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Auf dem Weg zu seiner Berufung: Pfarrer Stefan Wanske verlässt im Dezember nach zwölf Jahren die katholische Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Friedberg. Der Dekan geht zwei Schritte zurück, wird Pfarrvikar in Gießen und kann sich nun wieder mehr der Seelsorge widmen.

Friedberg: Pfarrer Wanske nimmt im Dezember Abschied

Dekan wird Pfarrvikar: Vom Schreibtisch zurück ins Leben

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Der katholische Pfarrer Stefan Wanske verlässt Friedberg und macht einen Schritt zurück: vom Dekan zum Pfarrvikar. Für Wanske ein konsequenter Schritt. Er will wieder seelsorgerisch arbeiten.

Am 1. Dezember wird Stefan Wanske seine neue Stelle in Gießen antreten. Er wird Pfarrvikar in St. Albertus in der Gießener Nordstadt. Pfarrvikar: Das ist ein Priester ohne Verwaltungsaufgaben. Als Dekan ist Wanske aktuell Chef der Pfarrer in der westlichen Wetterau. Ein ungewöhnlicher Schritt. Aber reiflich überlegt, sagt er.

»Ich fühle mich in Friedberg sehr wohl. Aber ich sehe mich nicht in der Nachfolge meines geschätzten verstorbenen Kollegen Wilhelm Heininger, der auch Dekan war und 30 Jahre lang Pfarrer in Friedberg«, sagt Wanske. »Ich möchte andere Schwerpunkte setzen, will zu meiner ursprünglichen Motivation, Priester zu werden, zurück.« Das heißt: Seelsorge statt Verwaltung, Gottesdienste statt Teamsitzungen.

Seit 2019 unerrichtet Wanske Religion in der 3. und 4. Klasse an der Adolf-Reichwein-Schule. »Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen«, sagt er lachend. Die Arbeit mit Kindern sei großartig. »Meine Ausbildung war auf Seelsorge ausgerichtet. Im Alltag als Dekan kommt das oft zu kurz.«

Kirchengemeinden sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Als Verwaltungsleiter beschäftigt man sich zwangsläufig mit Finanzbuchhaltung oder mit Arbeitssicherheit. »In großen Firmen gibt es dafür Spezialisten.« Wanskes Spezialgebiet liegt im menschlichen Bereich, weniger in den Paragrafen der Datenschutzgrundverordnung. Er spricht von einer »verhängnisvollen Akzentverschiebung«: »Ich habe einen schleichenden Berufswechsel erlebt. Jetzt frage ich mich: Wie oft habe ich das Kirchenverwaltungsgesetz in der Hand und wie oft die Bibel?«

Wieder mehr Zeit für die Seelsorge

Es sei ein »inneres Ringen« gewesen. Auch Dekane seien früher Kümmerer gewesen. »Heute verantworten sie Prozesse.« Er habe sich gefragt, bei welcher Tätigkeit er einen »Flow« erlebt, wann er restlos in einer Aufgabe aufgeht. »Mir fielen ein: Erstkommunion, Begleitung von Trauerfällen, Gottesdienste, die Arbeit am Einzelnen.« Für leitende Posten gebe es genügend Interessenten, sagt Wanske und spricht den »Pastoralen Weg« an, die Umbauaktion der katholischen Pfarreien. Diese werden in großen Einheiten zusammengefasst, die Verwaltungsarbeit wird konzentriert. Und es wieder mehr Platz und Zeit für die Seelsorge sein.

Es steht nicht gut um die katholische Kirche. Das weiß Wanske. Die Fälle von sexuellem Missbrauch in katholischen Einrichtungen, die seit 2010 bekannt wurden, führten zu einer Austrittswelle, die anhält. »Wir hatten im Juni zwölf Kirchenaustritte in Friedberg. Durch die Missbrauchsfälle verlieren wir in Deutschland jedes Jahr zahlenmäßig eine größere Pfarrgemeinde.« Er spüre eine gewisse Hilflosigkeit der Kirche.

Viele Erinnerungen bleiben hängen

»Wir müssen mit den Opfern reden. Theologie aus dem Elfenbeinturm hilft uns wenig. Wenn man mit Betroffenen spricht, fühlen sich diese Menschen ernst genommen.« Der Mensch müsse über dem Schutz der Institution stehen.

Wanske neue Wirkungsstätte ist ihm vertraut. Er stammt aus Buseck, ging in Gießen zur Schule. Friedberg sei ihm in den zwölf Jahren ans Herz gewachsen, die Pfarrgemeinde zeichne sich durch ihre Vielfalt aus. »Das erfordert Integrationskraft«, sagt er schmunzelnd. Er sei ein kommunikativer Mensch, das habe gepasst.

Gerne denkt er an die »Ökumenischen Marksteine« aus der Zusammenarbeit mit Stadtkirchen-Pfarrerin Susanne Domnick, an Ökumenische Gemeindefeste, die »Nächte der offenen Kirchen« und »unsere gemeinsame Idee, mit der Fronleichnamsprozession in der Stadtkirche Station zu machen. Da haben wir auf anrührende Weise ›Lokal-Kirchengeschichte‹ geschrieben.«

Die Pfarrstelle ist ausgeschrieben. Der Nachwuchs ist dünn gesät. Immerhin zwei Primizen konnte Wanske als Dekan feiern: Daniel Kretsch aus Gambach und Maximilian Eichler aus Butzbach wurden zum Priester geweiht.

