Die Corona-Pandemie bedeutet für viele Menschen eine hohe psychische Belastung. Insbesondere Menschen mit psychischen Krankheiten und Suchtkranke haben es schwer.
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Die Corona-Pandemie bedeutet für viele Menschen eine hohe psychische Belastung. Insbesondere Menschen mit psychischen Krankheiten und Suchtkranke haben es schwer.

Nachfrage nach therapeutischen Hilfsangeboten gestiegen

Psychische Belastung durch Corona: 18- bis 29-Jährige am stärksten betroffen

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Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Psyche und wie kommt man gut durch die Krise? Das erläutert Dr. Michael Putzke, Chefarzt der Psychiatrie in Friedberg, im Interview.

Als im Januar 2020 der erste deutsche Corona-Fall festgestellt wurde, sahen nur wenige Menschen die Entwicklung voraus. Der Virus hat unser Leben verändert. Es fragt sich, welche Folgen dies für unsere Psyche hat, zumal die Qualität einer viralen Pandemie eine andere ist als verheerende, aber »begreifbare« Katastrophen wie Erdbeben, oder Überschwemmungen. Das Coronavirus ist aggressiv. Es erzwingt ein Berührungsverbot in einer Zeit, in der wir eher zusammenrücken, und es bringt den Tod mit sich. Dabei ist es nicht fassbar, »unheimlich«, und es trifft zunehmend jüngere Menschen. Gegen Corona helfen normale Kampf- oder Fluchtreaktionen nicht, erläutert Dr. Michael Putzke, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des GZW in Friedberg, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Herr Dr. Putzke, wie gehen wir üblicherweise mit Bedrohungen um?

Nach einem Ereignis brechen häufig Emotionen auf, die später in Verleugnung münden. Angst wird dadurch gebannt, dass das Unbegreifliche in Begriffe gefasst wird, etwa durch das Querdenker-Argument, Bill Gates stecke hinter der »bewusst gesteuerten Kampagne«. Oder: Alles sei nicht so schlimm, schließlich stürben an der Grippe oder durchs Rauchen deutlich mehr Menschen.

Was wissen wir aktuell über die psychische Befindlichkeit?

Erste Untersuchungen sowie Befunde früherer Krisen legen nahe, dass die Pandemie zu einer Zunahme psychischer Probleme führen wird. Allerdings sind Angst, Traurigkeit und ähnliche Emotionen sehr normale und nachvollziehbare Reaktionen. Das Maß der Beeinträchtigung ist wie bei allen psychischen Störungen abhängig von individuellen psychosozialen Voraussetzungen, wie dem subjektiven Leidensdruck oder der Dauer und Auswirkungen der psychischen Probleme auf die verschiedenen Lebensbereiche der Betroffenen. Entscheidend ist, das Gefühl der Selbstwirksamkeit (»Ich habe den Einfluss auf mein Handeln und meine Freiheitsgrade«) zu behalten.

Das heißt?

Wenn Selbstverständlichkeiten wegbrechen, erzeugt dies Ohnmacht gegenüber dem Virus, aber auch gegenüber Veränderungen. Existenzängste, das Erleben von Einsamkeit, Rollenkonflikte (etwa Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen), der Verlust der Tagesstruktur und angenehmer Aktivitäten können die Empfindsamkeit für psychische Störungen erhöhen und letztlich eine depressive Symptomatik verstärken.

Gibt es da Zahlen?

Die höchste Steigerung bei der allgemein wahrgenommenen psychischen Belastung war 2020 (mit einem Plus von 35 auf 59 Prozent) bei den 18- bis 29-Jährigen zu verzeichnen. In der großen Gruppe der 30-bis 65-Jährigen erwiesen sich die wirtschaftliche Situation und der Grad der Einsamkeit als Risikofaktoren, es gab aber auch diejenigen, die Flexibilisierung und Digitalisierung ihrer Arbeit als Entschleunigung des Alltags wahrnahmen und davon profitierten.

Wie wirkt sich das auf die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten aus?

Auch dies ist differenziert zu betrachten. In der Friedberger Psychiatrischen Klinik gab es keinen signifikanten Anstieg von ambulanten und stationären Patienten wegen Corona. Menschen, die psychiatrische Kliniken aufsuchen, leiden ohnehin häufig an Ängsten, Depressionen, Vereinsamung, sozialer Isolation, Arbeitslosigkeit. Bei den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen hat die Nachfrage nach therapeutischen Hilfsangeboten deutlich zugenommen. Vereinzelt bauen Patienten mit einem psychotischen Erleben die von den Querdenkern geäußerten Parolen in ihr Wahnsystem ein. Erste Studien zeigen aber auch: Die Zahl von stationär behandlungsbedürftigen, depressiven und psychotisch erkrankten Menschen steigt. Auch laufen suchtkranke Menschen jetzt verstärkt Gefahr, rückfällig zu werden.

Wie kommen wir trotz allem gut durch die Coronakrise?

Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und Ärzte der Charité in Berlin haben Handreichungen für die eigene psychische Gesundheit entwickelt. Im Grund geht es darum, die Widerstandskraft und den Glauben daran zu stärken, eine Lösung zu finden, ohne dabei naiv nur positiv zu denken. Das Wichtigste ist, sich eine Tagesstruktur zu schaffen und dabei Dinge einzuplanen, die Spaß machen, jeden Tag wenigstens einmal ein Gespräch mit jemandem zu führen, sich zu bewegen.

Das klingt einleuchtend.

Erlauben Sie sich aber auch, schlechte Gefühle zu haben! Wenn Sie mit jemandem zusammenleben, versuchen Sie, sich Freiräume zu schaffen. Versuchen Sie, den Tag mit positiven Gedanken zu beenden.

Dr. Michael Putzke ist Chefarzt der Psychiatrie in Friedberg.

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