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Eva Demski hat sich intensiv mit den Taten, aber auch mit der Philosophie der RAF auseinandergesetzt. »Es gibt keine abscheulichere Sprache wie die im RAF-Handbuch. Ich rate jedem ab, das zu lesen«, sagt die Autorin im Alten Hallenbad.

»Die Distanz hat sich vergrößert«

  • VonHarald Schuchardt
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Friedberg (har). Ganz Frankfurt liest noch bis zum 18. Juli den Roman »Scheintod« von Eva Demski - zumindest diejenigen, die am aktuellen 12. Frankfurter Lesefestival teilnehmen. Trotz vieler Lesungen in der Mainmetropole kam die bekannte Frankfurter Schriftstellerin am Dienstagabend im Rahmen von »Friedberg lässt lesen« in das ausverkaufte Theater Altes Hallenbad, um aus ihrem Roman »Scheintod« zu lesen und darüber zu sprechen.

Es war ein etwas anderer erster Leseabend nach über einem Jahr Pause. Zum einen handelt es sich bei »Scheintod« um die aktuelle Neuausgabe des bereits 1984 erschienen dritten Romans von Demski, die letztmals vor zwei Jahren zu Gast bei »Friedberg lässt lesen« war.

Zum anderen las die ehemalige HR-Redakteurin nur eine kurze Passage aus dem Buch, in dem sie mit dem »menschenverachtenden Irrsinn (Demski) der RAF abrechnet. In einem halbstündigen Gespräch mit Andreas Matlé, dem Leiter der Ovag-Öffentlichkeitsarbeit, sprach sie über die Zeit nach dem bis heute ungeklärten Tod ihres Mannes Reiner, der 1974 tot in seiner Kanzlei aufgefunden wurde.

Reiner Demski war unter anderem Strafverteidiger von Gudrun Ensslin. »Er hat sie beim Prozess wegen der Kaufhausbrandstiftung anwaltlich vertreten, nicht verteidigt«, erklärt die gebürtige Regensburgerin, die Anfang der 1950er Jahre mit ihren Eltern in die Mainmetropole gezogen war.

Zu Beginn des Gesprächs fasst Matlé den Inhalt des inzwischen mehrfach aufgelegten Romans zusammen: Nach dem Tod des »Mannes« taucht die von ihm getrennt lebende »Frau« zwölf Tage lang in Erinnerungen. Dabei versucht sie, dessen Arbeit als Anwalt der linken Szene ebenso zu verstehen, wie dessen undurchsichtiges Leben, in dem Rocker, Junkies und Strichjungen ebenso eine Rolle spielen, wie die »Gruppe«.

Bewusst hat Demski auf diese drei Namensnennungen verzichtet. Erst zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes hat sie den Roman geschrieben, denn »ich wollte das Geschehen distanziert schreiben«, sagte Demski, die nach dem Erscheinen des Romans von der linken Szene angefeindet wurde. »Ich habe mich seitdem nie mehr mit dem Inhalt beschäftigt, die Distanz hat sich vergrößert«, beantwortet die Autorin eine entsprechende Frage Matlés um hinzuzufügen: »Man kann Trauer und Liebe nicht quantifizieren, man kann damit leben.«

Ausführlich beschäftigte sich Demski mit den Taten aber auch mit der Philosophie der RAF. »Es gibt keine abscheulichere Sprache wie die im RAF-Handbuch. Ich rate jedem ab, das zu lesen.«

Eine Figur wie Andreas Bader habe eine furchtbare Rolle gespielt. Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof seien hemmungslos in Bader verknallt gewesen und dieser habe sich aufgeführt wie ein »Hausfrauen-Mephisto«, sagte Demski. Gefreut habe sie, dass nach der Wende herauskam, dass sich einige RAF-Protagonisten in der DDR versteckt hatten. Demski: »Sie arbeiteten beim VEB Motorenöl, das geschah ihnen recht.«

Die Frage nach der zeitgeschichtlichen Bedeutung der RAF beantwortet Demski überraschend kurz: »Da ist der Deckel drauf.«

Matlés Frage, wo ihr Mann heute stehen würde, beantwortet Demski humorvoll: »Vielleicht wäre er bei den Grünen, obwohl er alles Gesunde und Grüne verabscheute.«

Lob gab es im Verlauf des Gesprächs von Demski für die Fridays-for-Future-Bewegung.

Nach dem Gespräch las Demski eine Passage aus dem Roman, in dem ihr Mann einen »Pflanzenrächer« vor Gericht vertreten hat, da dieser unter anderem 100 Palmen aus einem Baumarkt »gerettet« hatte, was diesen »Spinner« (Demski) in Untersuchungshaft brachte.

In der Fragerunde beschrieb sie ihr Verhältnis zu ihrer Wahlheimat: »Frankfurt ist wie ein hässlicher Hund, den man trotzdem liebt.«

Das Cover zeigt die Frankfurter Kaiserstraße im Jahr 1959.

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