In Gießen wird sich Wanske einen neuen Sportverein suchen müssen. Der Rennradfahrer trainiert in der Triathlongruppe des TV Windecken. 2019 legte er bei der DLRG Heldenbergern das Deutsche Rettungsschwimmabzeichen in Gold ab. Sein Trainer ist Bernhard Marohn, Schulleiter der Sankt-Lioba-Schule Bad Nauheim. Als Rettungsschwimmer schiebt Wanske schon mal Wachdienste im Freibad oder am Großkrotzenburger See. Das passt. Schließlich sind Pfarrer ja so etwas ähnliches wie Rettungsschwimmer.

Als Bischofssekretär unterwegs mit Kardinal Lehmann

Stefan Wanske (46) wurde in Bonn geboren, wuchs in Buseck im Kreis Gießen auf. Nach dem Theologiestudium in Mainz und Wien wurde er 2001 zum Priester geweiht. Nach zwei Kaplanstellen war er von 2006 bis 2009, direkt vor seiner Zeit in Friedberg, Bischofskaplan des Mainzer Bischofs Kardinal Karl Lehmann. »Eine faszinierende Persönlichkeit«, sagt Wanske, der die Vitalität des 2018 Verstorbenen bewunderte: »Ich sagte immer zu ihm: Wenn ich Sie wäre, wäre ich schon seit 20 Jahren tot. Er hat sich darüber amüsiert.« Dreieinhalb Jahre lang war Wanske an der Seite des Kardinals, lernte die »weltkirchliche Perspektive« kennen. Er war beim Papstbesuch 2006 in Regensburg dabei und versuchte »einen mäßigenden Einfluss« auf die Terminplanung des Kardinals zu nehmen. »Bei Kirchentagen war er von morgens bis zur Mitternachtmesse auf den Beinen. Er hat immer die Begegnung mit den Menschen gesucht. Wenn man ihn bat, aus Zeitgründen keine Autogramme zu geben, hat er es trotzdem gemacht. Und alle bekamen ein Autogramm.« 180 000 Flugstunden hat Wanske damals zurückgelegt. Seither saß er nur noch einmal im Flugzeug, bei einer Reise nach Rom. »Wenn ich einen Flughafen von Weitem sehe, steigt mein Blutdruck.« Gerne erinnert er sich an Privatkonzert von sechs Berliner Philharmonikern für Papst Benedikt im apostolischen Palast in Rom. Oder an ein Essen mit Bundespräsident Horst Köhler und Gattin in der Villa Hammerschmidt. Und wer kann schon sagen, er habe Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Ramallah besucht? Diese »weltkirchliche Perspektive« sei aber nicht das richtige Leben, sagt Wanske. Kardinal Lehmann habe diesen Spagat aber hinbekommen.

Stefan Wanske (46) wurde in Bonn geboren, wuchs in Buseck im Kreis Gießen auf. Nach dem Theologiestudium in Mainz und Wien wurde er 2001 zum Priester geweiht. Nach zwei Kaplanstellen war er von 2006 bis 2009, direkt vor seiner Zeit in Friedberg, Bischofskaplan des Mainzer Bischofs Karl Kardinal Lehmann. »Eine faszinierende Persönlichkeit«, sagt Wanske, der die Vitalität des 2018 Verstorbenen bewunderte: »Ich sagte immer zu ihm: Wenn ich Sie wäre, wäre ich schon seit 20 Jahren tot. Er hat sich darüber amüsiert.« Dreieinhalb Jahre lang war Wanske an der Seite des Kardinals, lernte die »weltkirchliche Perspektive« kennen. Er war beim Papstbesuch 2006 in Regensburg dabei und versuchte »einen mäßigenden Einfluss« auf die Terminplanung des Kardinals zu nehmen. »Bei Kirchentagen war er von morgens bis zur Mitternachtmesse auf den Beinen. Er hat immer die Begegnung mit den Menschen gesucht. Wenn man ihn bat, aus Zeitgründen keine Autogramme zu geben, hat er es trotzdem gemacht. Und alle bekamen ein Autogramm.« 180 000 Flugstunden hat Wanske damals zurückgelegt. Seither saß er nur noch einmal im Flugzeug, bei einer Reise nach Rom. »Wenn ich einen Flughafen von Weitem sehe, steigt mein Blutdruck.« Gerne erinnert er sich an ein Privatkonzert von sechs Berliner Philharmonikern für Papst Benedikt im apostolischen Palast in Rom. Oder an ein Essen mit Bundespräsident Horst Köhler und Gattin in der Villa Hammerschmidt. Und wer kann schon sagen, er habe Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Ramallah besucht? Diese »weltkirchliche Perspektive« sei aber nicht das richtige Leben, sagt Wanske. Kardinal Lehmann habe diesen Spagat aber hinbekommen. jw/dpa

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