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Dr. Volker Hoffmann (l.) verfolgt die Rezitation von Karl Buxmann. Beide gehören der Friedberger Gesellschaft zur Förderung Deutsch-Irischer Verständigung an.

Dublin als moralischer Kosmos

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). »Meine Absicht war es, ein Kapitel der moralischen Geschichte meines Landes zu schreiben. Dafür wählte ich Dublin als Schauplatz. »

Mit diesen Worten umschreibt James Joyce seine Motivation, den 1914 erschienenen Erzählband »Dubliners« zu verfassen. Die 15, im klein- und mittelbürgerlichen Milieu der irischen Hauptstadt angesiedelten, Geschichten sind, so Joyce, »Karikaturen, die mit einer von Bosheit gelenkten Feder geschrieben wurden«.

Seiner Geburtsstadt war der Autor des 1922 erschienenen »Ulysses« in lebenslanger Hassliebe verbunden. In den kunstvoll komponierten Erzählungen der »Dubliners« richtet Joyce seinen Blick vor allem auf das Innere der Figuren - zum Beispiel ihre Befangenheit in der Doppelmoral des bigotten Katholizismus seiner Zeit.

Die Friedberger Gesellschaft zur Förderung Deutsch-Irischer Verständigung hat sich seit über 20 Jahren dem irischen Jahrhundertautor verschrieben und begeht alljährlich den »Bloom’s Day« (nach Leopold Bloom, der Hauptfigur des »Ulysses«) mit einer Lesung aus dessen Werken - so auch am Freitagabend im großen Saal des Alten Hallenbads.

Dr. Volker Hoffmann und Karl Buxmann hatten diesmal die Erzählungen »A mother« und »Grace« (Gnade) im Gepäck. Begleitet wurden sie von der Friedberger Sopranistin Kristina Schaum, die mit ihrer einfühlsamen Interpretation traditioneller irischer Weisen die Herzen der Hörerinnen und Hörer eroberte.

Die ehrgeizige Mrs. Kearney möchte in der Erzählung ihrer älteren Tochter den Weg zu einer Karriere als Pianistin bahnen. Mit dem Konzertveranstalter Mr. Holohan schließt sie einen Vertrag ab, der beinhaltet, dass die Tochter - gegen das stolze Entgelt von acht »Guineas« - auf vier Liederabenden die auftretenden Sängerinnen und Sänger begleiten darf.

Im englischen Original

Die von einem ominösen »Komité« schlecht organisierten ersten drei Konzerte fallen mangels Interesse ins Wasser. Erst am letzten Abend erscheinen genug Gäste. Das Konzert mit patriotischen Liedern zum »Irish Revival« kann stattfinden. Währenddessen feilscht Mrs. Kearney mit Mr. Holohan in der Garderobe mit unglaublicher Sturheit um die volle Auszahlung der vereinbarten Gage. Damit verdirbt sie ihrer Tochter Kathleen die Karriere schon vor ihrem Beginn. All dies wird von Joyce in einer unüberbietbaren Mischung aus Komik, Ironie, Zynismus geschildert.

In bewährter »Arbeitsteilung« brachte Dr. Hoffmann neben Texterläuterungen ausgewählte Stellen auf Deutsch, die von Karl Buxmann im englischen Original rezitiert wurden.

Die dargebotenen Lieder kreisten unter anderem um den irischen Aufstand von 1798 gegen die englischen Kolonialherren. In »Bring the news to Mother« geht es um den Tod eines jungen irischen Fahnenträgers im Kampf.

Im Mittelpunkt der Erzählung »Grace« steht der Alkoholiker Tom Kernan. Sie beginnt - als Parodie von Dantes »Göttlicher Komödie« - in der »Hölle« einer Dubliner Bar, lenkt dann zum »Purgatorium« seiner allmählichen Genesung über und endet mit einer von Erlösung schwafelnden Predigt.

Schaum bewegt derweil die Gemüter mit dem melancholischen Lied »Fiddlers Green« als erträumtes Paradies des alten Seemanns (»Fiddler’s Green is a place, I’ve heard tell; where fishermen go, if they don’t go to hell«).

Mit Händels großartiger Arie »Lascia ch’io pianga« aus seiner Oper »Rinaldo« als Zugabe endet ein rundum gelungener Abend auf den Spuren von James Joyce.

Sopranistin Kristina Schaum bewegt die Gemüter mit melancholischen Liedern.

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