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Auf Intensivstationen und Covid-Isolierstationen sind in den letzten Wochen deutschlandweit Tausende Patienten behandelt worden, es hat etliche Todesfälle gegeben. Zu Hause warten Angehörige auf Nachrichten. Doch eine zeitnahe Information funktioniert angesichts der Arbeitsbelastung in den Kliniken offenbar nicht in allen Fällen. SYMBOLFOTO: DPA

Geschockte Angehörige

Friedberg: Todesnachricht vom Vater nur über Umwege per WhatsApp? GZW äußert sich

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Stirbt ein geliebter Mensch, wollen Angehörige Abschied nehmen. In Corona-Zeiten ist das oft unmöglich. Umso bitterer ist es für die Familie, wenn sie die Todesnachricht spät und quasi zufällig erhält.

Wolfgang Winter ging auf die achtzig zu, lebte in einem Altenheim in Echzell und hatte das Pech, sich mit Corona zu infizieren. Wie Michael Winter berichtet, wurde sein verwitweter Vater am 11. Januar zur Behandlung ins Bürgerhospital Friedberg gebracht. Bei dem 77-jährigen Patienten nahm die Krankheit nicht den erhofften Verlauf, vielmehr musste er auf der Intensivstation beatmet werden. »In einem Telefongespräch mit der Klinik wurde geklärt, ihn nicht ins künstliche Koma zu versetzen«, sagt Michael Winter, der auch als Betreuer seines Vaters fungierte.

Wie der Sohn weiter berichtet, habe er am 15. Januar erneut einen Anruf aus dem Bürgerhospital erhalten. Der Zustand des 77-Jährigen habe sich verbessert, er könne die Intensivstation verlassen. Michael Winter und seinem Bruder war allerdings klar: Über den Berg war der Vater noch lange nicht. Der Klinikmitarbeiter habe zugesagt, sich wieder zu melden, falls sich eine Veränderung ergebe.

WhatsApp vom Hausarzt

Nach Angaben der Angehörige erhielten sie in den nächsten Tagen keine neuen Nachrichten. Deshalb fiel Michael Winter aus allen Wolken, als er am 19. Januar einen Anruf seines Bruders erhielt. »Bei ihm hatte sich der Hausarzt unserer Familie per WhatsApp gemeldet, um sein Beileid zum Tod unseres Vaters zu bekunden.« Michael Winter war empört, meldete sich telefonisch in der Klinik. Wie ein Pfleger berichtet habe, sei Wolfgang Winter bereits in der Nacht zum Sonntag (17. Januar) verstorben. In dieser Nacht habe es einige Todesfälle gegeben, möglicherweise sei die Benachrichtigung der Angehörigen vergessen worden.

»Das war ein Schock für uns. Wir haben volles Verständnis für die große Arbeitsbelastung, die in den Kliniken herrscht. Aber so etwas darf nicht passieren«, sagt Michael Winter, der schon seine Mutter auf tragische Weise verloren hat (siehe Zusatzartikel). »Beide Elternteile sind verstorben, ohne dass ich Abschied von ihnen nehmen konnte«. Wie der Echzeller sagt, sei es inzwischen zu einem klärenden Gespräch mit dem Chefarzt der Inneren Medizin des Bürgerhospitals gekommen, der sich entschuldigt habe. Am Mittwoch vergangener Woche wurde Wolfgang Winter beerdigt.

Vonseiten des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW), zu dem das Bürgerhospital gehört, wird der Sachverhalt etwas anders geschildert. »In der Nacht des Todes von Herrn Winter, in der auf der Station weitere Personen verstarben, hatte der diensthabende Arzt keine Gelegenheit, die Familie zu erreichen«, erklärt GZW-Pressesprecherin Hedwig Rohde.

GZW: Familie am Montag informiert

Am Montag sei sowohl der Hausarzt der Familie als auch der Bruder von Michael Winter unterrichtet worden. »Insofern ist die Behauptung, es habe keine Kontakte durch die Klinik gegeben, als unrichtig zurückzuweisen«, betont Rohde. Die Familie Winter bleibt allerdings bei ihrer Darstellung, erst am Dienstag durch die Beileidsbekundung des Hausarztes vom Tod des Vaters erfahren zu haben.

Wie die GZW-Pressesprecherin weiter erläutert, sei der Ablauf der Verständigung der Familie eines Verstorbenen im Bürgerhospital und den anderen Häusern des Gesundheitszentrums klar geregelt. »Hierzu gibt es im Rahmen des Qualitätsmanagements eine allen Ärzten bekannte und von allen Ärzten unterschriebene Dienstanweisung, wonach die Familie sofort zu unterrichten ist.« Zudem werde der Hausarzt des Verstorbenen am nächsten Werktag informiert. Rohde: »Auch der Chefarzt der Inneren Medizin, Herr Prof. Voswinckel, hat vergangene Woche mit der Familie gesprochen. Er konnte den Unmut der Angehörigen verstehen, warb aber seinerseits um Verständnis für die Belastungssituation der Klinik und hatte nach dem Gespräch den Eindruck, dass etwaige Unstimmigkeiten ausgeräumt seien.«

Mutter bei Brand verstorben

Vor gut drei Jahren hat Michael Winter, dessen Vater Wolfgang jetzt an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben ist, seine Mutter auf tragische Weise verloren. Am 11. Oktober 2017 war das Haus der Familie in Echzell abgebrannt. Während sechs Personen rechtzeitig ins Freie fliehen konnten, war das Leben der Mutter von Michael Winter nicht mehr zu retten. Wie die Untersuchungen der Polizei zur Brandursache später ergaben, war das Feuer durch eine Fritteuse ausgelöst worden. Wolfgang Winter, damals 74 Jahre alt, hatte sich beim Versuch, die Flammen zu löschen, leichte Brandverletzungen und eine Rauchgasvergiftung zugezogen. Seine 72-jährige Ehefrau kam ums Leben.

Wie die Familie jetzt berichtet, habe sich Wolfgang Winter von dieser Tragödie nie mehr ganz erholt. Der Schock, seine Frau und das gemeinsame Heim verloren zu haben, sei zu groß gewesen. Ein Jahr nach dem Brand sei der Vater in ein Seniorenheim gezogen, berichtet Michael Winter. Auch vom Vater, der jetzt ein Opfer von Corona wurde, konnte sich die Familie nicht verabschieden.

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