Pläne für neue Landesstraße

Bruchenbrücken: Widerstand gegen "gigantische Straße"

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Die Friedberger Stadtverordneten haben sich mehrheitlich gegen den Neubau der Landesstraße nach Bruchenbrücken ausgesprochen. Hessen Mobil soll die Pläne überarbeiten.

Wie groß ist der Flächenverbrauch, wenn Hessen Mobil quer über die Äcker eine neue Landesstraße nach Bruchenbrücken baut? Ein Bewohner der Görbelheimer Mühle hatte in einer Ausschusssitzung gesagt, es gehe bei dem Bauprojekt nicht, wie von Landwirten behauptet, um 20 Hektar, sondern nur um 1,4 bis 1,6 Hektar. Florian Uebelacker (Grüne) machte am Donnerstag in der Stadtverordnetenversammlung eine andere Rechnung auf.

Uebelacker kommt anhand der Planungsunterlagen auf drei bis vier Fußballfelder, etwas mehr als zwei Hektar. "Das ist aber nur die reine Straße, da ist keine Böschung dabei und kein Weg, um abgeschnittene Felder zu erreichen." Uebelacker überschlug den Landverbrauch zwischen Bahntunnel und ehemaliger Dorflinde auf fünf Hektar. Den Grünen ist das deutlich zu viel. SPD, FDP und Linke schlossen sich dieser Meinung an.

Befürchtung: Radweg entfällt

Unstrittig ist, dass der (zu enge und derzeit durch eine Ampel geregelte) Bahntunnel verlegt und vergrößert wird. Werden dann, wie befürchtet wird, Lkw-Fahrer von ihren Navigationsgeräten durch Bruchenbrücken gelotst? Durch eine enge und verwinkelte Ortsdurchfahrt, die sich ganz und gar nicht für Güterfernverkehr eignet? Auch dieses Argument wollte Uebelacker nicht stehen lassen. "Wir dürfen unsere Politik nicht nach Navigationsgeräten ausrichten." Hessen Mobil müsse dafür sorgen, dass die Navis die entsprechenden Informationen erhalten und die Lkw nicht durch Bruchenbrücken fahren. Die Grünen lehnten eine "große Umgehung um die Görbelheimer Mühle" ab. Stattdessen sollten die Autofahrer angehalten werden, langsamer zu fahren, besonders an der Engstelle direkt an der Mühle.

Achim Güssgen-Ackva (FDP) sprach von einer "seltenen Einigkeit zwischen FDP und Grünen". Auch er lehnte das "gigantische Bauprojekt", mit dem die Landschaft "zuplaniert" werde, ab. Die Landwirte lebten von den Äckern, der Flächenverbrauch müsse gestoppt werden. Im Zuge des B 3-Baus sei südlich von Friedberg eine riesige Kreuzung entstanden und "Land überflüssigerweise verbraucht" worden. Die Planer solcher Bauwerke säßen "weit weg", die Politik vor Ort müsse auf die Bremse treten.

Olaf Beisel (CDU) widersprach. Man dürfe nicht so tun, als ob zwei Hektar "das Schlimmste der Welt" seien. Bei einer anderen Verkehrsführung müssten Radfahrer die Straße kreuzen. Beisel: "Ich sehe aber keine Brücke in den Plänen der Grünen." Für die CDU, das bekräftigte auch Rosa Maria Bey, sind die Ausbaupläne vertretbar. Lehne man dies ab, bestehe die Gefahr, dass Hessen Mobil angesichts vieler anderer Projekte die Straßenausbaupläne zur Seite lege. Beisel: "Dann bekommt Bruchenbrücken keinen Radweg." Verantwortlich dafür seien dann jene Parteien, die das Projekt ablehnten.

"Todesängste" der Eltern

Als Elternbeiratsvorsitzende habe sie schon vor 50 Jahren für einen Radweg gekämpft, ergänzte Bey. Die Engstelle an der Mühle habe dies stets verhindert. Es gehe um die Sicherheit der Schulkinder. "Die Eltern halten Todesängste aus, dass ihre Kinder heil von der Schule zurückkommen." Jetzt endlich gebe es die Chance, einen sicheren Radweg zu bekommen. Bey: "Wenn wir das verzögern, tragen wir die Schuld, wenn es schwere Unfälle von Schulkindern gibt."

Ricardo Herbst (Linke) bekräftigte, dass Radfahrer dort gefährdet seien. Die Pläne von Hessen Mobil lehnte aber auch er ab. "Das ist eine gewachsene Naturlandschaft, die darf man nicht zerstören." Der Vorschlag der Grünen, den Radweg oberhalb der Erdkeller verlaufen zu lassen, sei gut.

"Die Planungen sollten noch einmal überdacht werden", sagte Dr. Klaus-Dieter Rack (SPD). Die Stadtverordneten dürften nicht auf Vorschläge von Hessen Mobil warten, sondern müssten selbst aktiv werden. Der Landverbrauch sei zu groß, das Projekt überdimensioniert. "Vor wenigen Tagen wurde gemeldet, dass das Getreide nicht mehr ausreicht, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Wir sollten vorsichtig mit Flächenverbrauch sei." Die alte Straße müsse ertüchtig werden, mehr nicht. CDU und UWG stimmten gegen den mehrheitlich angenommenen Grünen-Antrag, es gab eine Enthaltung.

Info

Die Wüstung Görbelheim

Das Dorf Görbelheim wurde im Spätmittelalter aufgegeben. 1525 sollen die letzten Görbelheimer "nach der Türkei", nach Ungarn oder in die Ukraine ausgewandert sein. Übrig blieb die nördlich der Siedlung gelegene ehemalige Mühle an der Wetter. Der denkmalgeschützte Gebäudekomplex ist heute bewohnt, Künstler und Galeristen haben hier Ateliers eingerichtet. Die ehemalige Dorflinde, die jenseits der Landesstraße auf einer kleinen Anhöhe steht, ist die größte ihrer Art weit und breit und ein imposantes Naturdenkmal. Zur Görbelheimer Mühle gehören auch Erdkeller. Wie es in der Stadtverordnetenversammlung hieß, sollen diese Keller nicht dem Denkmalschutz unterliegen. Die Anwohner sehen das anders. Die Erdkeller verhindern, dass die alte Landesstraße in der erforderlichen Breite ausgebaut werden kann. (jw)

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