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»…damit sich das nicht wiederholt« - Schüler aus der Wetterau über die NS-Vergangenheit

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Von: Sophie Röder

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Schülerinnen und Schüler der Augustinerschule Friedberg besuchen eine Ausstellung über Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime. © Sophie Mahr

Am 27. Januar vor 77 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Mit diesem Tag wird der Opfer gedacht und an die Gräueltaten der Nazis erinnert. Wie gehen Wetterauer Schüler heutzutage damit um?

Friedberg - Eine andächtige Stille herrscht im Friedberger Junity. Nur während die Schüler von einem Gedenkbanner zum nächsten gehen, durchbrechen die Schritte die Stille. Die Schüler des Leistungskurses Geschichte der Jahrgangsstufe Q1 der Augustinerschule besuchen die Ausstellung »Es lebe die Freiheit - Jugendliche gegen den Nationalsozialismus« anlässlich des heutigen internationalen Gedenktages für die Opfer des Holocaust. Laut Lehrplan dauere es noch eine Weile, bis die NS-Zeit dran sei, sagt Kurslehrerin Petra Seipel. Die Ausstellung ist ein Exkurs.

»Man weiß zwar, was geschehen ist, aber das noch mal zu lesen, ist wirklich krass«, sagt Schüler Christian. Auf den meisten Bannern stehen Biografien von Widerstandskämpferinnen und -kämpfern. »Ich finde es interessant, dass sich so viele junge Menschen dagegengestellt haben«, sagt Leroy. Es sei bemerkenswert, dass diese sie - viele jünger als die Besucher der Ausstellung, und viele dabei gestorben - so viel Mut gehabt hätten, sich gegen den Staat zu stellen, sind sich die Augustinerschüler einig.

»Es zeigt, dass es Leute gab, die sich dagegengestellt haben« - Friedberger Schüler über ihre Eindrücke des Holocaust-Gedenktages

»Die einzelnen Geschichten, die man sonst nicht mitbekommt, sind interessant«, sagt Amelie. Gezielte Aktionen anlässlich des Gedenktages habe sie bisher so nicht mitbekommen. Davon könne es ruhig mehr geben.

»Es ist eher die Frage, ob sich die Leute damit auseinandersetzen wollen«, sagt Christian. »Viele haben, glaube ich, kein Interesse.« Aus einer Studie des Arolsen Archives geht hervor, dass bei der sogenannten Generation Z, also bei den bis 25-Jährigen, das Interesse an der NS-Vergangenheit größer sei als bei der Eltern-Generation. »Ich finde es gut, dass so was ausgestellt wird«, sagt Naemi. »Es zeigt, dass es Leute gab, die sich dagegengestellt haben. Ich finde es beeindruckend. Das Erinnern ist wichtig, damit sich das nicht wiederholt.« Die Meinung teilt Leroy: »Die Verbrechen dürfen nicht vergessen werden. Dabei kann es so schnell gehen. Die Gefahr, dass so eine Partei zurückkommt, sollte man nicht herunterspielen.« Ebenfalls eine große Gefahr sehe er in Falschinformationen, die im Internet kursierten. Gezielte Aufklärung und Gedenkaktionen in und mit Social Media sieht Amelie als eine Möglichkeit, mehr Menschen zu erreichen.

Beim Erinnern solle es nicht darum gehen, die Schuld aus der Vergangenheit, sondern die Verantwortung gegenüber der Zukunft in den Fokus zu stellen, betonen die Schüler während der anschließenden Besprechung. Ebenso wichtig sei es, nicht nur die NS-Zeit, sondern auch die Zeit der Entnazifizierung in den Blick zu nehmen und aufzuarbeiten. Mitschülerin Helena ergänzt: »Es geht nicht darum, wie viel gemacht wird, sondern um das, wie es gemacht wird.« Nicht mit abstrakten Daten und Fakten, sondern auf emotionalem Weg könne man die Menschen erreichen. »Ich finde, es sollte auch dazu gehören, dass jeder Schüler ein KZ und solche Ausstellungen besucht. Aufklärung muss sein«, sagt Felix.

Schüler aus der Wetterau verbringen eine Woche im KZ Buchenwald

So ein Konzept gibt es in der Gesamtschule Konradsdorf in Ortenberg. Sowohl in der Mittel-, als auch in der Oberstufe gibt es eine Tagesfahrt nach Buchenwald. »Damit jeder Schüler einmal da war«, sagt Maximilian Simon, Lehrer und Projektleiter der Buchenwald AG. Zusätzlich gibt es ab der 10. Klasse die Möglichkeit, für eine Woche dort zu sein. Hannah Finke, Amelie Lack und Mira Felten, Schülerinnen der Q3, haben an dieser Fahrt teilgenommen.

»Es ist ein Riesenunterschied zwischen der Tagesfahrt und der ganzen Woche«, sagt Mira. In einer Woche habe man sich anders darauf einlassen können. »Man ist eine Woche von allem abgeschnitten«, ergänzt Hannah. »Es war so komisch, als wir zurück waren, und das Leben danach einfach weiter ging.« Amelie sagt: »Es ist was völlig anderes, diesen Ort so kennenzulernen. Es ist eine Schwere, die auf dem Ort lastet.«

Wetterauer Schüler organisieren Ausstellung in Gedenken an die Opfer des Holocaust

Währenddessen haben die drei und ihre zwölf Mitschüler an Projekten gearbeitet, um das Gesehene und Erlebte in einer Ausstellung anderen näherzubringen. »Wir drei haben an einem Zeitungsartikel gearbeitet, über das, was wir erlebt haben, und das, was wir an die Welt weitergeben wollen«, sagt Amelie. Mira ergänzt: »Zusätzlich wollten wir visuelle Eindrücke vermitteln und haben einen Film gedreht.« Amelie sagt: »Mir gefällt es, dass es nicht so theoretisch, sondern emotional ist. Da muss man sich tief mit beschäftigen. Wir konnten es erleben, mitnehmen und weitergeben.«

Seit der Fahrt falle ihnen auch mehr auf: »Sprachlich wird noch vieles aus der Zeit verwendet«, sagt Hannah. »Wie zum Beispiel die Aussage ›Jedem das Seine‹.« Dabei sei vielen womöglich gar nicht klar, welche Bedeutung dahinter stehe. »Ich finde es auch schlimm, die Ausgrenzung der Juden mit der Situation der Ungeimpften zu vergleichen«, sagt Amelie. »Mir geben der Gedenktag und die Buchenwald AG Hoffnung für unsere Gesellschaft, dass wir aus der Vergangenheit lernen und offener werden.«

Info: Vortrag zur Ausstellung »Es Lebe die Freiheit« im Freidberger Junity

Die Ausstellung »Es lebe die Freiheit« kann noch bis 30. Januar im Junity besucht werden. Heute Abend hält Dr. Thomas Altmeyer einen Vortrag über die Entstehung und Hintergründe der Ausstellung. Altmeyer ist wissenschaftlicher Leiter beim Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 und freier Referent in der Jugend- und Erwachsenenbildung mit den Schwerpunkten NS-Zeit, Widerstand, Demokratie und Zivilcourage.

Der Vortrag beginnt um 19.30 Uhr, Einlass ist ab 19 Uhr. Vor Ort stehen 30 Plätze zur Verfügung. Alternativ lässt sich der Vortrag online live verfolgen unter: Freiheit.antifabi.de

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Um an die Verbrechen und die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern, helfen (v. l.) Hannah Finke, Mira Felten und Amelie Lack heute beim Gedenktag in der Gesamtschule Konradsdorf. © Sophie Mahr

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