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Vorlesen in der Kuschelecke: Enger Kontakt zu Kindern gehört bei Erzieherinnen zum Alltag. In Zeiten einer Pandemie allerdings ist das ein Problem. Die Berufsgruppe hat ein höheres Risiko, an Corona zu erkranken. (Symbolfoto)

Corona-Pandemie

Das Dilemma der Erzieherinnen: So läuft es in den Kitas im Wetteraukreis

Wer in der Kinderbetreuung arbeitet, hat ein höheres Risiko, an Corona zu erkranken. Doch Kinder brauchen Nähe. Erzieherinnen aus dem Wetteraukreis berichten von ihren Erfahrungen, Wünschen und Ängsten.

Eine Mutter steht an der Tür zum Kindergarten und übergibt ihre Zweijährige. Die Kleine weint, will sich nicht trennen. Klar, dass die Erzieherin das Mädchen in den Arm nimmt, um es zu trösten.

Szenen wie diese sind Alltag in den Tagesstätten. Sie zeigen exemplarisch, dass Kinder Nähe brauchen. Immer wieder. In unterschiedlichsten Situationen. Auch in Zeiten einer Pandemie.

Zwar gibt es in den Einrichtungen seit vergangenem Frühjahr strenge Hygienekonzepte. Doch nicht immer sind Schutzmaßnahmen mit Blick auf das Wohl der Kinder so einzuhalten, wie es vielleicht erforderlich wäre. Die Folge: Erzieher sind in ihrem Beruf einem nachweisbar höheren Risiko ausgesetzt, an Corona zu erkranken, als Menschen in anderen Jobs.

Bestätigt wurde dies vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) im Rahmen einer Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten von Mitgliedern. »Berufe in der Betreuung und Erziehung von Kindern waren von März bis Oktober 2020 am stärksten von Krankschreibungen im Zusammenhang mit Covid-19 betroffen«, heißt es in dem Papier, das Ende Dezember veröffentlicht wurde und wonach ein Zusammenhang zwischen Fehlzeiten und der Menge an Kontakten besteht.

Kitas im Wetteraukreis: Nicht jede Erzieherin ist sich des hohen Risikos bewusst

Nicht jeder Erzieherin ist sich dieses Risikos im Alltag bewusst. Je nach Situation am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld wird mit der »Dauergefährdung« unterschiedlich umgegangen. »Wir versuchen positiv an die Sache heranzugehen und uns nicht runterziehen zu lassen«, sagt eine Erzieherin aus Wölfersheim.

Eine andere: »Über die Dauergefährdung denke ich nicht nach, sonst könnte ich nicht arbeiten gehen.« Die Kollegen hätten zum Teil Angst um sich und ihre Familien, da die momentane Situation sehr unbefriedigend sei.

»Die vielen Beschränkungen beeinflussen den Kita-Alltag erheblich: Die lebendige Kita gibt es zur Zeit nicht. Die pädagogischen Angebote sind runtergefahren, um das Infektionsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren«, berichtet eine andere Erzieherin aus Wölfersheim.

Kitas im Wetteraukreis: Hygienemaßnahmen bieten Sicherheit

Viele Erzieher empfinden durch die Hygienemaßnahmen »ein Stück Sicherheit« in ihrem Berufsalltag. »Wir können damit gut arbeiten und sind froh, dass es so viele Schutzmaßnahmen gibt«, sagt eine Erzieherin aus Wölfersheim.

»Als Träger ist es unsere Aufgabe, Sicherheit zu schaffen und Unterstützung zu bieten«, sagt Jochen Mörler von der Stadt Bad Nauheim. Daher habe die Stadt neben dem Hygienekonzept auch einen Stufenplan für ihre Kitas eingeführt.

»Normalerweise können Erzieher flexibel eingesetzt werden, wenn jemand krank wird. Das ist zur Zeit nicht möglich. Damit zur Sorge um das Virus nicht noch eine weitere Belastung hinzukommt, sieht der Plan je nach Situation Maßnahmen vor, wie die Kinder betreut werden können.«

Viele Erzieherinnen haben im privaten Umfeld ihr Verhalten angepasst. Sie halten Abstand, vermeiden Begegnungen, gehen Menschenansammlungen aus dem Weg. Doch im Job können sie Kontakte nicht verhindern, und das stellt viele vor ein Dilemma: Einerseits müssen sie sich selbst schützen, andererseits wollen sie den Kindern und ihren Bedürfnissen gerecht werden.

