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Brücke zur Gesellschaft

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Jutta und Claus Balser lernen spielerisch Deutsch und Rechnen mit den in Dorheim untergebrachten Asylsuchenden aus Somalia und Afghanistan.	(Fotos: hau)
Jutta und Claus Balser lernen spielerisch Deutsch und Rechnen mit den in Dorheim untergebrachten Asylsuchenden aus Somalia und Afghanistan. (Fotos: hau) © Annette Hausmanns

Friedberg-Dorheim (hau). Integration ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Diesen Leitsatz leben das Ehepaar Balser in Dorheim und seine Mitstreiter. Sie kümmern sich intensiv um Flüchtlinge. Eine Mammutaufgabe zwischen Trauma, Stress und fehlender Unterstützung.

Wie geht es dir?«, fragen Jutta und Claus Balser jeden einzelnen ihrer Schüler an diesem Unterrichtstag im Dezember. Per Handschlag begrüßen die beiden pensionierten Lehrer jeden Morgen um punkt 9 Uhr die zehn jungen Männer aus Somalia und Afghanistan im Werkraum der Brüder-Grimm-Schule zum Unterricht. Außer freitags, da gehen die aus ihrer Heimat Geflüchteten in die Moschee, und am Wochenende haben sie frei, so wie deutsche Schüler auch.

»Unsere Jungs sind fleißig und hoch motiviert«, erzählt das Ehepaar Balser. Seit August unterrichten der ehemalige Schulleiter und die Grundschullehrerin im Ruhestand die Asylsuchenden. Auf dem Stundenplan stehen Lesen und Schreiben, am Alltag orientiertes Rechnen und die Vermittlung von Grundwerten und Verhaltensregeln. Jahres- und Uhrzeiten werden in Musik verpackt, die Schüler rechnen mit Plastikgeld, sie spielen sich buchstäblich den Rechenball zu, lesen Texte und schreiben kleine Sätze auf.

Trotz der heterogenen Zusammensetzung der Lerngruppe – fünf junge Männer sind Analphabeten, die drei Afghanen sind zu diesem Zeitpunkt erst seit drei Wochen in Dorheim – können sich alle über rasche Lernfortschritte freuen. In einer Atmosphäre aus Zuwendung und Vertrauen begegnen die leidenschaftlichen Pädagogen ihren Schützlingen. Traumatische Erlebnisse von der jahrelangen Flucht über Folter und Gefängnis bis zu Schussverletzungen sind nicht einfach auszuradieren. »Wir sind die Brücke in die Gesellschaft für die Asylsuchenden«, blicken Jutta und Claus Balser voll Zuversicht auf ihre Aufgabe.

An diesem Schultag steht ein besonderes Ereignis an: »Wir dürfen bei der Weihnachtsfeier der Schule auftreten«, freuen sich die Pädagogen und ihre Jungs. Vorbereitet haben sie ein deutsches Jahreszeitenlied und das afrikanische Kinderlied »Obwisana«. Jutta Balser spielt Gitarre, eine Trommel dreht bei ihren Schülern die Runde und alle klatschen den Rhythmus. Nach einer Teepause geht es hinüber in die Schulturnhalle, das Lampenfieber geht mit.

Mit großem Hallo werden die Gäste von Schulleiter Holger Frieß, von Pfarrer Hilmar Gronau, den Lehrern und Schülern begrüßt. Ihre Lieder werden von ungezählten kleinen Klatschhänden begleitet, und am Ende gibt es tosenden Applaus. Die jungen Männer freuen sich über Geschenke und machen sich schließlich auf den Weg in ihre Flüchtlingsunterkunft. Hier müssen sie aufpassen, dass ihnen nicht die Decke auf den Kopf fällt.

»Integration ist nicht nur Aufgabe der Ankommenden, sondern der ganzen Gesellschaft«, sind Jutta und Claus Balser überzeugt. »Wenn wir Parallelgesellschaften verhindern wollen, müssen wir rasch unsere Sprache und die Werte des Grundgesetzes vermitteln.« Damit der Alltag gelingt, stehen auch in Dorheim mit seinen derzeit neun Geflüchteten zahllose Herausforderungen an – von einer ausgefallenen Heizungsanlage in der Flüchtlingsunterkunft bis zum zufällig entdeckten Ablauf dreier Aufenthaltsgenehmigungen am 24. Dezember.

Allen voran sind es die Jura-Studentin Lisa Beck, Adelheid Rack und ihr Mann Dr. Klaus-Dieter Rack, die sich mit aller Kraft kümmern. Während der Ortsvorsteher eher im Hintergrund die Schriftlichkeiten erledigt, den Kontakt zu Behörden sucht und den Kontakt zu den Asylsuchenden pflegt, obliegt den Frauen die tägliche Sorge um Haushalt, Einkäufe, Arztbesuche oder Behördengänge. Was sich so einfach liest, ist in der Praxis offenbar mit Hürden verbunden.

Am Ende ihrer Kräfte

Mitunter seien sie am Ende ihrer Kräfte, gesteht Adelheid Rack und wünscht sich mehr Unterstützung durch Behörden und Bevölkerung. Der Komplettausfall der Heizung, der Zusammenbruch der Elektrik und die defekte Dusche im von der Stadt gemieteten Einfamilienhaus stünden als Bespiele dafür, dass sie auf Hinweise und Hilferufe meist keine Antwort erhielten. Weder gebe es einen Zugang zum Schaltkasten noch einen Notfalldienst am Wochenende.

Geradezu bizarre Hürden halte der Behördendschungel bereit. Von Pontius zu Pilatus lief Rack beispielsweise kurz vor Heiligabend, um die Aufenthaltsgestattung für die drei Neuzugänge verlängert zu bekommen. Eine andere Geschichte: Bei der Krankenhilfestelle des Wetteraukreises habe sie erfahren, dass Krankenscheine für Asylsuchende nicht telefonisch bestellt werden könnten, von Ehrenamtlichen schon gar nicht. Hierfür sei der städtische Sozialarbeiter zuständig. Schwierig, bei einem einzigen Sozialarbeiter für ganz Friedberg.

Tagtäglich erführen die Ehrenamtlichen, dass die Zuständigkeiten zwischen Stadt und Kreis unzureichend geklärt seien, bemängeln die Dorheimer Helfer und fühlen sich weitestgehend alleingelassen. Einerseits räumten die Behörden ein, in Sachen Flüchtlings-betreuung auf Ehrenamtliche angewiesen zu sein, andererseits sei man »nicht bereit oder in der Lage, mit den Ehrenamtlichen zusammen zum Wohl der Geflüchteten und für ein friedliches Miteinander in der Bevölkerung zu kooperieren«.

Dabei seien es gerade der verlässliche Beistand und die festen Bezugspersonen, die den Asylsuchenden zur Selbstständigkeit verhelfen könnten. »Diese Selbstständigkeit ist unser Ziel«, betonen die Helfer. Ärzte und Apotheker im Ort, Schule, Pfarrer und der Fußballverein legten sich vorbildlich ins Zeug. Stärker als bis jetzt seien weitere Ortsvereine und Mitbürger gefragt. Vorstellbar wären Spielangebote, Sport, Ausflüge, Werk- oder Reparaturschulungangebote. Vonseiten der Stadt könnten sich die Helfer vor allem Arbeits- oder Mitwirkungsangebote vorstellen. Mit Absichtserklärungen sei niemandem geholfen.

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