Tippen auf der "Maus" von anno dazumal: Cornel Gonschior beim Morsen.
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Tippen auf der "Maus" von anno dazumal: Cornel Gonschior beim Morsen.

Cornell Gonschior ist Champ im Telegraphieren

Friedberg (am). Dieses Hobby erinnert ein wenig daran, als würde einer im Automobilzeitalter noch mit der Pferdekutsche über die Landstraße zuckeln. Oder als würde man das graue Telefon mit Wahlscheibe dem Handy vorziehen.

Während Algorithmen den Alltag beherrschen, während es beinahe einer Existenzfrage gleichkommt, mit wie vielen Bits die Menschen einer Region im Internet unterwegs sein können, versteht sich Cornell Gonschior wie kaum ein Zweiter auf die alte Technik des Morsens. Zumindest wie kein Zweiter in Deutschland, ist er doch amtierender Deutscher Telegraphie-Pokalsieger.

Aber ist das nicht reichlich antiquiert, wenn man Signalfahnen und Positionsleuchten zur Kommunikation benutzt? Gonschior hat schnell eine Antwort parat: "Einem, der gerne segelt, könnte man ja auch vorhalten: Warum denn das – es gibt doch viel schnellere Motorboote." Also gewissermaßen "L’art pour l’Art" für technikversierte Menschen. Denn wie bei anderen Hobbys ist das mit dem Zweck auch beim Telegraphieren so eine Sache, gerade heute, wo regelmäßige neue Formen der Kommunikation zur beinahe zwanghaften Benutzung drängen. Was bedeutet: Nur eine Frage der Zeit, bis ein Format wie WhatsApp das Zeitliche segnet. Dann werden Cornell Gonschior und die rund 62 000 organisierten Funker in Deutschland in ihrer Freizeit immer noch in althergebrachter Weise kommunizieren. Wobei sich der größte Teil von ihnen auf den Sprechfunk konzentriert, der andere Teil auf das Morsen.

Gonschior hat sich zunächst durchs das Morsen "durchgekämpft", als er vor vielen Jahren bei den Funkern einstieg. Geboren in Karl-Marx-Stadt, kam er im Alter von vier Jahren nach Nidda, besuchte dort das Gymnasium, schloss sich in der Schule der Funk-AG an. "Antennen und elektrische Morsetasten basteln – das hatte was, und das Funken sowieso." Gonschior fing derart Feuer, dass er schon mit 15 Jahren seine Lizenz erwarb und seitdem in der Funkerwelt bekannt ist als DF6FR – ein Rufzeichen, das ihn sein Leben lang kennzeichnen wird.

Er studierte an der Fachhochschule Friedberg Informations- und Kommunikationstechnologie, promovierte über die Zukunft von Laser und Glasfaserkabeln (um es profan auszudrücken), zog 2011 nach Friedberg, blieb dem Ortsverband Wetterau des DARC (Deutscher Amateur-Radio-Club) treu und arbeitet seit 2013 für Leica Microsystems in Wetzlar an der Entwicklung von Mikroskopen. Diese kurze Abhandlung negiert allein schon die Vermutung, hier handele es sich um einen rückwärtsgewandten Mann.

Vor allem handelt es sich um einen technisch interessierten Menschen. "Wie die meisten Funker", sagt Gonschior. "Die Freude am Basteln an den Geräten und am Funken an sich halten sich die Waage." Der Vorteil des Morsens gegenüber dem Funken: Da die Übertragung der Sprache einer größeren Frequenz bedarf als das nervöse Piepen im Stakkato, benötigt man für das Morsen eine geringere Leistung, um seine Signale möglichst weit zu senden. Im Prinzip komme er mit seinem Silbenspektakel bis ans Ende der Welt. "Das hängt von der Leistung des Geräts und vom Wetter ab." Auch die Sonnenflecken, die alle elf Jahre ab- und dann wieder zunähmen, spielten eine Rolle. "Im Moment sind sie abnehmend. Das ist nicht unbedingt gut fürs Funken, da weniger Frequenzen reflektiert werden."

Cornell Gonschior dreht am Empfänger, sucht auf der Frequenz, die den Amateurfunkern zugewiesen ist. Schon nach wenigen Augenblicken ist hektisches Piepen zu vernehmen, bekannt aus Spionagefilmen oder von solchen mit Schiffsunglücken. "CQ – das bedeutet, einer sucht Kontakt.

" Noch einmal konzentriert er sein geschultes Gehör: "Wahrscheinlich kommt er aus Dillenburg." Worum drehen sich die Gespräche der Morser? "Zunächst einmal freut man sich, wenn man irgendwen in den USA oder Russland erwischt. Neben dem Wetter dreht sich vieles um die Technik, die man benutzt." Was ein Grund dafür sein mag, dass gerade mal fünf bis zehn Prozent Frauen sich diesem technik-lastigen Hobby verschreiben. Aber das Zwischenmenschliche kommt nicht zu kurz: "Entdeckt man im Urlaub eine große Antenne und spricht denjenigen an, ist man willkommen, bekommt womöglich eine Übernachtung angeboten, wie mir das auf Zypern passiert ist. Man hat sofort ein Thema."

Mit seiner Ausrüstung ist Gonschior stets mobil. Wenn er mit seinem kleinen schwarzen Aktenkoffer aufbricht, der einen Solarpanel und einen Akku beinhaltet, eine Antenne unter dem Arm, dann mag das ein wenig an einen Agenten des 20. Jahrhunderts erinnern – er aber zieht nur zu dem Zweck los, irgendwo im "field", so die Fachsprache, mit dem Funken loszulegen.

"Bis zum letzten Semester habe ich von meinen Kenntnissen profitiert, die ich beim Funken gelernt habe. Das war im Prinzip ein kleines Ingenieurstudium." Überdies schule das Morsen die Geduld, helfe mentale Konzepte zu entwickeln, beanspruche verschiedene Fähigkeiten wie das gleichzeitige Hören und Verarbeiten im Kopf, der die Fingerspitze veranlasst, auf einer Art "Maus" zu antworten: kurz – lang – kurz. "Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag: Morsen entschleunigt in gewisser Weise."

Vielleicht hält es deshalb auch zu einem "höflichen Umgang" an, wie Gonschior sagt – während im Internet der flegelhafte bis beleidigende Umgangston rapide zunimmt. Eine internationale Gemeinschaft, die Funker. Gonschior war Schiedsrichter bei den Weltmeisterschaften und konnte nun den Deutschen Pokal im Dreikampf (Hören, Senden und simuliertes Gespräch) erringen. Was beispielsweise bedeutet: 130 Zeichen pro Minuten "geben".

Ein besonderer Reiz sei die einfache Technik, die jeder, der an ihr bastelt, verstehen könne – ganz im Gegensatz zu den Tiefen des Internets. "Dabei", sagt Gonschior schelmisch, "trägt heutzutage doch beinahe jeder Mensch ein 5-Watt-Funkgerät in seiner Hosentasche – in Form eines Handys." Und wenn sich das einmal aufhängt, ist für den Benutzer alles verloren, während der Morser fröhlich weitertippt: lang – kurz – lang.

Infos übers Funken unter www.darc.de. Die Mitglieder des Ortsverbands treffen sich jeden ersten Freitag im Monat um 20 Uhr in der Gaststätte des Bürgerhauses Schwalheim.

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