Mit dem Bottleneck unterwegs: Carl Bludts in Ockstadt.
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Mit dem Bottleneck unterwegs: Carl Bludts in Ockstadt.

Cooler Blues: Youtube-Star Carl Bludts in Ockstadt

Friedberg-Ockstadt . YouTube-Stars, das sind 14-jährige Mädchen, die Schminktipps geben, oder halbwüchsige Spaßmacher, deren Witze selten das Pupskissen-Niveau übersteigen. Trotzdem bekommen sie Tausende Klicks im Netz. Ein Youtube-Star der ganz anderen Art ist Carl Bludts.

Sein Sohn habe ihn 2007 auf die Idee gebracht, eigene Aufnahmen von seinen Blues-Sessions ins Netz zu stellen, erzählte der 60-jährige Belgier am Samstagabend bei der fünften Auflage der Cool Blues Night. Seither hat der ehemalige Besitzer eines Geschäfts für Bootszubehör unzählige Lehrvideos veröffentlicht und weltweit eine treue Fangemeinde um sich geschart. Konzerte spielt er nicht. »Ich bin am liebsten zu Hause«, sagte Bludts. Wohl auch deshalb folgte er der Einladung des Gitarrenlehrers Andi Saitenhieb und kam zum Wohnzimmerkonzert nach Ockstadt. Mit gefütterten Wildlederhausschuhen an den Füßen und filigranem Gitarrenspiel zog er die knapp 40 Zuhörer in seinen Bann.

Spielt Carl Bludts den Blues, dann nennt er sich Daddy Stovepipe, nach einem Bluesgitarristen aus dem Mississippi-Delta, dem wohl am frühesten geborenen Musiker, von dem es Schallplattenaufnahmen gibt. Das passt zur YouTube-Geschichte, und es passt, weil Carl Bludts alias Daddy Stovepipe sowohl auf der Gitarre wie auch gesanglich ein Vertreter des Oldstyle-Blues ist. Bereits der erste Song des Abends, »The Sky is crying« von Sonny Boy Williamson, demonstriert das.

Die Stimme sanft und zärtlich im Stile eines Crooners, der mit dem Schmerz eines verlassenen Liebhabers von den Tränen singt, welche die Straßen überfluten, weil sein »Baby« fort ist und nur noch die Erinnerung bleibt. »You know it hurt me, hurt me so bad.« Und dazu dieses federleichte, in überraschenden Momenten kraftvolle Gitarrenspiel mit Hammering-Offs, Bendings, Trillern, wahnwitzig schnellen Sololäufen und einer Dynamik, die ihresgleichen sucht. Wow, was für ein Bluesgitarrist!

Doch, doch, erzählt Bludts vor dem Konzert, er habe auch schon mal in einer Band gespielt. »Drei Wochen lang.« Das hat gereicht. Für Leute spielen, die nur deshalb kommen, weil sie ein paar Bier trinken und sich mit Freunden unterhalten wollen? Während er da oben auf der Bühne steht und der Gitarre Töne entlockt, die zu schade sind, als dass man sie nur so nebenbei hört. Das ist nicht die Welt von Carl Bludts. Bluesmusiker seien Geschichtenerzähler, sagt er. Und ist es nicht unhöflich, diesen Geschichten nur halbwegs und nebenbei zu lauschen?

Carl Bludts ist keine Rampensau, das ist an diesem Abend schnell klar. Als der erste Applaus im Wohnzimmer aufbrandet, guckt er etwas ratlos in die Menge. Gilt das mir? Bludts antwortet mit Charme, Witz und sanftem Lächeln. Schön ist, dass er auch einen Song von Eric Clapton spielt, »Nobody knows you, when you’re down and out«. Eigentlich ein Klassiker, den schon viele Blueslegenden aufgenommen haben, aber er spielt im Stile von Mr. Slowhand, der bei Hard- core-Bluesfans keinen guten Stand hat. Weil Clapton auch Edelschnulzen wie das unsäglich kitschige »Wonderful tonight« verbrochen hat? Oder weil er auf der akustischen Gitarren einfach zu gut für all seine Nachahmer ist? Bludts schwebendes, federleichtes Spiel verwandelt auch diesen Song über die wankelmutige Natur des Glücks in ein kleines Geschenk, das man festhalten und nicht mehr loslassen möchte.

Oder ein anderer Klassiker, »Baby please don’t go«, ein Delta-Blues von Big Joe Williams aus dem Jahr 1935: Wie Bludts hier seine perkussive Schlagtechnik mit kleinen, virtuosen Soli verbindet, das ist erstaunlich und so mitreißend wie besagte Wildlederhausschuhe, die mit sanftem Tritt den Rhythmus vorgeben.

Eine Reise ins Mississippi-Delta

Blind Willie McTell, Blind Blake, Tampa Red, die Mississippi Sheiks, Mississippi John Hurt oder Minni Smith (mit dem zauberhaften »Bumble Bee Blues«) – Bludts Wohnzimmerkonzert entführt die Zuhörer in eine Zeit, als die Ampere-Stärke eines Gitarrenverstärkers noch nicht über Erfolg oder Misserfolg beim Publikum entschied. »Don’t go away, the second part will be better«, verspricht er dem Publikum mit schelmischem Grinsen vor der Pause. Am Ende spielt er eine Zugabe nach der anderen, zum Finale zusammen mit Andi Saitenhieb, der sich diese Gelegenheit nicht nehmen ließ. Am Sonntagmorgen folgten ein Bottleneck-Workshop und ein weiteres Wohnzimmerkonzert.

»Don’t go away«, das könnte auch für Andi Saitenhieb gelten. Aber die Entscheidung ist gefallen, er verlässt Ockstadt, zieht mit der Familie bereits Ende März nach Österreich. Die Cool Blues Night, die er dank guter Kontakte und einem Näschen für außergewöhnliche Künstler zu einer echten Marke gemacht hat, will er zunächst weiterführen. Am 28. März ist Eleanor Alice aus Maryland/USA zu Gast, eine der tragenden Säulen der Mid-Atlantic-Piedmont-Blues-Szene. Dann allerdings nicht mehr in Saitenhiebs Wohnzimmer, sondern in der Straußwirtschaft »Zum Gerippte«. Bluesfans sollten sich sputen, wenn sie noch eine Karte ergattern wollen. Jürgen Wagner

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