Persönliches Budget

Mit »dabeisein« dabei sein

  • Jürgen Wagner
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Heike Fleischer aus Friedberg leidet unter Schizophrenie. Dennoch will sie ein selbstbestimmtes Leben führen. Für Menschen mit Behinderung gibt es deshalb seit 2008 das Persönliche Budget.

Alle Welt spricht von Integration. Die Frage aber, was kranke, alte oder behinderte Menschen selbst tun können, um sich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft zu fühlen, gerät dabei oft aus dem Blickfeld. »Es läuft gut. Das Persönliche Budget hilft mir, Struktur in mein Leben zu kriegen«, sagt Heike Fleischer. Die 40-Jährige, die in der Werkstatt des Diakonischen Werks im Gewerbegebiet West beschäftigt ist, erhält pro Monat 1188 Euro vom Landeswohlfahrtsverband. Damit kauft sie sich all jene Sach- und Dienstleistungen ein, die ihr helfen, ein fast normales Leben zu führen.

Heike Fleischer leidet unter Schizophrenie, sie hört Stimmen. Seit ihrer Kindheit ist sie in psychiatrischer Behandlung, mittlerweile habe sie ihr Leben aber »sehr gut im Griff«, wie sie im Gespräch mit der WZ sagt. »Vor ein paar Jahren hätte ich Ihnen nicht in die Augen schauen können. Da wäre ich weggerannt, so schüchtern war ich.« Dann fügt sie grinsend hinzu: »Naja, man wird halt älter und zählt die grauen Haare.«

Hilfe zur Selbsthilfe Heike Fleischer litt unter ständigen Ängsten, hatte eine schwere Kindheit. »Da wurde viel geschlagen.« Heute tritt die junge Frau sehr selbstbewusst auf und hat keine Probleme, über ihre Erkrankung zu reden. Zumal sie Unterstützung erhält. Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen. »Frau Schneider ist meine Frau für alles«, sagt sie. »Man kriegt viel Wissen mit, die Gespräche mit meiner Betreuerin sind sehr wichtig.«

Brigitte Schneider ist Fachberaterin für Psychotraumatologie. Als eines von zehn Mitgliedern des 2008 gegründeten Vereins »dabeisein« begleitet sie Heike Fleischer fünf Stunden pro Woche bei Arzt- und Therapeutenbesuchen, beim Einkaufen oder einfach nur so zum Eis essen. »Bei solchen Betreuungsangeboten entstehen enge Bindungen«, sagt sie. Wichtig sei es, den Menschen das Gefühl zu geben, dass jemand ihre Sorgen teilt. »Freundschaften zu knüpfen, fällt mir schwer«, sagt Fleischer. Da tun Gespräche mit ihrer Betreuerin gut.

Ständige Bezugsperson oft entscheidend »Bei den Leistungen, welche sich die Personen von ihrem Persönlichen Budget einkaufen können, geht es hauptsächlich um die psychosoziale Betreuung«, sagt die Sozialarbeiterin und »dabeisein«-Sprecherin Gertrud Amrein. »Eine ständige Bezugsperson wirkt angstmildernd, die Menschen stabilisieren sich.« Oft müssten Hürden überwunden werden. »Die Leute trauen sich nicht, ihre Post zu öffnen. Die Briefe liegen dann wochenlang ungeöffnet herum. Es gibt Ängste vor Mahnungen und Geldforderungen. Bevor so etwas auf einen zukommt, legt man den Brief lieber in die große Schublade«, schildert Amrein ein typisches Verhalten von Patienten mit psycho-sozialen Problemen.

Solche Versäumnisse können schwerwiegende Folgen haben. »Das geht bis zur Androhung von Haft wegen Verzug.« Das Persönliche Budget erlaube es Betroffenen, genau solche Dinge gemeinsam mit der Hilfe von Betreuungspersonen zu regeln. Dabei sollen sie nicht die Verantwortung an andere abgeben, sondern selbst aktiv werden und eben dabei sein, wie es der Vereinsname sagt.

Angebot nur selten genutzt »Dank der regelmäßigen Kontakte mit den Betreuungspersonen legen viele Betroffene ihre Hemmschwellen ab und machen einen weiteren Schritt in Richtung Selbstständigkeit«, beschreibt Amrein den Prozess. So wie bei Heike Fleischer, die sich ein Leben ohne das Persönliche Budget nicht mehr vorstellen möchte. »So, wie es jetzt ist, ist es gut.« Was Amrein und ihre Mitstreiter aber nicht verstehen können, ist die Tatsache, dass nur wenige Behinderte das Persönliche Budget beantragen. Vielleicht liege dies auch daran, dass viele Sozialpädagogen noch nicht mit diesem Angebot vertraut seien. Deshalb organisiert der Verein »dabeisein« eine »Frischekur« für das Persönliche Budget. Man wolle »das modernste Hilfsmittel für psychisch Kranke und Suchtkranke« durch ein »World-Café« bekannter machen. Dabei gehe es auch darum, die Betroffenen »aus der Ecke der gnädigen Gewährung von Hilfen« herauszuholen und »die selbstverständlichen Leistungen besser zugänglich zu machen«.

Heike Fleischer rät allen Betroffenen, es ihr gleich zu tun. Demnächst will sie beim Amtsgericht den Antrag stellen, ihre gesetzliche Betreuung aufzuheben. »Irgendwann will ich alle Anträge selber stellen.«

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