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»Die Sonne steht still«

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Von: Gerhard Kollmer

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Ursula Stock © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Galileo Galilei richtete 1609 als erster ein selbstgebautes Fernrohr auf Milchstraße, Sternenhaufen, Sonne und Mond. Was er sieht, überzeugt ihn von der Richtigkeit der Theorie des polnischen Domherrn Nikolaus Kopernikus, der mit seinem 1543 veröffentlichten Werk »Über die Umdrehungen der Himmelskörper« eine - von der gelehrten Öffentlichkeit zunächst kaum zur Kenntnis genommen - der größten Revolutionen in der Geschichte der Astronomie auslöste:

Drehung der Erde um die Sonne

Die Theorie von der Drehung der Erde (als eines ganz gewöhnlichen Planeten) um die Sonne, die im Mittelpunkt des Universums steht.

Dieses nach ihm benannte kopernikanische bzw. heliozentrische Weltbild brach mit dem seit etwa 1 300 Jahren geltenden ptolemäischen (nach dem Kosmographen Ptolemaios benannten), auf der Kosmologie des Aristoteles fußenden geozentrischen, das die Erde und mit ihr den Menschen als Zentrum des Kosmos und »Krone der Schöpfung« betrachtet. In seinem 1610 veröffentlichten »Sternenboten« und dem 1632 - zehn Jahre vor seinem Tod - geschriebenen »Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme« legt Galilei die Resultate seiner Forschung vor und erbringt damit den zwingenden Beweis der Richtigkeit der Theorie des Kopernikus.

Ursula Stock, langjährige und nun ehemalige Vorsitzende von »Kultur auf der Spur«, gab am Montagabend Alten Hallenbad in ihrem Vortrag mit dem launigen Titel »Und sie bewegt sich doch? Nur, wenn die Kirche es erlaubt« einen aufschlussreichen Einblick in diesen »Paradigmenwechsel«, das heißt, radikalen Bruch mit der aristotelischen Kosmologie und dem darauf beruhenden Weltbild der katholischen Kirche.

Für Galilei ist das »Buch der Natur« in mathematischer Sprache und geometrischen Zeichen geschrieben. Er postuliert die Einheit des Kosmos,

in dem alles quantifizier-, d.h. berechenbar ist. Das aristotelisch-ptolemäische Weltbild dagegen unterschied strikt zwischen einer sub- und supralunaren Sphäre, die wesensmäßig verschieden seien und in denen unterschiedliche Gesetze gälten.

Das überkommene »teleologische«, zweckgerichtete Denken wird obsolet. An seine Stelle tritt ein kausales Weltbild, das nach Ursachen von etwas sucht und nicht über dessen Sinn und Zweck philosophiert.

Stocks Referat ging über einen Abriss von Leben und Wirken Galileis, der - obwohl gläubiger Katholik - nach dem vom »Heiligen Offizium«, d.h. der päpstlichen Inquisition erzwungenen Widerruf seiner Lehre 1633 die letzten neun Jahre seines Lebens in strengem Hausarrest verbringen musste, jedoch weit hinaus, indem sie einen Ausblick auf die (geistes)geschichtlichen Langzeitwirkungen der »kopernikanischen Wende« gab.

Die Papstkirche versucht mit den Beschlüssen des 1546 beginnenden Konzils von Trient wieder Fuß zu fassen.

Die »Gegenreformation« verschärfen die konfessionellen Gegensätze weiter. Die Formel von den kopernikanischen »Kränkungen« bringt den Umsturz vom geo- zum heliozentrischen, den Menschen als Mittelpunkt des Kosmos vom Thron stürzenden, Weltbild mit mindestens einer weiteren Wissenschaftsrevolution in Verbindung. Die Abstammungslehre Charles Darwins ebnet den Unterschied zwischen Tier und Mensch ein, indem sie ihn als Produkt der Evolution und nicht mehr als Schöpfung Gottes betrachtet.

Ursula Stock erhielt für ihre erhellenden Ausführungen den dankbaren Applaus des zahlreich erschienenen Publikums. FOTO: GK

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