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In der Pandemie hat Gewalt gegen Kinder zugenommen. Das zeigt sich auch an der Zahl der Anfragen beim Kinderschutzbund. Und immer wieder geht es auch um Vernachlässigung. SYMBOLFOTO: DPA/FOTO: PV

Kinderschutzbund mit Sitz in Friedberg

Das Leid der Kinder in der Pandemie - Expertin äußert sich

  • VonHedwig Rohde
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Wie arg leiden Kinder in der Pandemie unter Gewalt? Darüber redet Olivia Rebensburg, Geschäftsführerin des Landesverbands Hessen im Deutschen Kinderschutzbund - mit Sitz in Friedberg.

2020 hat die Polizei in Hessen im Vergleich zum Vorjahr zehn Prozent mehr Fälle von Kindesmisshandlungen registriert und 6,8 Prozent mehr Fälle von sexuellem Missbrauch. Decken sich diese Zahlen mit Ihren Erfahrungen?

Ein klares Ja! Egal, ob direkt bei unseren Fachberatungsstellen, ob bei den niedrigschwelligen Telefonangeboten für Kinder, dem Jugendtelefon, dem Elterntelefon - in allen diesen Bereichen ist die Zahl der Anfragen 2020 gestiegen, sodass wir unsere Beratungszeiten ausgebaut haben.

Um welche Themen geht es vor allem in diesen Beratungen?

Um alle Fälle der Gewalt gegen Kinder: körperliche Gewalt, psychische Gewalt, sexuelle Gewalt. Und natürlich immer wieder auch um Vernachlässigung.

Was genau hat sich durch Corona verändert?

15 Monate Pandemie führen zu einer angespannten Situation für alle in der Gesellschaft, besonders aber für Familien. Wo es vor der Pandemie schon nicht rund lief, wo es Gewalt in der Familie gab, finanzielle Sorgen und Nöte, Drogenmissbrauch oder enge Wohnverhältnisse, da eskalieren jetzt Situationen verstärkt in Gewalt. Dann gibt es Familien, die es vor Corona noch »einigermaßen hinbekommen« haben, bei denen der Druck aber nun so stark geworden ist, dass es zu verbaler, teilweise auch zu körperlicher Gewalt gegen Kinder kommt. Ein weiteres Problem entwickelt sich gerade: Nach fast eineinhalb Jahren Pandemie sind etliche Beziehungen am Ende, die Eltern trennen sich, wollen sich scheiden lassen. Für Kinder eine zusätzliche Verunsicherung und oftmals Katastrophe.

Wie äußert sich das Leiden der Kinder?

Wir sehen hier das volle Programm: soziale Ängste, Depressionen, Versagensängste infolge von Leistungsdruck, Ängste, das Umfeld anzustecken. Kinder haben seit 17 Monaten sehr gut mitgearbeitet, auf vieles verzichtet, sie nehmen die Testpflicht in der Schule sehr ernst.

Was können Sie tun bzw. wo genau setzen Sie an?

Der Kinderschutzbund ist offen für Kinder und Familien, die Hilfe benötigen. Wir haben an vielen Stellen unsere Beratungszeiten ausgebaut. Außerdem haben wir neue Angebote entwickelt, um Kinder und Familien während der Pandemie gut zu unterstützen. Zum Beispiel besondere Hilfe-Telefonnummern, Sprechstunden per Video, Unterstützung bei Schulaufgaben per Video, Gespräche beim Spaziergang, Spielepakete für Kita-Kinder… Es ist gut, wenn sich die Familien Hilfe suchen und gemeinsam mit den Berater*innen überlegen, was in der Situation der drohenden Eskalation zu tun ist, wie man für Entlastung sorgen kann, um Gewalt zu vermeiden. Aber auch, wie man sich beispielsweise, wenn es nicht gelungen ist, hinterher bei den Kindern entschuldigt und Wege findet, solche Situationen künftig anders zu gestalten.

Es gibt die ersten Lockerungen. Was brauchen Kinder und Familien jetzt vor allem?

Die Familien brauchen jetzt Sicherheit, Stabilität und Perspektiven, die Kinder brauchen soziale Kontakte, Spaß und Bewegung. Als Gesellschaft müssen wir nicht nur den verpassten Lernstoff in den Blick nehmen, sondern die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Geld, das jetzt in Programmen bereit gestellt wird, ist wichtig - aber es kommt zu spät für gute Maßnahmen in den Sommerferien. Es braucht zur Entlastung jetzt vor allem langfristige Angebote, denn Unterstützungsbedarfe, die sich in 15 Monaten aufgebaut haben, sind nicht durch eine zweiwöchige Ferienmaßnahme zu kompensieren. Dieser Prozess wird sich mindestens durch das nächste Schuljahr hindurchziehen.

Was soll/kann Politik tun?

Studien zeigen: Kinder und Jugendliche fühlen sich zu wenig gehört. Sie wurden als mögliche Überträger von Corona wahrgenommen, aber nicht mit ihren Bedürfnissen. Kinder und Jugendliche wollen an den sie betreffenden Entscheidungen beteiligt werden. Dies sieht auch die Hessische Verfassung vor. Die Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz - aber richtig, das fordern wir schon lange, und wir sind überzeugt, dass das auch Haltung verändert. Außerdem müssen wir verstärkt auf Prävention setzen: Fortbildung von Fachkräften, Stärkung und Ausbau von bestehenden Netzwerken. Und wir müssen die Beratungsangebote für Kinder und Familien erhalten und ausbauen.

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