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Bei »Pane e Vino« am Aliceplatz ist Juniorchef Giovanni Mayer überglücklich, dass er wieder öffnen darf. Das Außer-Haus-Geschäft hat nicht seiner Philosophie entsprochen. Und die Gäste sind auch alle wieder da.

Niedrige Inzidenz

Die neuen Freiheiten in der Wetterau

  • vonHanna von Prosch
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Vorsichtsmaßnahmen in der Pandemie, Ja - aber: Jetzt war es genug mit den Verboten. Ein Aufatmen, denn die Normalität kehrt zurück. Doch ist die alte auch die neue Normalität?

Am Bad Nauheimer Aliceplatz treffen sich Stammkunden bei »Pane e Vino« zu Drinks und Snacks. Endlich wieder zusammenkommen. Die Bedienungen achten streng auf die Vorgaben. Aber die Grüppchen stecken die Köpfe zusammen - na ja, viele sind ja schon geimpft. Werden wir leichtsinnig oder trauen wir der neuen Freiheit noch nicht, weil wir uns an die Vorsicht gewöhnt haben? Beides ist richtig.

Ein Blick auf die letzten Freiheiten: Im Herbst konnte man noch bei ausgeklügeltem und streng beaufsichtigtem Hygienekonzept Konzerte besuchen. Es gab dadurch keine Ansteckungswelle. Im vergangenen Sommer reisten wir nach Österreich, vorschriftsmäßig in leeren Zügen und in leere Hotels. Da galt noch die Alltagsmaske beim Shoppen, kein Test, kein Temperaturmessen. Platzzuweisung im Café und Platzbegrenzung draußen waren ebenso selbstverständlich wie die Voranmeldung im Museum. Die Vorgaben hatten die Spontaneität nicht zwangsläufig ausgebremst.

Dann kam der endlose Lockdown mit seinen Verboten. Einige davon waren einfach nicht nachvollziehbar und machten nur traurig. So schön und gut gemeint es auch ist, sich im Livestream ein Konzert mit Igor Levit oder einen Gottesdienst auf einem Bildschirm anzusehen: Nichts ersetzt das gemeinsame Erlebnis mit Gleichgesinnten, das Fühlen des Klangs im Raum.

Selbst der Spaziergang, den man gewohnheitsmäßig durch eine Kaffeepause unterbrach, um die Beine auszuruhen, war nur noch ein Rundgang. Ja, man konnte raus - aber. Man konnte sich Essen liefern lassen, konnte die eigene Kochkunst verfeinern - aber ein Familien-Brunch, ein Treffen mit Bekannten im Restaurant, dabei Gespräche von Angesicht zu Angesicht, das ist auch Kulturgenuss.

Gang über Markt als Wochenhöhepunkt

Viele Menschen haben aus alter Gewohnheit oder, wie wir, der Not gehorchend Ware im Internet bestellt. Manches, weil man es dringend brauchte, oft aber Überflüssiges und auf Risiko. Mit der Retoure in der Schlange an der Post zubstehen ist etwas anderes, als die kritische Frage an die Verkäuferin: »Steht mir das?« und dann glücklich einpacken lassen oder zurücklegen. Eltern können ein Lied davon singen, wie wichtig Anprobieren ist, wenn Kinder dringend neue Schuhe brauchen.

Eine Bekannte erzählte, sie habe den Stadtbummel nicht vermisst, denn sie habe den Schrank voll und brauche nichts Neues. Ja, Konsumverzicht ist sinnvoll. Aber ein echtes Einkaufserlebnis entspannt und beflügelt. Und schließlich will sich das Belohnungszentrum nicht nur mit Wein und Chips vorm Fernseher begnügen.

So in der individuellen Freiheit eingeengt, gestaltete sich der Gang über den Markt zum Wochenhöhepunkt. Wer zu Hause arbeitete und nur seine vier Wände und die Familie sah, war froh, dort mal wieder vermummte Bekannte zu treffen. Die Gespräche kreisten inzwischen um den heiß ersehnten Impftermin, statt um Urlaubspläne.

Feiern waren ebenso tabu. Die Einladungen für unser gemeinsames Geburtstagsfest im Oktober waren längst verschickt und wieder abgesagt. Noch nicht einmal zum spontanen Sommertermin wären unsere meist älteren Freunde angereist, alle hatten Angst. So begnügten wir uns mit zwei Stunden Familien-Skypen beim Geburtstagskaffee und verschoben das Fest aufs nächste Jahr. Werden wir es wirklich nachholen?

Jetzt sind mit der neuen Freiheit die alten Gewohnheiten zurück. Hat sich etwas verändert? Der gemütliche Stadtbummel inklusive Ausschüttung von Glückshormonen war schlagartig wieder da. Wir genießen es, uns zum Ausgehen wieder chic anzuziehen. Wir werden Live-Musik und Kunst aufsaugen, wir sind ja ausgehungert. Werden wir auch dankbarer sein und rücksichtsvoller? Werden wir unsere Umwelt bewusster wahrnehmen und den technischen Fortschritt weiterhin sinnvoll nutzen? Vielleicht war es gar nicht so verkehrt, sich den alten Gewohnheiten einmal bewusst stellen zu müssen.

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