Ein Mann kippt sich mit einer Verschlusskappe Mundspülung in den Mund (Symbolbild)
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Ein ehemaliger Professor der THM hält Gurgeln für einen wichtigen Teil der AHA-Regeln. Denn es bekämpft das Virus, wo es sich aufhält. (Symbolbild)

Corona-Pandemie

Hygiene gegen Corona: Mundwasser soll gegen das Virus helfen

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Ginge es nach Prof. Dr. ing. Martin Cziudaj, müsste die AHA-Formel zum Schutz vor Corona erweitert werden. Er fragt sich, warum Experten das Gurgeln mit Mundwasser nicht propagieren.

Friedberg – Auch wenn die Inzidenzzahlen sinken: Corona ist und bleibt eine große Bedrohung. Wie damit umgehen? Einsichtige Menschen wissen: Größtmöglicher Schutz vor dem Virus ist wichtig. Politiker und Virologen zerbrechen sich die Köpfe und stellen Regeln auf. Aber reichen die aus? Oder wurde ein wichtiger Baustein der Corona-Prävention vergessen?

Prof. Dr. ing. Martin Cziudaj (69) wollte diesen Fragen auf den Grund gehen. Der emeritierte Hochschullehrer lehrte bis vor wenigen Jahren Qualitäts- und Produktionsmanagement an der TH Mittelhessen. Warum, fragte er sich, wird nicht das Methodenspektrum des Qualitätsmanagements auf das Thema angewendet? Cziudaj nennt die FMEA, die »Failure Mode and Effects Analysis« auf Deutsch: Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse oder kurz Auswirkungsanalyse. »Das wird in der Industrie angewandt, wenn eine Risikoanalyse vorgenommen wird.« Kurz gesagt wird dabei analysiert, wo in einem Prozess Fehler passieren können und wie man sie abstellt.

Gurgeln gegen Corona: Das Virus bekämpfen, wo es sich aufhält

Als sich Cziudaj mit einem Zahnarzt unterhielt, hatte er die Lösung (im wahrsten Sinne des Wortes!) vor Augen: Mundspülungen. Damit lässt sich das Virus dort, wo es sich am vornehmlich aufhält, im Mund- und Rachenraum, abtöten. »Die Mund-Rachenraum-Desinfektion bietet eine einfache und preiswerte Chance, die Viruslast und damit das Infektionsrisiko an der entscheidenden Stelle der Infektionsübertragung signifikant zu reduzieren«, sagt Cziudaj.

Bei Recherchen stellte Cziudaj schnell fest, dass er mit seiner Sichtweise auf die Virusbekämpfung nicht alleine ist. So bezeichnete der Berliner Hygieneforscher Prof. Klaus-Dieter Zastrow am 24. Februar in einem Interview mit dem TV-Sender Phoenix die regelmäßige Desinfektion der Mundhöhle als wirksame Maßnahme zur Eindämmung der Corona-Pandemie: »Wir desinfizieren uns die Hände, jeder weiß das, jeder akzeptiert das. Jetzt frage ich: Warum desinfizieren wir uns nicht die Mundhöhle, da wo das Virus sitzt?« Würde dies befolgt, könnten Kitas, Schulen, Einzelhandel, Gastronomie, Theater- und Konzertsäle oder Kinos wieder öffnen, sagte Zastrow. Die Wirkung des Mundwassers halte bis zu drei Tage lang an.

Corona: Emeritierter Hochschullehrer wundert sich über fehlende Bewerbung von Mundspülungen

Das ist nur ein Hinweis von vielen, auf die Cziudaj bei seinen Recherchen stieß. Immer wieder hieß es: Ein konsequenter Einsatz von Mundspülungen kann Corana-Infektionen vermeiden. Nur blieben alle diese Stimmen offenbar ungehört. Und dies, obwohl die übrigen Schutzmaßnahmen im Gegensatz zur Mundspülung viele Fehlerquellen aufwiesen. »Man kann eine falsche Maske verwenden oder die Maske falsch aufsetzen«, sagt Cziudaj. Impfungen seien das Non-plus-ultra. Kontaktbeschränkungen seien wichtig. Frische Luft ebenso. Beim Besuch des Reporters stehen Türen und Fenster von Cziudajs Wohnung weit offen. Corona-Tests sieht er kritisch, nachdem bei seiner Frau ein falsches Testergebnis herauskam, das später korrigiert wurde.