Kitas im Wetteraukreis: Erzieherin wünscht sich klare Regeln

Dass die hessische Landesregierung im Gegensatz zum ersten Lockdown für die Kitas kein Betretungsverbot verhängt, sondern es bei einem Appell an die Eltern gelassen hat, erschwert die Situation und wird kritisch gesehen.

»Wir hätten gerne feste Regelungen. Die jetzige Situation ist unbefriedigend für alle. Wir erleben Eltern, die sich tagtäglich ein Bein ausreißen, um ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Auf der anderen Seite erleben wir Eltern, die ihre Kinder aus privaten Gründen in die Kita bringen«, sagt eine Erzieherin aus Wölfersheim.Die Eltern hätten verschiedene Gründe für die Betreuung ihrer Kinder. »Da es aber um unser aller Gesundheit geht, ist es manchmal schwierig, dies urteilsfrei anzunehmen

Mörler verdeutlicht das Dilemma: »Im ersten Lockdown haben die Regeln für mehr Klarheit gesorgt, dennoch gab es Diskussionen. Wie erklärt man einem Elternteil, wenn morgens mit dem Kind vor der Kita steht, dass das Kind nicht betreut werden darf, weil der Beruf der Eltern nicht als systemrelevanten eingestuft worden ist?«

Derzeit bestünde dieses Problem nicht mehr. »Dafür gibt es jetzt ein anderes Dilemma. Durch die Freiwilligkeit bringen auch Eltern ihre Kinder, die es nicht müssten.«

Kitas im Wetteraukreis: Gebührenbefreiung soll für Entlastung der Erziehrinnen sorgen

Die aktuellen Regelungen finden auch Verständnis. »Ein Verbot ist nie gut, um Einsicht zu wecken«, sagt Horst Wenisch, Büroleiter der Stadt Reichelsheim.

»Wir haben es in unseren Kitas so gelöst, dass wir die Tage, an denen die Kinder nicht in der Kita sind, tageweise erstatten. Auf diese Weise können die Eltern entscheiden, wann eine Betreuung für die Kinder notwendig ist und wann sie zu Hause betreut werden können.« Die aktuellen Regelungen seien den Eltern gegenüber fair. Zumal es im ersten Lockdown ständig Änderungen gegeben habe, welche Berufe systemrelevant seien und welche nicht.

Auch die Gemeindevertretung in Wölfersheim hat in ihrer letzten Sitzung eine Gebührenbefreiung beschlossen. »Die aktuelle Situation stellt Eltern und Erzieher vor große Herausforderungen. Das Personal in unseren Kitas arbeitet am Limit.

Mit der Gebührenbefreiung wollen wir einen Beitrag dazu leisten, dass weniger Kinder in die Einrichtungen gebracht werden und unser Personal damit etwas besser geschützt wird«, sagt Bürgermeister Eike See.

Kitas im Wetteraukreis: Auslastung des Kindertagesstätten ist unterschiedlich

Was die Belegung der Kitas angeht, ist die Situation unterschiedlich. Im Januar waren 43 Prozent der Kitaplätze in Reichelsheim belegt. Damit ist die Belegung höher als durchschnittlich im Wetteraukreis. In den 198 Kitas sowie von den 135 »Tagesmüttern« im Landkreis wird derzeit ungefähr ein Drittel der angemeldeten Kinder betreut, heißt es aus der Pressestelle des Wetteraukreises.

In Wölfersheim sei die Auslastung noch höher. »Die Auslastung liegt im Schnitt bei ungefähr 80 Prozent im U3-Bereich und bei 50 Prozent im Ü3-Bereich. Die Tendenz ist von Woche zu Woche steigend«, sagt Fachbereichsleiter Sebastian Göbel.

»Wir erleben in den Kindertagesstätten einen sehr unterschiedlichen Umgang der Eltern mit der Minimalbetreuung.« Mörler betont: »Eine Last ruht auf den Erzieherinnen. Wir sehen die Leistung, die erbracht wird, und sagen dafür auch immer wieder ›Danke‹«.

Klarere Regeln seitens der Landesregierung wünschen sich auch Tagesmütter. In einem offenen Brief hat sich Melanie Webelsiep aus Alten-Buseck an die politischen Entscheidungsträger gewandt, um auf ihre und die Situation ihrer Berufskolleginnen aufmerksam zu machen. In dem Papier fordert sie neben schärferen Regelungen auch bessere Schutzmaßnahmen, mehr Geld und eine höhere Wertschätzung ihrer Arbeit.

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