Joachim Peters hat erzählt. Von der Flucht vor der Roten Armee aus Schlesien, von den Ängsten, vom Neuanfang. Seine Enkelin Carla Peters hat die Erzählung in Zeichnungen umgesetzt. FOTOS: DOE
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Joachim Peters hat erzählt. Von der Flucht vor der Roten Armee aus Schlesien, von den Ängsten, vom Neuanfang. Seine Enkelin Carla Peters hat die Erzählung in Zeichnungen umgesetzt. FOTOS: DOE

Drama in Bildern

Carla Peters zeichnet Opas Flucht aus Schlesien

  • vonHedwig Rohde
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In ihrer Studiums-Bewerbungsmappe verarbeitet Carla Peters Fluchterinnerungen ihres Großvaters. Dabei ist ein bemerkenswertes Faltbuch entstanden.

Begeistert für Farbe, Form und Ästhetik war die Friedbergerin Carla Peters schon immer. Die Tochter eines Architekten und einer Grundschullehrerin, stand vor der Aufgabe, sich für das angestrebte Kommunikationsdesignstudium (ab Oktober an der FH Aachen) mit einer Bewerbungsmappe an mehreren Kunsthochschulen vorzustellen. Dafür tauchte sie mit ihrem Großvater Joachim Peters (84), der in Rockenberg lebt, sukzessive in dessen Kindheitsgeschichte ein und verarbeitete seine Fluchterfahrungen in einem Leporello.

Während des Zweiten Weltkriegs lebte Joachim Peters, Jahrgang 1935, mit seiner Mutter Bronislawa (der Vater war an der Front) und vier Geschwistern vergleichsweise behütet im schlesischen Oppeln. Als Anfang Januar 1945 die Sowjetarmee näherrückte, wurden die deutschstämmigen Bewohner aufgefordert, den Ort sicherheitshalber zu verlassen, für wenige Tage, so hieß es. Aus den wenigen Tagen wurde ein ganzes Leben.

Der Opa erzählt mehr als Anekdoten

Schöne Ausflüge, nette Gespräche bei Kaffee und Kuchen - vor allem solche Begebenheiten verbanden Carla und ihre drei älteren Geschwister mit dem Großvater. "Seine Geschichte und Vergangenheit blieben für uns immer etwas verschwommen", erinnert sich die temperamentvolle 18-Jährige. Sie selbst interessiert sich nicht nur für die gesellschaftliche Relevanz von Kunst und Design, sondern auch für Menschen, deren unterschiedliche Herangehensweisen an das Leben und vielfältige Charaktereigenschaften. Für ihre Bewerbungsmappe beide Aspekte zu vereinen empfand sie als besondere Herausforderung.

Nachdem das "Projekt Opa" sich als Thema ihrer Mappe herauskristallisiert hatte, ging sie es systematisch an: "Indem ich mir wöchentlich Zeit nahm, ihn besser kennenzulernen und ein wenig auf Spurensuche zu gehen, war es interessant zu beobachten, wie er langsam auftaute und zu erzählen begann", berichtet sie und strahlt ihn an. Und ihr Opa strahlt zurück: "Darüber kann man doch reden", wiederholt er mehrfach lebhaft.

In den regelmäßigen Gesprächen mit seiner Enkelin erzählte er nun nicht mehr nur die paar Anekdoten, die sich über die Jahre zum festen Bestandteil fröhlicher Familientreffen entwickelt hatten, sondern die Geschehnisse "am Stück". Mit dem Zeichenstift übertrug Carla das Gehörte in comicähnliche Bilderstrecken: die Verzweiflung von Urgroßmutter Bronislawa nach der Aufbruchsanordnung durch die Wehrmacht, ihren mühsamen Fußweg durch einen Meter hohen Schnee mit fünf Kindern im Schlepptau, das vermeintlich "sichere Leben auf dem Land" während des neunmonatigen Aufenthalts bei einer Bauernfamilie in Höhermoos, den abermals erzwungenen Aufbruch weiter Richtung Westen im Oktober, schließlich das Ende der Flucht und die Ankunft in der neuen Heimat.

"Manches, was ich zu sehen bekam unterwegs, konnte ich als Zehnjähriger damals gar nicht einordnen", sagt Joachim Peters nachdenklich. So wie die Eisenbahnwaggons mit abgezehrten Menschen, die er einmal bei dem Blick aus einem Fenster sah. Nur kurz allerdings, denn seine Mutter zog ihn schnell zurück in den Raum mit der Bemerkung: "Das ist nichts für dich." Die wahre Bedeutung dieser Erinnerung wurde ihm erst als Erwachsenem bewusst. Carla Peters hat diesen Erkenntnis-Level respektiert und in ihrem Storyboard "Bronislawa, 5 Kinder und der Weg in eine neue Heimat" auf eine Darstellung der von den Nazis begangenen Gräueltaten verzichtet.

Generation der letzten Zeitzeugen

Das in Buntstift gezeichnete Leporello teilt sich in zwei Teile mit jeweils sechs Seiten, jede Seite stellt eine Etappe der Flucht dar. Die Rastlosigkeit dieser Flucht und die Schwierigkeiten eines Flüchtlings beim Versuch, sich in einer unbekannten Umgebung zurechtzufinden, sind ihrem Großvater besonders gut in Erinnerung geblieben.

Im Lauf von Monaten, mit Kreativität und Empathie, sind über das Storyboard hinaus in ganz unterschiedlichen Gestaltungstechniken viele weitere Zeichnungen und Bilder sowie digitale Arbeiten entstanden. Vor allem aber hat sich Carla Peters’ Verhältnis zur jüngeren Geschichte verändert. "Die Lebenserfahrungen der Großeltern bleiben den meisten Enkeln meiner Generation unerschlossen. Im Zuge der Arbeit mit Opa bemerkte ich, wie ich Freunde und Familie motivieren konnte, ältere Familienmitglieder mehr als eine Bereicherung und weniger als Verpflichtung zu sehen. Die Generation der letzten Zeitzeugen macht uns bewusst, dass Grausamkeiten und scheinbar alte Geschichte aus verstaubten Schulbüchern noch nicht lange zurückliegen und fehlendes Bewusstsein geschaffen werden muss", sagt Carla Peters. "Hier kann Kunst und Design die Übermittler- und Lehrfunktion übernehmen."

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