Abstand halten, Hygienevorschriften einhalten und im Alltag eine Maske tragen: Diese AHA-Regel wird von Experten durch ein »L« wie »Lüften« ergänzt. Ein »G« für Gurgeln müsste nach Cziudajs Meinung ebenso angehängt werden. Vor allem müsste offensiv Werbung für Mundspülungen gemacht werden. Aber die bleibt aus, zur großen Verwunderung des emeritierten Hochschullehrers.

Hygiene gegen Corona: Dem Hessischen Sozialministerium fehlen Ergebnisse klinischer Studien

Cziudaj hat alles versucht. Er hat bei Ministerien, Fernsehsendern und Zeitungsredaktionen angerufen, hat zig Mails geschrieben, hat sich an Politiker in Berlin und in der Wetterau gewandt und wurde oft schon im Vorzimmer abgespeist. »Ich will die Welt retten, und niemand hört mir zu«, sagt er mit ironischem Zungenschlag.

Aber die Sache ist ihm ernst. Ernster als manchen jener Politiker, die »vor Monaten noch großes Lob für Omas handgestrickte Gesichtsmaske spendeten«. Als Ingenieur gehe er streng logisch vor, sagt Cziudaj. Um die sündhaft teure Corona-App sei ein großes Tamtamm gemacht worden. Mundspülungen aber interessierten die Verantwortlichen offenbar nicht.

Antworten auf seine Anfragen an Ministerien oder Gesundheitsämter hat er nicht bekommen. Das Hessische Sozialministerium teilte auf Anfrage dieser Zeitung mit, Mundspülungen seien eine sinnvolle Ergänzung der Hygienemaßnahmen, allerdings lägen noch keine Daten aus klinischen Studien vor. Immerhin hat Ciudaj in Erfahrung gebracht, dass auch Gesundheitsminister Jens Spahn laut einem Interview regelmäßig gurgelt.

Ministerium: Wirkung von Mundspülungen hängt von individueller Anwendung ab

Eine konsequente Anwendung von Mundwasser könnte in der Corona-Pandemie laut Experten Menschenleben retten. Staatliche Stellen propagieren dies aber nicht. Warum ist dies so? Warum wird das Thema unter den Tisch fallen gelassen? Das Gesundheitsamt des Wetteraukreises hat auf eine Anfrage dieser Zeitung nicht geantwortet, im Gegensatz zur Corona-Pressestelle des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration. Von dort heißt es: »Medizinische Mundspülungen werden dann eingesetzt, wenn beim betroffenen Patienten bereits klinische Symptome vorliegen. Medizinprodukte müssen im Rahmen eines sogenannten Konformitätsbewertungsverfahrens die Sicherheit und Leistungsfähigkeit für die ihnen vom Hersteller zugeschriebene Zweckbestimmung nachweisen. Insofern können medizinische Mundspüllösungen, die entsprechende Zweckbestimmungen aufweisen, durchaus eine Reduktion der Virenlast bewirken.

Es ist jedoch anzunehmen, dass die Wirkung sehr stark von der individuellen Anwendung durch die jeweilige Person abhängt. Zudem sind möglicherweise bestimmten Personengruppe wie etwa Kinder, aufgrund der enthaltenden Inhaltsstoffe (Alkohol) oder des Nichtbeherrschens der notwendigen Spül- oder Gurgeltechniken vom Anwendungsbereich ausgenommen. Grundsätzlich können Mundspülungen eine sinnvolle Ergänzung der individuellen Hygienemaßnahmen darstellen. Bisherige In-vitro-Studien konnten zwar darlegen, dass die Viruslast im Mund- und Rachenraum durch die Anwendung von Mundspüllösungen gesenkt werden kann, jedoch liegen noch keine Daten aus klinischen Studien vor, die einen entsprechenden Effekt der Anwendung von Mundspülungen in vivo bestätigen könnten.« (Jürgen Wagner)

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