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Dorheim: »Der Ort ist wie abgeschnitten«

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"Anlieger frei": Auch Kunden haben ein Anliegen. Die Baustelle in Dorheim schreckt Autofahrer allerdings ab.
"Anlieger frei": Auch Kunden haben ein Anliegen. Die Baustelle in Dorheim schreckt Autofahrer allerdings ab. © Nicole Merz

Friedberg-Dorheim (jw). Baustellen bedeuten nicht nur Lärm, Schmutz, Umleitungen und wegfallende Parkplätze. Für Geschäftsleute sind sie im schlimmsten Fall existenzbedrohend. Die Kunden bleiben aus. Die IHK will Abhilfe schaffen mit dem Praxishandbuch »Baustellenmarketing«. Doch das scheint noch nicht überall angekommen zu sein.

In der Dorheimer Ortsdurchfahrt, wo der Kanal erneuert wird, vermissen die Geschäftsinhaber ein solches Marketing seitens der Stadt.

Es fängt schon wenige Hundert Meter vor dem Ortsschild an: »Ortsdurchfahrt Dorheim gesperrt« steht auf einem Schild. »Das schreckt die Leute ab. Niemand fährt mehr nach Dorheim, wir sind abgeschnitten«, sagt Walter Pika von »Profi-Zoo Pika«. Die Schilder hätten schon fast zwei Monate vor Baubeginn an den umliegenden Straßen gestanden. Mit Folgen: »Wir haben hier zwischen ein und drei Kunden pro Tag«, sagt Pika. Das Fachgeschäft für Aquarien, Gartenteiche und Korallen sei bundesweit bekannt. »Aber wenn die Straße zu ist, kommt niemand.«

Neulich hat Pika einen Strafzettel für Falschparken bekommen. »Das Halteverbot in der Nebenstraße war laut des Schilds auf zwei Tage begrenzt. Die waren längst vorbei, aber die Schilder blieben stehen, obwohl dort nie ein Baustellenfahrzeug parkte.« Ob es ein Baustellenmanagement der Stadt gibt, weiß Pika nicht. »Entweder es gibt keines oder die machen viele Fehler.«

Nicht alle schimpfen

Das beginne schon bei der Information der Geschäftsleute. »Ich habe aus der Zeitung erfahren, wann die Bauarbeiten beginnen«, sagt Christina Schäfer (Blumenladen »Angelflowers«). »Die Stammkunden kommen trotzdem, aber ich habe deutliche Umsatzeinbußen.« Im Frisörsalon »Creative« sitzt am Dienstagmittag gerade mal ein Kunde. »Die Stammkunden kommen, aber die Laufkundschaft fehlt«, sagt Inhaberin Behiye Satir. CDU und FDP besuchten dieser Tage die Bäckerei Ulrich. Was die Politiker zu hören bekamen: Umsatzeinbußen, fehlende Parkplätze, keine Informationen seitens der Stadt (WZ vom Montag). Werner und Jan Steinwachs von »Radio Steinwachs« wollen nicht in die gleiche Kerbe hauen. »Ich bin der letzte, der schimpft«, sagt der Seniorchef. Um’s Baustellenmarketing aber muss auch er sich selber kümmern: Am Ortseingang hat er ein Schild aufgehängt, um die Kunden zu informieren, dass die Zufahrt zu seinem Geschäft trotz Baustelle möglich ist. »Es traut sich keiner, nach Dorheim reinzufahren, der Ort ist wie abgeschnitten. Hoffentlich sind die Bauarbeiten vor Weihnachten beendet.«

Das wünscht sich auch die Bäckerei Migot am Marktplatz. Im Verkaufsraum duftet es nach Teig, in der Auslage liegen Wikingerbrot mit kräftiger Kruste und Malznussbrot, das er für die Käsescheune in Hungen backt. »Das Rezept kennen nur der Sternekoch André Großfeld und ich.« Aber was nützt die beste Backkunst, wenn Werner und Gudrun Migot nicht einmal ein Werbeschild an die Straße stellen dürfen? Der Bauleiter habe das genehmigt, das Ordnungsamt habe es untersagt. Jetzt sucht das Rathaus nach einer Lösung. Migot: »Wir haben ja noch eine zweite Baustelle vor der Tür: Der Kindergarten sollte längst fertig sein.« Noch liegt keine einzige Ziegel auf dem Dach. Migot: »Irgendwie müssen wir trotzdem überleben.«

