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Drogenfahnder wissen: Heroin riecht nach Essig

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Das Kommissariat hat kürzlich im Raum Büdingen Amphetamin sichergestellt.
Das Kommissariat hat kürzlich im Raum Büdingen Amphetamin sichergestellt. © Laura Kaufmann

Wetteraukreis (lk). Menschenhandel in der Wetterau? »Kommt vor«, sagt Erster Kriminalhauptkommissar Klaus Kronz. Genauso wie Drogen- und Waffenhandel oder Rockerkriminalität. Kronz leitet das Kommissariats 34, das sich damit beschäftigt. Erfolgreich: Sein Team hat einen der bekanntesten Kriminellen im Kreis verhaftet.

Kein Ausweis, keine Papiere. Die junge Rumänin, die Anfang 2014 auf dem Parkplatz eines Supermarkts im Wölfersheimer Ortsteil Berstadt gefunden wurde, trug nichts als dünne Kleider am Leib, erinnert sich Klaus Kronz. Er sagt: »Es ist ein Irrglaube, dass es Menschenhandel hier nicht gibt. Es gibt ihn, solange das Ost-West-Gefälle existiert.«

Über die Rumänin brachten der 57-jährige Leiter des Kommissariats 34 (K 34) der Wetterauer Polizei und sein Team einiges in Erfahrung. »Sie stammte aus einem Dorf, lebte dort mit Mann und Kind. Dann bekam sie das Angebot, als Au-Pair nach Deutschland zu gehen.« Die junge Frau habe sich auf das Angebot eingelassen, sie sei nach Köln gebracht worden, habe dort ein älteres Ehepaar gepflegt. »Einen großen Teil des Lohns musste sie als Provision an die Schlepper abgeben.« Zwei Monate später sei sie nach Frankfurt gebracht worden. In einem bordellartigen Betrieb habe sie Männer animieren sollen – dazu, dass sie trinken und den Prostituierten ein Glas Prosecco spendieren. Die junge Rumänin sei aufgefordert worden, als Prostituierte zu arbeiten, habe sich aber hartnäckig geweigert.

»Man hat ihr den Pass abgenommen, sie wurde verprügelt«, erinnert sich Kronz. Die Situation sei eskaliert. Die Frau sei von Schleppern abgeholt und in ein Auto gesetzt worden, man habe sie erneut verprügelt und dann in Berstadt aus dem Wagen geworfen.

Mehr Bordelle, als man meint

»Das ist ein klassischer Fall«, sagt Kronz. Die Polizei habe versucht, die Schlepper zu finden, ein Phantombild sei angefertigt worden. Ohne Erfolg. Letztlich sei die Rumänin »nach Hause zurückgeführt« worden. »Wenn die Frauen Kinder oder Familie in der Heimat haben, ist es oft so, dass sie nicht aussagen. Sie sind erpressbar«, weiß Kronz. In Sachen Ermittlung sei die Polizei dann schnell »am Ende der Fahnenstange«, da sie häufig auf die Aussagen der Frauen angewiesen sei.

Das von Kronz geleitete Kommissariat kümmert sich nicht nur um solche Fälle, sondern auch um Rauschgift- und Milieukriminalität. Hinter letzterer verbergen sich neben dem Menschenhandel auch Rockerkriminalität und Waffenhandel. Zudem ist an das K 34 die Fahndungseinheit angeschlossen.

Immer wieder statten die Ermittler den Bordellen im Wetteraukreis Kontrollbesuche ab. »Klar machen wir Razzien. Wir wollen schließlich wissen, was da los ist. Zum Beispiel, ob die Frauen aufenthaltsberechtigt sind.« Die Prostituierten würden oft in einer Art Ringtausch weitergegeben – von Bordell zu Bordell. »Von denen gibt es im Wetteraukreis ebenfalls mehr, als man meint. Dazu kommen jede Menge Terminwohnungen.« Wobei, eigentlich sei man im Wetteraukreis durch die Nähe zu Frankfurt ganz gut weggekommen. »Aber: Wir sind hier nicht das gelobte Land«, sagt Kronz.

