die 2021 aus dem EEG fallen und die sie aus heutiger Sicht dennoch - wenn auch mit schmaler Marge - weiterbetreiben wird."

Der SVH verweist auf die Resolution "Kein Aus für Solaranlagen nach 20 Jahren", die mehrere Vereine unterzeichnet haben. Danach sollte die Freiheit des Bürgers, selbst Strom zu erzeugen, einzuspeisen oder an einen Nachbar weiterzugeben, Recht und Gesetz in der ganzen EU werden. Infos beim SVH per E-Mail an edbvd@t-online.de.

Linke/Piraten: Ovag sollte Strom abnehmen

Wenn am Freitag die ZOV-Verbandsversammlung - das sogenannte Ovag-Parlament - in der Hauptverwaltung in Friedberg tagt, wird über einen Antrag der Linke/Piraten-Fraktion abzustimmen sein. Sie fordert, dass die Ovag den Strom von alten PV- und Windkraftanlagen, die 2021 aus der EEG-Förderung fallen, weiter abnimmt. Dass die Ovag dies nicht tun wolle, sei "ein Schlag ins Gesicht dieser Solaranlagenpioniere, die damals noch viel Geld investiert haben, um ein Gegengewicht zu den bis heute hoch subventionierten Atom- und Kohlekraftwerken zu etablieren", sagt Fraktionsvorsitzende Dietmar Schnell. Auch die Investoren der ersten Windkraftanlagen im Vogelsberg seien überwiegend Bürger gewesen, "denen es nicht auf die Rendite ankam und bei denen oft noch bis heute eine stufenweise Rückzahlung ihrer Einlagen erfolgt". Um die Betreiber nicht zu benachteiligen und den Abbau von deren "technisch noch perfekt laufenden Anlagen" zu riskieren, beantragt die Fraktion, dass die Ovag den ökologischen Grünstrom zu 6 Cent pro Kilowattstunde abnimmt, festgelegt auf drei Jahre. Schnell: "Hierzu bedarf es keiner besonderen technischen Einrichtungen und für die Ovag ist das fast der Preis, den sie sowieso für Schmutzstrom an der Börse zahlen muss." Laut der Ovag liegt dieser allerdings bei 3 Cent. Die Linken verweisen auf Beispiele aus anderen Bundesländern. Die Stadtwerke in Soest hätten den Betreibern schon vor Wochen Verträge zur Abnahme des Ökostromes ab 2021 angeboten. Man hoffe, dass sich die Ovag nicht als "Vernichter von Grünstromanlagen" darstelle.

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