Die Kita wird laut Bürgermeister Michael Keller erst Ende des Jahres fertig; wie die Kanalbauarbeiten auch. In der Vergangenheit habe es massive Eingriffe in die Statik des denkmalgeschützten Kita-Dachstuhls gegeben. Das sei erst bei den Bauarbeiten entdeckt worden. Zum Bericht vom Montag sagte Keller, die Bäckerei Ulrich sei Mitte Juli über die Kanalbauarbeiten informiert worden, Nachfragen bei der Stadt habe es seither keine gegeben. Mitte August seien Info-Schreiben an alle Anwohner verschickt worden, die Bauarbeiten begannen Anfang September. Die Kritik, die Stadt sei ihrer Informationspflicht nicht nachgekommen, weist Keller daher zurück. »Baustellen sind für die Anwohner nie zufriedenstellend.«

Was Unternehmen, Kommunen und Verbände tun können, um solchen Ärger zu vermeiden, steht im IHK-Buch »Baustellenmarketing«. Dort werden Praxisbeispiele aufgeführt: Beim Umbau der Fußgängerzone in Bad Salzuflen wurde an einem Aktionstag eine werbewirksame Kinder-Baustelle eingerichtet; unter dem Motto »Duisburg bleibt erreichbar« richtete die Stadt im Ruhrgebiet eine Internetseite mit Infos für Pendler, Kunden und Bewohner ein; in Erfurt gab es wöchentliche Baustellensprechstunden; in Kassel traten Poetry-Slammer auf der Baustelle auf, die Kunden wurden mit Golf-Carts zu den Geschäften gefahren.

Die IHK rechnet für ihren Bezirk mit einem baustellenbedingten Umsatzrückgang von 5,5 Millionen Euro pro Jahr. Hochgerechnet auf ganz Deutschland seien es rund 600 Millionen. »Durch intelligentes Baustellenmanagement und Baustellenmarketing können die Umsatzverluste der Unternehmen deutlich reduziert werden«, ist IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Leder überzeugt. Die Gewerbetreibenden seien von den negativen Auswirkungen einer Baustelle am meisten betroffen. »Aber auch Verbraucher leiden durch Umwegverkehr, Parkplatzsuche und Lärm.« Das Praxishandbuch solle zeigen, »wie aus den Risiken einer Baustelle Chancen entstehen können«.

Das Buch »Baustellenmarketing – Umsatz trotz Baustelle« von André Haußmann, Andreas Schwerin und Frank Wendzinski hat 240 Seiten und viele Illustrationen. Es kann zum Preis von 69 Euro bei der IHK Gießen-Friedberg oder im Buchhandel erworben werden.

Drei Fragen an Andreas Schwerin
Herr Schwerin, bei dem Buch »Baustellenmarketing – Umsatz trotz Baustelle« handelt es sich nicht um die erste Veröffentlichung der IHK zu diesem Thema. Bereits 2010 erschien ein Baustellenleitfaden. Was ist neu an dem Buch?\nAndreas Schwerin: Der Baustellenleitfaden war eher allgemein gehalten. Im neuen Buch liegt der Schwerpunkt auf dem Baustellenmarketing. Baustellen fallen nicht vom Himmel. Sie werden langfristig geplant. Die Betroffenen, seien es Unternehmen oder Kunden, müssen früh einbezogen werden, damit sie nicht negativ überrascht werden. Das ist Teil des Baustellenmarketings.\nDas Buch hat 240 Seiten, ist aber sehr leserfreundlich gestaltet.\nSchwerin: Wir wollen für das Thema »Baustellenmarketing« begeistern. Daher wird der Leser durch viele Info-Kästen, Fotos, handliche Informationen, Zusammenfassungen und Checklisten an die Hand genommen. Schließlich soll deutlich werden: Baustellenmarketing ist zwar zusätzliche Arbeit, spart Unternehmen und Kommunen aber langfristig viel Geld und Nerven.\nDas Buch dürfte in dieser Form einmalig in Deutschland sein. Gab es schon Anfragen von anderen IHKs, das Buch auch in deren Bezirken zu verkaufen?\nSchwerin: Das Buch ist über uns und den Buchhandel deutschlandweit erhältlich. Von vielen meiner Kollegen bei anderen IHKs habe ich bereits gehört, dass sie dankbar für die Arbeit sind, die wir hier geleistet haben. Es ist toll, wenn andere IHKs ihren Unternehmern durch unser Buch Hilfestellung geben können, wenn die nächste Baustelle naht.\n\nAndreas Schwerin ist stellvertretender Leiter des Geschäftsbereichs Standortpolitik bei der IHK Gießen-Friedberg. Er ist Mitautor des Buchs »Baustellenmarketing«. (jw)

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