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Lautstarker Protest: Eltern und Kinder fürchten um den Erhalt des Montessori-Campus und fordern ein Gespräch mit der Stadt.

Drohende Schließung

Demo für Montessori-Campus in Friedberg: „Fast 200 Einzelschicksale stehen auf dem Spiel“

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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„Wir wollen bleiben!“ Mit Trommeln und Trillerpfeifen haben rund 100 Eltern und ihre Kinder in Friedberg für den Erhalt des Montessori-Campus demonstriert.

Friedberg – Mit Trillerpfeifen, Trommeln, Rasseln und Parolen sorgten Eltern und Kinder des Montessori-Campus Friedberg am gestrigen Nachmittag für eine lautstarke Beschallung des Elvis-Presley-Platzes. Viele hatten Transparente mitgebracht. Einige Parolen lauteten »Montessori-Campus erhalten«, »Wir wollen eine Chance« und »Antkowiak erklär’ dem Kind, warum man ihm den Campus nimmt!«

»Wir wollen beide Seiten zusammenbringen«, sagte Felix Schulte, einer der Väter der Montessori-Gemeinschaft. Beide Seiten: Das sind die Geschäftsführung der neu gegründeten Montessori-Gemeinschaft und die Stadt. Die Erfahrungen mit dem vormaligen Träger, der Montessori-Fördergemeinschaft Wetterau, die im April 2020 Insolvenz anmeldete, lösen bei der Stadt keine Jubelarien aus. In der Vergangenheit lief einiges schief, viel Vertrauen wurde verspielt. Der Campus steht zum Verkauf, noch gibt es keine Entscheidung des Insolvenzverwalters, wer den Zuschlag erhält. Die Stadt will auf dem Gelände weitere Kita-Plätze schaffen; die Grundschule müsste dann schließen.

Friedberger Eltern warten auf Gesprächsangebot

»Wir wollen wissen, was Sache ist und schlagen deshalb eine Art Mediation vor«, sagte Nicolas Fandrey, einer der Väter. Stadt und Geschäftsführung müssten endlich die Missverständnisse ausräumen. Vor allem wollen die Eltern Klarheit: Was wird aus der Einrichtung? Müssen sie ihre Kinder an einer anderen Kita oder Grundschule anmelden? »Wir hängen in der Luft«, sagte eine Mutter. »Der Worst Case wäre, dass die Kinder Ende August auf der Straße stehen«, sagte Vater Thomas Hofmann.

Für die Eltern wäre das eine Katastrophe. Die Montessori-Pädagogik unterscheide sich von derjenigen in städtischen Kitas oder staatlichen Schulen. Die Klassen 1 bis 4 seien altersgemischt, zwei bis drei Pädagogen kümmerten sich um die Kinder, die einem anderen Lehrplan folgten, sagte Mutter Yvonne Trapp. Ein Wechsel sei nichts so ohne weiteres möglich bzw. sinnvoll. Würden Kita und Grundschule geschlossen, würden der Montessori-Sekundarschule am gleichen Ort die Schülerzahlen wegbrechen, sagt Vater Thomas Hofmann. »Mein Kind geht jeden Tag glücklich in die Schule«, meinte eine Mutter. »Das soll auch so bleiben.«

Montessori-Campus in Friedberg: Ende August droht die Zwangsräumung

Die Eltern weisen auf die Folgen einer möglichen Zwangsräumung zum 31. August hin: Es gehe um 82 Kita-Plätze, davon zwei feste Inklusionsplätze, um 75 Grundschulplätze und 40 Arbeitsplätze in Friedberg. In einem Brief an die Stadt erinnern sie an das besondere Schulkonzept, die individuelle Förderung der Kinder nach den Prinzipien Maria Montessoris. »Es stehen fast 200 Einzelschicksale auf dem Spiel, bisher wurde zu wenig für den Erhalt getan.«

Viele Passanten kamen an der Demo vorbei, Vertreter der Stadt waren nicht zugegen, dafür Kommunalpolitiker von Grünen und SPD. »Die Eltern können nichts dafür. Wir sollten eine Lösung finden und die Vielfalt der Angebote im Auge behalten«, sagte Ortsvorsteher Rudi Mewes (Grüne). Eine Online-Petition für den Erhalt des Campus wurde über 1100 Mal unterschrieben.

Brief von der Stadt Friedberg: Zwangsversteigerung läuft

In einem Brief an die Eltern haben Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) und Erste Stadträtin Marion Götz (SPD) ihre Haltung erläutert. Die Stadt Friedberg sei nicht Eigentümer der Grundstücke und der Gebäude am Maria-Montessori-Weg. Man biete in einem offenen Verfahren bei einem von einem Insolvenzverwalter beauftragtem Makler um den Erwerb der Liegenschaft mit. Für die wirtschaftliche Misere des Trägervereins, die zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens führte, sei die Stadt nicht verantwortlich. Es fehlten rund 230 Kita-Plätze. »Sollte es der Stadt gelingen, das Gelände zu erwerben, wäre dort die kurzfristige Schaffung von 199 Plätzen in zwei Kitas möglich.« Eine Bebauung mit einem weiteren Kita-Gebäude auf dem Parkplatz, wie von der Montessori-Gemeinschaft vorgeschlagen, sei »nach fachlicher Prüfung ebenso wenig wie andere Standorte geeignet, den Bedarf zu decken«. Bei der Stadt haben sich mehrere freie Träger gemeldet, die eine Kita auf dem Gelände betreiben wollten. »Das weitere Vorgehen müsste im Fall der Eigentumsübertragung unter Berücksichtigung gesetzlicher Regelungen nach einheitlichen Kriterien und Bewertungsmaßstäben gegenüber allen Interessierten erfolgen.« Der Gemeinsam Montessori Leben gGmbH dürfe dabei von der Stadt »kein Vorrang vor anderen Interessenten eingeräumt werden«. Den Eltern wird empfohlen, ihr Kind in einer anderen Einrichtung anzumelden. Für die Eltern, die am Mittwoch für den Erhalt des Campus demonstrierten, ist das keine Alternative. »Das ist ein Trauerspiel«, sagte eine Mutter.

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