Das gelte nicht nur in Sachen Prostitution und Menschenhandel, sondern auch bezüglich Drogenkriminalität. Frankfurt sei in Schlagdistanz. »Die Versorgung und die Preise sind dort besser.« Auch wenn es in der Wetterau keine offene Szene gebe, mit Drogen werde im Kreisgebiet natürlich trotzdem gehandelt. Ein Dealer war Patrick W. Das K 34 überwachte den Echzeller, nahm ihm am 11. Juli 2011 in seiner Hofreite fest. In seinem Rucksack: Rund 4,5 Kilogramm Amphetamin und mehr als ein halbes Kilo Marihuana. Die Drogen hatte W. in Holland gekauft. Der rechtsextreme Echzeller wurde im Dezember 2012 wegen Drogenhandels, Beleidigung, Volksverhetzung und Verstößen gegen das Waffengesetz zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Der heute 30-Jährige sitzt noch immer im Gefängnis.

Wegen seines rechten Gedankenguts war W. in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, erinnert sich Kronz. Seiner Meinung nach hatte W. diese Öffentlichkeit sogar gesucht. »Das machte die Ermittlungen nicht leichter.« W. sei sehr misstrauisch gewesen. Zeitweise hätten an dem Fall acht bis zehn seiner Leute gearbeitet, berichtet Kronz. Tausende Stunden Ermittlungsarbeit steckten in dem Fall. Ein verdeckt arbeitender Polizist hatte zwecks Überführung sogar versucht, ein Drogengeschäft mit W. abzuwickeln. Das Geschäft kam nicht zustande.

Ecstasy, Speed, Crystal, Marihuana, Kokain – Klaus Kronz kennt sich von Berufs wegen mit Drogen aus. Ob er die Sorten allein vom Geruch her auseinanderhalten kann? »Klar kann ich das«, verrät er lachend. »Eine Heroinmischung riecht leicht nach Essig, frisches Amphetamin ein wenig nach Fisch«, erzählt er. Regelmäßige Vorträge vor Schülern, Lehrern, Eltern zur Prävention gehören zum Polizeialltag.

Einen Großteil des Tages hat Kronz es mit Organisation zu tun. Er bespricht Strategien mit seinem Team, koordiniert das weitere Vorgehen in Fällen. Kümmert sich um den Schriftverkehr mit der Staatsanwaltschaft, schaut, dass die sichergestellten Drogen ordnungsgemäß entsorgt werden.

Außerdem kümmert sich das Team vom K 34 um Rockerkriminalität. Rocker in der Wetterau? »Hells Angels oder Bandidos sind hier nicht ansässig.« Dafür aber ein Chapter des Gremiums in Ober-Mörlen, die Black Pistons in Gedern und eine Rockergruppierung in Echzell. »Wir haben aber wenig Probleme, da sind wir auch nicht böse drum«, verrät Kronz. Bezüglich des seit einigen Jahren geschlossenen Bordells »Atlantis« in Altenstadt habe man die Vermutung gehabt, dass die Hells Angels mit im Boot säßen.

Seinen Entschluss, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Polizist zu werden, hat Kronz »nie bereut. Es ist ein abwechslungsreicher, schöner Beruf«. In drei Jahren will er in Rente gehen. Bis dahin macht er weiter Jagd auf Verbrecher.

Wie arbeitet die Polizei im Wetteraukreis? Was verbirgt sich hinter Abkürzungen wie K 34 oder K 10? Was geschieht, wenn Polizisten Opfer werden? Und was für Aufgaben hat der Polizeihund eigentlich, wenn er nicht im Dienst ist? Die Wetterauer Zeitung wirft einen Blick hinter und in den Polizeiapparat im Wetteraukreis. Alle bisher erschienenen Teile unserer Polizeiserie gibt es hier:

Teil 1 (Drogenfahnder wissen: Heroin riecht nach Essig)

Teil 2 (Schutzhund Luuk: Auf Kommando bissig)

Teil 3 (Betrug in allen Facetten)

Teil 4 (Bei der Schutzpolizei sind Universaltalente im Einsatz)

Teil 5 (Ein Schuss für 30 Cent)

Teil 6 (Ansprechpartner in der Krise)

Teil 7 (CSI Miami in Friedberg)

Teil 8 (Die Polizistin im Rathaus)

Teil 9 (Tagsüber wird selten gemordet)

Tagsüber wird selten gemordet Die Polizistin im Rathaus CSI Miami in Friedberg Ansprechpartner in der Krise Ein Schuss für 30 Cent Bei der Schutzpolizei sind Universaltalente im Einsatz Betrug in allen Facetten Schutzhund Luuk: Auf Kommando bissig

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