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Matthias Eigelsheimer

Der Mond im Zenit verharrend

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). »Das Abgeschmackteste, / hier ward es geschmeckt. Das Allervertrackteste, / hier war es bezweckt. Das Unverzeihliche, / hier sei es verziehn. Das ewig Langweilige / zieht uns dahin.«

Nein, diese Zeilen entstammen nicht dem zweiten Teil von Goethes »Faust«-Tragödie, sondern einem im Jahr 1862 erschienenen Drama namens »Faust - der Tragödie dritter Teil«. Als Verfasser zeichnet ein gewisser »Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky«. Hinter diesem kuriosen Pseudonym verbirgt sich der 1807 im schwäbischen Ludwigsburg geborene Schriftsteller und Germanistikprofessor Friedrich Theodor Vischer.

Sein satirisches »Drama« ist ein gnadenloser Verriß von Goethes »Faust«. Aus Vischers Sicht erstickt der stolze, 7500 Verse lange zweite Teil an einer unüberschaubaren Allegorienflut sowie an »vertrackten«, kaum zu entwirrenden symbolischen Bezügen und mythologischen Anleihen.

Der »Faust II« sei überdies weitgehend handlungsfrei und in voller Länge unspielbar - kurz: ein grandios gescheitertes Alterswerk voll unfreiwilliger Komik.

Dr. Matthias Eigelsheimer, gern gesehener Vortragsredner in Friedberg, kam kürzlich nach Friedberg, um - ohne direkte Bezugnahme auf ihn - Friedrich Theodor Vischers ätzende Kritik an Goethe mit einer glänzenden Analyse der zeitlichen Perspektiven vor allem im Übergang vom zweiten zum dritten Akt von »Faust II« zu kontern.

In der Tat sei der zweite Teil des »Faust« trotz seiner Gliederung in fünf Akte kein kohärentes dramatisches Ganzes, sondern eine »parataktische« Reihung unterschiedlichster Themen - angefangen von der Szene am kaiserlichen Hof im ersten Akt über den zweiten und den dritten Akt mit klassischer Walpurgisnacht und Helena-Tragödie bis hin zum vierten Akt, in dem es den alten, erblindeten Faust zu »großen Taten« drängt. Er will dem Meer fruchtbares Land abgewinnen und nimmt dabei den Tod unschuldiger Menschen in Kauf. Das barocke »Welttheater« à la Calderón kulminiert im fünften Akt mit Fausts Scheitern und Tod sowie seiner Rettung aus den Klauen Mephistos durch das »Ewig Weibliche«.

Das »Scharnier«, welches diesen bunten Mix aus realen und symbolischen Handlungen zusammenhält, sind - so Eigelsheimer - die klassische Walpurgisnacht und Fausts Begegnung mit Helena. Im Übergang vom zweiten zum dritten Akt werde lineare, reale Zeit zur mythologischen Überzeit - zum einen stillstehend (»Mond im Zenith verharrend« lautet eine diesbezügliche Regieanweisung) und andererseits in »Äonen«-Schritten die Entstehung des Kosmos symbolisierend.

Goethes »Personal« wird nun zunehmend allegorisch bzw. mythologisch: Das vom Famulus Wagner unter Beihilfe Mephistos (der im »Faust II« an Bedeutung verliert) im Reagenzglas erzeugte »artig Männlein« - der proteische Homunculus - strebt nach Gestaltwerdung als Mensch und fungiert damit, so der Referent, als Sinnbild der Geschichte des Menschen.

Faust sucht die schöne Helena

Faust ist während des Ganzen interessanterweise nicht anwesend, sondern begibt sich auf die Suche nach der schönen Helena als Inbegriff klassischer Vollkommenheit. Es folgt der 3000 (!) Jahre umfassende Helena-Akt als Zenit des Weltendramas.

Kann der durchschnittliche, »strebend bemühte« Leser erlöst werden, kann er dem sich ins Kosmische weitenden zeitlich-überzeitlichen »Geschehen« noch folgen, ohne schwindlig zu werden? Eigelsheimers glänzender, mit viel Beifall bedachter Vortrag ließ die Frage unbeantwortet - zu Recht. Muss sie doch jeder für sich selbst entscheiden. FOTO: GK

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