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»Machtergreifung« in Friedberg

Dokumente der Diktatur: Fotos zeigen NS-Aufmarsch

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Die »Machtergreifung im Friedberger Rathaus« vom 7. März 1933 konnte bislang aber nicht illustriert werden. Durch eine Schenkung kam das Stadtarchiv erstmals in den Besitz von Fotos jenes Tages.

Auf dem Dach des (Alten) Rathauses weht die Hakenkreuzfahne, vor dem Gebäude stehen Schaulustige dicht zusammen. Sie blicken zu einem Fenster im 1. Obergeschoss. Dort steht NSDAP-Ortsgruppenleiter Dr. Ernst Ratz und zeigt den Hitlergruß. Gleich wird er vom Fenster des Rathauses aus eine Ansprache halten. Das Foto entstand am 7. März 1933, genauso wie ein zweites, das eine Menschenmenge auf der Kaiserstraße zeigt, mit der Burg im Hintergrund. In der Bildmitte sieht man ein Musikkorps und die Mitglieder der SA-Standarte 222. Die organisierte Barbarei war damals auch in Friedberg zu Hause.

Mehr Inszenierung als »Revolution«

Wie Stadtarchivar Lutz Schneider erläutert, kamen die Fotos 2020 ins Stadtarchiv. »Bisher gab es diese Fotos nicht, das heißt: Sie wurden noch nie gezeigt, und alle Publikationen und Ausstellungen der letzten 50 Jahre von Michael Keller, Hans-Helmut Hoos, vom Stadtarchiv oder dem Wetterau-Museum zur NS-Zeit in Friedberg mussten ohne diese Motive auskommen«, sagt Schneider.

Durch die Ausschaltung der KPD-Funktionäre und weitere Repressalien gelang es der NSDAP, aus der Reichstagswahl vom 5. März 1933 als Sieger hervorzugehen. In Friedberg erreichte sie 46,4 Prozent, ein Zugewinn von 1000 Wählern. Zusammen mit den 5,7 Prozent der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot war das eine knappe Mehrheit. Die SPD erzielte 22,4, die KPD 8,3 und das Zentrum 7,5 Prozent.

Alt-Bürgermeister Michael Keller schrieb im einem Aufsatz über die NS-Zeit: »Am 6. und 7. März 1933 fand auch in Friedberg eine mehr inszenierte als revolutionäre ›Machtergreifung‹ unter Aufmärschen der NSDAP, der SA und des Stahlhelms statt. Dabei begnügte sich die NSDAP in Friedberg nicht mit einem Fackelzug wie am Abend des 30. Januar 1933. NSDAP-Kreisleiter Seipel und SA-Führer Schäfer marschierten an der Spitze der SA-Standarte 222 am 6. März 1933 zum Kreisamt in der Burg, wo beide sowie Regierungsassessor Dr. Balz als Vertreter des Amtes eine Rede hielten. Der amtierende Kreisdirektor Rechthien, der das Aufziehen der Hakenkreuzfahne als staatliches Symbol zunächst verweigert hatte, resignierte angesichts massiver Drohungen seitens der SA. Tags darauf verfolgte eine etwa 1000-köpfige Menge das Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus, dem Polizeiamt und dem Finanzamt.«

Der »Oberhessische Anzeiger« berichtete am 8. März 1933, NSDAP-Ortsgruppenleiter Ratz habe seine Ausführungen »mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Reichskanzler Adolf Hitler« beendet; danach seien das Horst-Wessel-Lied und das Deutschlandlied gesungen worden. Was folgte, ist bekannt: Verfolgung der Opposition durch »Schutzhaft« und andere Repressalien, Gleichschaltung von Stadtrat und Vereinen, »Säuberung« des öffentlichen Dienstes.

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