Feridun Zaimoglu hat die Schicksale und Geschichten vieler Frauen ernst genommen. Daraus ist sein neues Buch entstanden, das er bei "Friedberg lässt lesen" vorstellt. 	FOTOS: LOD
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Feridun Zaimoglu hat die Schicksale und Geschichten vieler Frauen ernst genommen. Daraus ist sein neues Buch entstanden, das er bei »Friedberg lässt lesen« vorstellt. FOTOS: LOD

Sie brechen mit Konventionen

  • vonHarald Schuchardt
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Friedberg (har). Ein gern gesehener Gast bei »Friedberg lässt lesen« ist Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Der Sohn türkischer Eltern, der seit seinem sechsten Lebensmonat in Deutschland lebt, stellte am Dienstagabend im Bibliothekszentrum Klosterbau sein neues Buch »Die Geschichte der Frau« vor.

Ein kleiner Wehrmutstropfen: Nur die Hälfte der Plätze war besetzt, obwohl vorab viel mehr Karten verkauft waren, wie Claudia Westphalen vom Bibliothekszentrum Klosterbau in ihrer Begrüßung erläuterte. Sicher eine Folge des Coronavirus.

Nur drei Männer im Publikum

Das überwiegend weibliche Publikum - nur drei Männer waren gekommen - erlebte einen bestens aufgelegten Zaimoglu, der im Gespräch mit Westphalen zunächst ausführlich erklärte, warum er als Mann dieses Buch geschrieben hat: »Ich will die Frau hinter dem Mann sichtbar machen.«

Für den Schriftsteller sind Frauen in der Historie meist nur Randfiguren, doch er habe deren Geschichte ernst genommen. »Sichtbar werden soll jeweils die Frau, die mit der Geschichte bricht«, erklärete er. Der Buchtitel habe jedoch zu Missverständnissen geführt. »Ich bin von einigen Kritikern fast hingerichtet worden«, sagte der Schriftsteller, der ausführlich Westphalens Frage, nach welchen Kriterien er die zehn Frauen aus der 2500-jährigen Geschichte ausgewählt habe, einging.

Aus seiner Sicht sind die zehn Frauen »konstituierend für das Abendland«, egal ob sie nur eine literarische Figur sind oder tatsächlich gelebt haben. Er lässt in seinem Roman die Frauen die Geschichte ihrer Männer aus deren Sicht erzählen. Dies gelingt ihm, indem er im Präsens und dazu in der Ich-Form schreibt.

Für Zaimoglu gehören Zippora, die »schwarzhäutige« Frau des Moses (1490 v. Chr.) oder Antigone, die Tochter und Schwester von Ödipus, ebenso dazu wie die Revolutionärin Lisette Billstein (1849) oder als jüngstes Beispiel die Feministin und Mörderin Valerie Solanas (1964).

Zaimoglu bekannte, dass er radikal und »nicht schnarchend langweilig schreibe« und weiter: »Jeder hier in diesem Raum kann Recherchen betreiben und Ungeheuerliches entdecken.«

Er hätte durchaus auch mehr als 1000 Seiten schreiben können, doch eine Fortsetzung werde es nicht geben.

Nach dem Einführungsgespräch ließ Zaimoglu zwei ganz unterschiedliche Frauen zu Wort kommen. Zunächst war es die Loreley, die bei ihm Lore Lay heißt, nicht auf dem Rheinfelsen sitzt und die jungen Schiffer betört. Vielmehr ist Lore Lay eine Magd in Bacharach im Jahre 1799, die sich vehement mit Männern auseinandersetzen muss.

Hoch konzentriert und intensiv las Zaimoglu diese Passagen in einer Kunstsprache mit der er die Welt aus den Augen seiner Protagonistin beschreibt.

Die Zuhörer verstanden schnell, was Zaimoglu meinte, als er vor der Lesung sagte: »Ich bin die Loreley«. Nicht anders ist es bei Leyla, einer Gastarbeitertochter mit kleinem Sohn, die 1965 in Berlin lebt. Es ist die Fortsetzung von Zaimoglus Erfolgsroman »Leyla«, in der er 2006 die Geschichte seiner Mutter verarbeitete.

Schließlich gab es langen Beifall der Besucher für Zaimoglu und dessen etwas anderen »Frauenroman«.

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