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Corona wird zur Kunst

  • vonHarald Schuchardt
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Friedberg (har). »Mangel« heißt der Titel der neuen Ausstellung im Kunstverein Friedberg und es geht - ganz aktuell - um die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Petra Weifenbach zeigt seit dem Wochenende in den Räumen in der Haagstraße 16 ihre neu entstandenen Bilder. Die erste reguläre Ausstellung nach dem Corona-Shutdown wurde am Freitagabend mit einer Vernissage eröffnet - allerdings nicht vor Ort, sondern mit einem Live-Stream auf dem You-Tube-Kanal des Kunstvereins Friedberg.

Der klappte nicht auf Anhieb und musste noch einmal wiederholt werden. »Wir mussten natürlich an ihre Gesundheit denken«, sagte Kunstvereinsvorsitzender Joachim Albert zum Auftakt der Liveübertragung.

Mit dabei waren neben der aus Lütjenburg angereisten Künstlerin auch Kurator Klaus Ritt, der in seiner Zeit als Leiter des Kunstvereins Bad Nauheim bereits 2013 eine Ausstellung mit Werken der bis vor zwei Jahren in Köln lebenden Künstlerin kuratierte. Albert: »Es ist für mich immer wieder schön, mit Ritt zusammenzuarbeiten.«

Regeln gegen Hamsterkäufe

Ein Jahr lang planten Weifenbach und der Kunstverein die Ausstellung, die als ein Rückblick auf die vielfältige Arbeit der Künstlerin gedacht war. Doch Corona änderte alles. Eine Verlegung war aus terminlichen Gründen nicht möglich, und eine Ausstellung ohne Vernissage konnte sich Weifenbach gar nicht vorstellen.

»Da lernt man Leute kennen, und der Künstler bekommt viele Rückmeldungen,« sagte Weifenbach, die bis 1988 freie Kunst in Braunschweig studierte und bis 1993 während eines dreijährigen Stipendiums in Paris lebte. Mehrere Preise erhielt die Künstlerin für ihre Arbeiten, wozu Installationen und Objekte ebenso gehören wie filigrane Zeichnungen und Fotografien.

Letztere bestimmen die Ausstellung im Kunstverein, die den Namen »Mangel« trägt, ein erster Hinweis auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie. 28 Fotoarbeiten, von denen Weifenbach einige leicht plastisch bearbeitet hat, ergeben eine Installation, die aktueller nicht sein kann.

Die Künstlerin erstellte Aushänge, die sich mit Kunst beschäftigen. Inspiriert von den vielen, oft handgeschriebenen, Zetteln und Aushängen in den Geschäften, auf denen beispielsweise Regeln gegen den Hamsterkauf von plötzlicher Mangelware, wie Toilettenpapier, hingewiesen wurde.

»Nein, ich habe keine Zeichnungen mehr«, »Damit genug für alle bleibt: Ein Stück Bild plus Zeichnung pro Einkauf« oder »Bilder - maximal drei Stück pro Einkauf« verdeutlichen eine Utopie, die Weifenbach so zusammenfasst: »Wir Künstler werden nie erleben, dass Kunst einmal gehamstert oder Mangelware sein wird. Das ist für mich ein unvorstellbares Szenario.«

Klaus Ritt sagt dazu: »Sie greift zurück auf vertraute Elemente, denn diese Zettel kennt jeder.« Neben den Fotoarbeiten zeigt die Künstlerin die siebenteilige Edition »Mangelware de Luxe«. Erst bei genauem Betrachten der sieben kleinen Werke in hochwertigen Rahmen erkennt der Besucher, dass es sich bei dem mit Goldfaden besticktem Material um jeweils ein Blatt WC-Papier handelt. Kaum zu glauben: Petra Weifenbach hat diese Edition bereits im Jahre 2000 erschaffen.

Ritt dazu: »Petra Weifenbach wertet völlig wertlose Gegenstände, wie Toilettenpapier, mit ihrer Handstickerei auf und erreicht so eine große Wertsteigerung.«

Ergänzt wird die Ausstellung durch ein Video, in dem »der unglaubliche Umgang der Künstlerin mit Fotografie gezeigt wird« (Ritt). »Bei uns wird Corona zur Kunst« sagt der Kurator und widerspricht so der Schlagzeile der Kunstzeitung: »Ausgebremst - wie Corona die Kunst bremst.«

Die Ausstellung können die Besucher durchaus mit einem Augenzwinkern betrachten, ist Humor schon immer ein fester Bestandteil bei den vielfältigen Arbeiten Weifenbachs.

Die Ausstellung »Mangel« mit den Werken von Petra Weifenbach hat bis einschließlich 5. Juli täglich - außer montags - von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Vier Personen mit Mundschutz dürfen sich gleichzeitig in den Kunstvereinsräumen in der Haagstraße 16 aufhalten. Das Vernissage-Video kann weiterhin auf Youtube im Kanal des Kunstvereins angesehen werden. har

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