Diagnose Schizophrenie: "Dann bin ich gesprungen"

Friedberg (cor). Vor über zehn Jahren spürte sie, dass etwas nicht in Ordnung ist. Der Alltag von Elke K. (Name geändert, d. Red.) war von Zwängen und Ängsten geprägt. Anfangs habe sich das gar nicht schlimm angefühlt, doch das änderte sich. Und irgendwann stand die Diagnose fest: Schizophrenie. Elke K. ist eine von 5500 Menschen, die jährlich in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Friedberg behandelt werden.

Die WZ stellt die in einer vierteiligen Serie die Klinik mit ihren Stationen vor, Patienten berichten über ihr Schicksal und ihren Weg in die Psychiatrie.

Elke K. blickt auf die Uhr. "16 Uhr, ich muss meine Tablette nehmen." Sie ist auf Neuroleptika angewiesen, ein Medikament, das zur Behandlung von Wahnvorstellungen und Halluzinationen eingesetzt wird. K. leidet an Schizophrenie. "Meine Mutter spricht das Wort bis heute nicht aus." Die Krankheit sei schwer für sie zu akzeptieren. "Sie hat mich nie in der Klinik besucht." Rückhalt bekommt die junge Frau von einer Freundin.

Die Krankheit macht sich bemerkbar, als Elke K. gerade ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Mit einer überdurchschnittlichen Note, im Berufsalltag hat sie gerade Fuß gefasst. "Irgendwie spürte ich: Mit mir stimmt etwas nicht." Sie hat das Gefühl, Aufgaben unter Zeitdruck erledigen zu müssen, fühlt sich kontrolliert und überwacht. Dazu kommen immer mehr Zwänge. "Ich dachte, jetzt muss ich Blumen oder rote Schuhe kaufen. Und dann kaufte ich die auch." Schilder sprechen mit ihr, sagen ihr, in welche Richtung sie gehen muss. Immer mehr Symptome bestimmen ihr Leben.

Elke K. fühlt sich beobachtet, vermutet Kameras in ihrer Wohnung, glaubt ihr Wecker sei manipuliert und das Telefon angezapft. "Plötzlich war ein Gefühl da, dass mir jemand etwas Böses will."

Die Polizei holt sie ab

Sie fühlt sich verfolgt. "Ich dachte, ich bin in meiner Wohnung nicht mehr sicher." Elke K. ruft die Polizei, vermutet Fremde auf dem Grundstück, schließt sich im Bad ein. Sie hört Stimmen, ein Kratzen an der Tür, es ist kalt. Die Polizei nimmt sie mit zur Wache, doch die Angst bleibt, dass ihr auch hier jemand auflauern könnte. Gespräche bekommt sie nur noch am Rande mit, Elke K. lebt mittlerweile in einer Parallelwelt, hungert dabei auf 50 Kilogramm runter. Ihr Verfolgungswahn prägt den gesamten Tagesablauf. Irgendwann springt sie aus Angst aus dem Fenster ihrer Erdgeschosswohnung. Kaum vorstellbar, was passiert wäre, wenn sie in einem höheren Stockwerk leben würde.

Ihre Schwester wird auf die gerade erst eröffnete Klinik in Friedberg aufmerksam, die über eine Soteria-Station verfügt. Auf dieser Station werden Menschen aufgenommen, die sich in einer psychotischen Krise befinden. Charakteristisch hierfür ist eine Zerrissenheit im Fühlen und Denken. In dieser Krise wird der Mensch sich selbst und der Umwelt fremd, hat Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Die Betroffenen fühlen sich verfolgt, glauben ihre Gedanken würden manipuliert, hören und sehen Dinge, die für andere nicht vorhanden sind.

Die Schwester arrangiert den Kontakt zur Klinik, begleitet sie in die Ambulanz. "Ich habe aufmerksam zugehört, war ganz ruhig." Sie bleibt drei Wochen auf der Station, kehrt wieder nach Hause zurück. Doch Elke K. fühlt sich nach wie vor nicht wohl, ist kraftlos. Die Folge: Sie erleidet einen Nervenzusammenbruch, kehrt in die Klinik zurück. "Ich bin dann drei Monate auf der Station geblieben." Erst jetzt sei ihr klar geworden, dass eben nicht "alles in Ordnung" ist, wie sie sich zuvor eingeredet hatte. Elke K. lässt sich auf eine umfangreiche Therapie ein.

Verhandeln statt behandeln

Im Vordergrund der Therapie steht "das Verhandeln mit dem Patienten, nicht das Behandeln", sagt Chefarzt Dr. Michael Putzke. Gemeinsam werden Ziele erarbeitet, gemeinsam werden die Behandlungsschritte besprochen. Es folgen Einzel- und Gruppentherapie, Bewegungs-, Gestaltungs-, Sozio- und Pharmako-Therapie sowie die Beratung der Angehörigen. Die Patienten haben eine feste Bezugsperson, arbeiten mit einem Team. Auch die Räume der Station sind Teil des therapeutischen Milieus, erläutert der Chefarzt. Eine wohnliche Atmosphäre und überschaubare Strukturen mindern die Angst und die Krankheitssymptome. "Die Klinik bietet einen geschützten Rahmen", bestätigt Elke K. Den nutze sie auch heute noch regelmäßig, stationär oder in der Tagesklinik.

Es hat lange gedauert, bis Elke K. ihre Diagnose akzeptiert hat. Die Gespräche mit ihrem Ansprechpartner Dr. Putzke helfen ihr auch heute noch. "Ich höre schon lange keine Stimmen mehr." Auch die Gruppengespräche seien hilfreich. "Man erkennt: Ich bin nicht die Einzige." Heute habe sie längst wieder ein Selbstwertgefühl entwickelt. "Wenn ich reden will, kann ich Tag und Nacht in der Klinik anrufen." So will sie Schritt für Schritt zurück ins normale Leben.

Warum die Krankheit sich in ihr Leben geschlichen hat, weiß Elke K. nicht. "Das hat sich wie ein Selbstläufer ergeben." Die Entwicklung einer Schizophrenie ist diese bis heute nicht abschließend geklärt. In der Neurologie und Psychiatrie wird ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren (Genetik, Umwelt, Biographie) vermutet. Menschen, die an einer Schizophrenie erkranken, sind möglicherweise empfindsamer gegenüber Innen- und Außenreizen. Menschen mit Verwandten, die an Schizophrenie erkrankt sind, haben ein höheres Erkrankungsrisiko.

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