Weniger Tische, Plexiglas-Trennwände, Maskenpflicht: Hat alles nichts genützt, auch Ralf Stang und Ehefrau Simone müssen ihr Restaurant nach dem Willen der Politik wieder schließen.	FOTOS: NICI MERZ
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Weniger Tische, Plexiglas-Trennwände, Maskenpflicht: Hat alles nichts genützt, auch Ralf Stang und Ehefrau Simone müssen ihr Restaurant nach dem Willen der Politik wieder schließen. FOTOS: NICI MERZ

Kritik an Anordnung

Corona-Schließungen: Zwischen Frust und Hoffnung

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Zwischen Existenzangst und »Wir schaffen das« schwanken Reaktionen Wetterauer Gastronomen, Hoteliers und Kulturveranstalter auf den Lockdown. Alle halten den Beschluss für überzogen.

Ruth Bornträger steht exemplarisch für viele Gastronomen. »Alles geht kaputt. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob wir nächstes Jahr noch da sind«, sagt die Wirtin der Bad Nauheimer Gaststätte »Kuckuck«, deren Familie den Betrieb seit 20 Jahren führt. Gerade hatte sie sich wieder etwas Hoffnung gemacht, setzte auf die von der Stadt bereitgestellten Pavillons für die Außenbewirtschaftung im Winter. Die ohnehin nur noch 26 Sitzplätze im Gebäude waren zuletzt kaum gefragt. »Es ist nicht mehr viel gelaufen, die Verluste sind dramatisch.«

Kleine Betriebe, die aufgrund der Abstandsgebote wenige Tische stellen können, hat die Krise besonders hart getroffen. Monat für Monat horrende Umsatzeinbußen - und jetzt die erneute Schließung. Zu den Kleinen gehört auch das Pub »P 13« am Bad Nauheimer Marktplatz. »Der Beschluss ist eine Frechheit, gerade wenn man unsere Anstrengungen in Sachen Hygiene betrachtet«, sagt Wirt Tobias Mohr. Dank einer Ausweitung der Außenbewirtschaftung sei das Sommergeschäft recht gut gelaufen. »Im Herbst entfiel dann die Kerb, und jetzt das. Der Umsatzrückgang liegt bei 40 Prozent«, sagt Mohr. Er denkt auch an seine studentischen Aushilfen, die auf das Geld angewiesen seien.

Bei Ralf Stang, Chef von Stangs Restaurant am Golfplatz Ockstadt, ist die erneute Komplett-Schließung das negative i-Tüpfelchen einer mehrmonatigen Entwicklung. Auf 64 Prozent oder Hunderttausende von Euro beziffert er den Umsatzrückgang. »Ein Großteil des Geschäfts machen bei mir Veranstaltungen aus, die fast komplett entfallen sind«, sagt er. Ob Golfturniere oder Hochzeiten - es hagelte Absagen. Bezüglich der bevorstehenden Schließung lobt Stang, der 6 Festangestellte und 15 Aushilfen beschäftigt, den zugesagten 75-prozentigen Verlustausgleich. »Das gibt es in anderen Ländern nicht.« Er lässt den Kopf nicht hängen, hofft auf Einnahmen dank einer umfangreichen Abhol- und Lieferkarte, die ab Montag gilt.

Auch Hotels sind betroffen

Beim Friedberger Imbiss-Betreiber Robert Staffetius (»Treffpunkt Grillwerk«) können die Kunden weiter ihr Essen abholen, dürfen sich allerdings nicht an Tische setzen. »Wir leben ganz klar vom Abholen, aber auch dieses Geschäft hat nachgelassen.« Er rechnet nicht mit einer Finanzspritze aus Berlin. Als Berechnungsgrundlage dienen nämlich die Umsätze vom November 2019. Das »Grillwerk« wurde aber erst im März dieses Jahres eröffnet.

Oliver Wissel ist als Inhaber des Hotels »Stadt Friedberg« ebenfalls von der Regel-Verschärfung betroffen, muss allerdings nicht komplett schließen. »Es ist absurd, wenn ich den Geschäftsmann unterbringen darf, nicht aber die Oma, die ihre Familie besucht«, sagt der Bezirksvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands. Er verweist auf Statistiken, wonach diese Betrieben keine Infektionsherde seien. Fast alle hätten umfangreiche Hygienekonzepte erarbeitet und Sicherheit geboten. Wissel beziffert seine Corona-Umsatzeinbußen mit 75 Prozent und ist verärgert, weil zu wenig für Selbstständige getan werde. »Was ist mit dem Lohn der Unternehmer. Auch meine Familie muss leben. Das interessiert keine Sau«, betont er. Mit dem Verlustausgleich für November könnten Gastronomen und Hoteliers leben, nicht aber mit der Gesamtsituation.

Kulturveranstalter rechnen nicht mit Zuschuss

Zum zweiten Mal vom Lockdown betroffen sind auch Kulturveranstalter. »Das Alte Hallenbad wird nicht untergehen«, sagt Ulrich Lang vom Förderverein der Friedberger Kulturstätte. Er beklagt allerdings die mangelnde Unterstützung der Politik für Künstler und Veranstalter. »Die Existenz vieler Künstler ist extrem bedroht. Das ist eine Schande.« Im Alten Hallenbad müssen einige Veranstaltungen ausfallen. Das ausgefeilte Hygienekonzept und die Reduzierung der Sitzplätze auf 70 haben das nicht verhindert. Mit Zuschüssen aus dem Berliner Topf rechnet Lang nicht, auch wenn in der Vergangenheit Mittel bewilligt worden seien.

Leer ausgehen dürfte auch das Theater am Park in Bad Nauheim. Mitarbeiterin Doreen Faulstich verweist auf 14 Veranstaltungen, die für den kommenden Monat vorgesehen gewesen seien. Nur das Kabarett am Sonntag darf noch über die Bühne gehen. »Eine ganz traurige Entscheidung, von der wir regelrecht überrannt worden sind«, sagt sie. Wieder müssten Agenturen kontaktiert werden, um Termine zu verschieben oder ganz abzusagen. »Schon rufen die ersten Leute an und fragen, was aus ihren Karten wird«, sagt Faulstich. Doch für solche Auskünfte sei es noch zu früh.

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