Aus der "New York Blues Hall Of Fame" direkt nach Ockstadt: Toby Walker spielt Delta Blues und erzählt Geschichten von kauzigen Typen. Auch Veranstalter Andi Saitenhieb zieht es auf die Bühne.
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Aus der "New York Blues Hall Of Fame" direkt nach Ockstadt: Toby Walker spielt Delta Blues und erzählt Geschichten von kauzigen Typen. Auch Veranstalter Andi Saitenhieb zieht es auf die Bühne.

2. "Cool Blues Night" in Ockstadt: Toby Walker fasziniert

Friedberg-Ockstadt . Eine seiner Fahrten in den Süden der USA führte den New Yorker Blues-Gitarristen Toby Walker in das 500-Seelen-Nest Bentonia im Yazoo County in Mississippi. Man muss sich das mal in Google Maps anschauen.

Nordwestlich der ehemaligen Hauptstadt Jackson kommt erst mal lange Zeit nichts, dann kommen Wälder, dann kommt wieder nichts und dann irgendwann Bentonia. Ein verschlafenes Nest und eine kleine Hauptstadt des Blues. Denn hier lebte der Blues Master Jack Owens, der eine eigene Country-Blues-Schule begründete und den Bentonia Style erfand. Von ihm wollte Walker ein paar Tricks lernen, doch das gestaltete sich vor Ort schwierig. Erst nuschelte der schon betagte Owens ein kaum verständliches Kauderwelsch in den Telefonhörer, als Walker ihn nach dem Weg zu seinem Haus in den Bergen fragte, und als Walker dann nach einer Mississippi-Delta-Odyssee, die einem Film der Coen-Brothers entstammen könnte, vor dem alten Mann stand, meinte der, er könne ihm nichts mehr auf der Gitarre zeigen, wegen der "cramps in his fingers", den Krämpfen.

Dass das Publikum an dieser Stelle der Erzählung lauthals lachte, zum wiederholten Male an diesem wunderbaren, einzigartigen, coolen Blues-Abend, der fast ein Comedy-Blues-Abend war, lag daran, dass Walker mit verschmitztem Lächeln seine linke Hand krallenartig in die Luft streckte und verriet, Jack Owens habe ihm gesagt, mit 100 Dollar und einer Flasche Whiskey könne man die Krämpfe behandeln. Und siehe da: Ein Schluck aus der Pulle und die Finger flitzten wieder über den Gitarrenhals wie eh und je.

Toby Walker ist im Akustik-Blues der Mann der Stunde. Im Februar zierte er das Cover des "Blues Blast Magazins", vor wenigen Tagen wurde er in die "New York Blues Hall Of Fame" aufgenommen, bereits 2002 gewann er die angesehene "International Blues Challenge" in der Rubrik Solokünstler. Gerade war er in England auf Tournee.

Als der Ockstädter Gitarrenlehrer Andi Saitenhieb, Veranstalter der "Cool Blues Night", am Samstagabend im bis auf den letzten Platz besetzten Jugendheim verriet, sein einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr spiele Walker eben hier, in Ockstadt, diesem Bentonia der Wetterau, da war er nicht nur ein wenig, sondern mindestens genau so stolz wie Walker, als der vom auf wundersame Weise genesenen Jack Owens die Blues-Patterns des Südens lernen durfte.

Die "Cool Blues Night" hat sich schon bei der zweiten Auflage etabliert. Zum Konzert mit dem Ausnahmegitarristen Steve James Ende September letzten Jahres war der Saal nicht ganz voll, diesmal mussten noch Stühle gestellt werden. Rund 120 Blues-Fans waren da und erlebten einen Abend, der ihnen wohl lange im Gedächtnis bleiben dürfte. Auch Toby Walker ist ein Ausnahmegitarrist, ein erstklassiger Fingerpicker, und er ist dazu ein Showman, ein Entertainer und Geschichtenerzähler, der sein Publikum von der ersten Sekunde an mitreißt.

Schon bei den ersten Takten, einem wuchtig stampfenden Walking Blues, stampfen auch die Füße der Zuhörer im Takt, die Räder und Kuppelstangen der Dampflok setzen sich in Bewegung, die Reise ins Blues-Delta beginnt, ein Akkord und ein Picking-Muster genügen, dazu ein satter warmer Sound, und dann bricht alles plötzlich ab und Toby Walker meint, das sei doch nur der Soundcheck gewesen.

Was Walker anschließend zeigte (und immer wieder mit aberwitzigen Geschichten kommentierte und umrahmte), war höchste Gitarrenkunst. Ein präzise gespielter Swing-Beat, der an Chet Atkins und Django Reinhardt denken ließ, ein funkiger Blues zum Mitsingen ("Hey, hey" und "Wuhu" schallt es durch den Raum), ein witziger Ragtime, mit dem er die Internet-Prediger verulkt, Kunststücke mit dem Bottleneck, filigrane Flageoletts, sumpfige Bassläufe, satte Blues-Rhythmen und, wie gesagt, viel Witz und Charme prägten diese Show.

Betörend schön war Walkers Instrumentalversion des Beatles-Songs "Norwegian Wood" (klar, auch dazu gab’s ’ne witzige Anekdote), und beim Klassiker "Sittin on top of the world" musste man schon zweimal hinschauen, um zu glauben, dass da wirklich nur ein Gitarrist auf der Bühne steht.

Am Ende waren es dann tatsächlich zwei Gitarristen, denn Andi Saitenhieb ("Das ist, wie wenn Christiano Ronaldo mit mir Fußball spielen will") durfte Toby Walker beim "Bootleger’s Blues" der Mississippi Sheiks begleiten, steuerte ein grooviges Solo bei, bevor Walker dann noch drei Zugaben spielte. Saitenhieb selbst hatte den Abend mit vier Stücken eröffnen, darunter eine sehr gekonnte eingedeutschte Version des Big Bill Broonzy-Songs "Hey hey". Hey, hey, ein richtig cooler Blues-Abend. Jürgen Wagner

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