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Burggarten: Schwärmereien und hohes Schriftsteller-Lob

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Friedberg (hw) Zu einem literarischen Gartenspaziergang hatte das »Literaturprojekt der Evangelischen Kirchengemeinde« eingeladen, und viele hatten sich vor dem südlichen Burgtor versammelt, wo Margarete Wolf mit einem Text des einstigen Burgbewohners Ernst Robert Niederhoff auf das Unternehmen einstimmte.

Nach einem Rundgang durch die Burg empfiehlt Niederhoff, sich im Burggarten zu erholen. Im südlichen Zwinger verwies Margarete Wolf auf die Stiftung dieser aufwändigen Treppenanlage zwischen Rosenterrassen und Hirschgraben durch den Friedberger Kunsterzieher Ludwig Roth. An seinem 75. Geburtstag hatte er 1937 der Stadt die finanziellen Mittel für diese Erschließung geschenkt und in einem Gedicht »Dornröschen« die Erweckung dieses lauschigen Teils der Burg gepriesen.

Auf dem südlichen Rondell des Burggartens kam der älteste der Autoren zu Wort, die sich dem Burggarten gewidmet haben, der Däne Jens Baggesen. In seiner »Reise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich« lässt er 1795 in einer romantischen Prosa die vergangene Ritterzeit wieder aufleben und schwärmt in einer Szene mit der Burggräfin von dem Burggarten. »Was für ein Garten« heißt es da, und die Friedberger Burg sei das Schönste, was er bis dahin auf seiner Reise gesehen habe.

Um authentische Erlebnisse eines kleinen Jungen im Burggarten geht es in den Kindheitserinnerungen von Kasimir Edschmid, der als Fünfjähriger 1895 einen Sommer bei seinen Großeltern in der Burg verbracht hat und von seiner frühen Prägung durch diese Parklandschaft berichtet. Alle späteren Gartenbegegnungen in Versailles oder Florenz hätten ihn stets an den Friedberger Burggarten erinnert und im Vergleich meist schlechter abgeschnitten. Neben den Vogelstimmen und dem modrigen Geruch im Graben erinnert er sich auch an die Spaziergänger, denen er begegnete, seinen Großvater und den Adjutanten des Großherzogs.

Weniger aristokratisch ist die Gesellschaft, die Manfred Hausmann in seinem Roman »Salut gen Himmel« im Burggarten beschreibt. Der Erzähler sitzt mit einem Landstreicher, den er gerade im Judenbad vor dem Selbstmord bewahrt hat, auf der Mauer des Burggartens. Sie lassen die Beine baumeln und philosophieren über ihr Leben. Es ist die dritte Szene in diesem Roman von 1931, die in Friedberg spielt, nach der Bahnhofsgaststätte und dem Judenbad.

Fritz Usinger, der in der Burg beheimatete Büchnerpreisträger, schreibt in seinem Gedicht »Alter Garten« aus dem Buch Canopus von den beiden Rokokovasen, die heute noch auf der Mauer stehen, und von den beflügelten Putten.

Auf dem nördlichen Rondell mit Blick auf Bad Nauheim kam noch einmal Niederhoff zu Wort mit einer sprachlich ansprechenden Beschreibung des Parks der Nachbarstadt. Ihn fasziniert die Harmonie zwischen Kunst und Natur in diesem Park, und davon kann auch im neu gestalteten Burggarten die Rede sein. Die Sprachkraft Niederhoffs wurde sichtbar an der Erfassung der unterschiedlichsten Grüntöne und in einer treffenden Definition des Winters in der Natur, »die Rückverwandlung der Fülle in die Einfachheit vor dem Werden«.

Das Publikum dankte Margarete Wolf für ihre sorgfältige Textauswahl und ihren einfühlsamen Vortrag. Sie lud ein zum nächsten Treffen von »Literatur im Turm« in der Stadtkirche am 25. Juli, wenn es um Text und Musik zum Thema »Kreutzersonate« geht.

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