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Bekannte Handbewegung: Jo van Nelsen interpretiert Werke des Friedberger Erfolgsautors Wolf Schmidt. Andreas Mehling, der Neffe des Autors der »Hesselbachgeschichten«, ist dieses Mal mit dabei.

Dialoge mit viel Lokalkolorit

  • vonHaimo Emminger
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Friedberg (emh). Dem hiesigen Publikum muss man den Moderator, Rezitator und Sänger Jo van Nelsen nicht mehr vorstellen. Wie oft hat er seit 2016 doch die Herzen der ins Alte Hallenbad geströmten Besucher mit großartigen Interpretationen der Werke des Friedberger Erfolgsautors Wolf Schmidt erobert und zu Begeisterungsstürmen hingerissen.

Doch davon am Wochenende keine Spur: Coronabedingt saßen er und Andreas Mehling, der Neffe des Autors der »Hesselbachgeschichten«, vor leeren Stühlen, um Episoden aus »Der Kriminalfall« zu lesen und im Dialog ein Licht auf Leben und Wirken von Wolf Schmidt zu werfen. Die Hesselbach-Fans kamen dennoch auf ihre Kosten; An den Bildschirmen zu Hause konnten sie den gefilmten Auftritt der beiden Akteure zeitgleich »gestreamt« mitverfolgen.

Unvergleichliche Mimik

Die Mundart-Hörspiele und TV-Serien über die Firma Hesselbach hatten es van Nelsen angetan und waren der Grund, sich früh mit Wolf Schmidt und den von ihm geschaffenen Figuren und deren Interpreten in den ab 1960 laufenden 51 TV-Sendungen zu befassen. Er berichtete über seine Begegnungen mit Liesl Christ, Lia Wöhr bis hin zu Maria Mucke, die vor zwei Jahren starb

In »Der Kriminalfall« zieht van Nelsen wieder alle Register seiner Vortragskunst, holt über seine unvergleichliche Phonetik und Mimik die unterschiedlichen Figuren leibhaftig auf die Bühne. So etwa, wenn Babba seiner Frau zu erklären versucht, dass die bei ihr gefundenen Bleistifte Eigentum der Firma Hesselbach GmbH sind und nicht einfach privat entnommen werden dürfen, während Mama entgegnet, »Ich hab mer die vom Hausmeister gebe lasse, da ist doch nix dabei, des ist doch sowieso unser Firma« und Sohn Willy erklärt, »der kann die Bleistift doch net ohne Quittung rausgebbe«.

Hesselbach-Erfinder Schmidt hatte seine Geschichten auf Hochdeutsch verfasst, die van Nelsen in gepflegtes Frankforderisch überträgt. Man erfährt auch, dass der immer bescheidene Friedberger sich nie in die Öffentlichkeit gedrängt hat, selbst als er mit seiner zweiten Frau auf der Bühne stand.

Anfangs hatte er eine Truppe für sogenannte Floorshows, eine Art Kabarett, zusammengestellt, die besonders in den Kasernen der Amerikaner beliebt waren. Nach seinem Umzug an den Bodensee trat er in Hessen nicht mehr in Erscheinung. Sein Onkel lebte von Kaffee, sei kein Gourmet gewesen, aber ein guter Esser, und legte Wert darauf, gut angezogen zu sein. Wegen seiner Leibesfülle habe er, um es bequemer zu haben, eine mit der Weste verbundene Hose erfunden und nähen lassen, erzählt Mehling.

Im Kriminalfall wird es dramatisch, als bei Mama weitere Bleistifte und sogar Farbstifte gefunden werden und Babba diplomatisch bei Mamma vorfühlt, ob sie kleptomanisch sei. Was dazu führt, dass Mama ernsthaft besorgt am Verstand ihres Mannes zweifelt - ein Dialog, den Nelsen hinreißend meistert.

Ein bescheidener Friedberger

Schade, dass die anwesenden Techniker ihr Lachen unterdrücken mussten und die Gluckser an den Bildschirmen draußen im Land nicht vernehmbar waren.

Die Geschichte eskaliert zur Groteske, als auch der gewitzte Lehrbub Rudi mit seinen »geliehenen« Briefmarken ins Spiel kommt, »ich hab nur das Beste gewollt«, und endet mit Babbas verblüffender Ermahnung: »Auch beim Ehrlichsein sollte man sich nicht erwischen lassen!«.

Mit diesem vorerst vorletzten Livestream mit viel Lokalkolorit hat der Kulturtempel einmal mehr auf sich aufmerksam gemacht: »In einer Woche präsentieren wir uns endlich wieder vor Publikum«, freute sich Gastgeber Andreas Mehling.

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